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Janu & FragNebenan: Zusammen ist man weniger allein

Gelebte Nachbarschaft © Helena Wimmer

Wenn Apps und Online-Plattformen Bekanntschaften ins reale Leben zurückholen: Ein auf den ersten Blick widersprüchlicher Trend scheint einen Nerv zu treffen. Die App Janu und die Nachbarschaftsplattform FragNebenan füllen offensichtlich eine Lücke.

Social ≈ sozial

Menschen im realen Leben treffen soll mit Janu einfacher sein © Janu
Menschen im realen Leben treffen ist mit Janu einfacher © Janu

Social Media sind zu einem Paralleluniversum geworden. Anfang Dezember waren 3,7 Millionen Österreicher auf Facebook registriert, wie der Social Media Radar Austria zeigt. 1 Million Österreicher haben einen Account auf Instagram. Mit 140.000 österreichischen Usern ist Twitter vergleichsweise wenig beliebt. Bezeichnend ist auch, dass die Online-Videothek Netflix bei den beliebtesten Facebook-Seiten auf Platz vier liegt, hinter McDonald’s, RedBull und Volkswagen.

Österreicher halten sich also gerne im virtuellen Raum auf. Laut den Entwicklern der App Janu verbringt ein Durchschnittsnutzer täglich 42 Minuten auf Facebook. Hinzu kommen weitere 21 Minuten auf Instagram, weitere 25 Minuten auf Snapchat. „Wir verbringen täglich zwei Stunden mit Timelines und Followern. Dabei zieht das echte Leben an uns vorbei“, mahnen die Entwickler Sebastian und Stefan Wimmer und Philipp Rothe auf der Janu-Website.

Go out! Meet each other!

Das Janu-Team: Sebastian Wimmer, Stefan Wimmer, Philipp Rothe © Janu
Janu-Team: Sebastian Wimmer, Stefan Wimmer, Philipp Rothe © Janu

Mit ihrer App wollen sie Treffen und Unternehmungen in realen Leben einfacher gestalten. Nutzer können einfach und schnell Verabredungen ins Leben rufen, etwa zu einem Konzert oder einem Afterwork-Drink. Sinn der Sache ist, dass Nutzer sich einer Gruppe anhängen können oder Freunde von Freunden einander kennen lernen.

„Freunde oder Bekannte, die sich lange nicht gesehen haben, können so unkompliziert wieder in Kontakt treten“, erklärt Stefan Wimmer. „Wir bekommen gutes Feedback. Besonders gut funktioniert die App innerhalb von Freundeskreisen“, sagt der Entwickler. Durch Social Media und das umfassende virtuelle Unterhaltungsangebot wie etwa Netflix habe sich eine allgemeine Trägheit eingestellt. „Man lässt sich zu schnell ablenken. Mit Janu soll die Faulheit, nicht aus dem Haus zu gehen, überwunden werden“, sagt Wimmer.

Tinder is so 2016

Freunde finden, Gruppen bilden, Leute treffen © Janu
Freunde & Gruppen © Janu

Mit Apps wie Janu könnten künftig auch Dating-Apps obsolet werden. Meist entstehen Beziehungen durch gemeinsame Freunde, was Janu wiederum forciert. „Für manche funktionieren Dating-Apps sehr gut, das steht außer Frage, aber vielleicht brauchen wir sie irgendwann nicht mehr“, zeigt sich Wimmer zuversichtlich.

Janu hat seit seinem Relaunch Ende des vergangenen Jahres rund 1.000 Nutzer. Die Downloadzahlen steigen, im Jänner sollen es laut Wimmer mehr als 500 sein. Das nächste Update stehe in den Startlöchern.

„My name is Luka, I live on the second floor”

In dieselbe Kerbe wie Janu schlägt FragNebenan, eine Plattform für gelebte Nachbarschaft. Den Gründern erschien es befremdlich, die Menschen, mit denen man unter einem Dach lebt, nur flüchtig oder gar nicht zu kennen. Als Landei in der Stadt kann Anonymität angenehm sein. In einem Kommentar im Magazin lebensart erklärt Stefan Theißbacher, warum er umgedacht hat, als er sich in Wien etwas aufbauen wollte: „Da fand ich es plötzlich seltsam, Menschen, mit denen ich unter einem Dach lebe, im Stiegenhaus zwar mit ‚Hallo’ zu grüßen, sie draußen auf der Straße aber nicht als Nachbarn zu erkennen.“

Im Stiegenhaus kommen die Leut’ z’amm

Outing als Teil des FragNebenan-Netzwerks © FragNebenan
Auch analog Teil von FragNebenan © FragNebenan

So wie Janu will FragNebenan die „Leut’ z’ammbringen“, wie der Volksmund sagt. Mit mehr als 45.000 Nutzern geht das Konzept auf. Gestartet ist die Plattform in Wien, mittlerweile können sich Nachbarn in Graz, Leoben, Kapfenberg, Linz, Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck über die Plattform organisieren.

In Leoben und Kapfenberg sollte das Potential für Kleinstädte getestet werden. „Es gab zwar Anmeldungen, aber die Nachfrage ist nicht sehr groß. Wir denken, dass dort nachbarschaftliche Strukturen noch stärker vorhanden sind als in größeren Städten“, erklärt Theißbacher. Mit dem Radius von 750 Metern, der für FragNebenan als Nachbarschaft definiert wird, werde auch eine kritische Masse an Anwohnern nicht erreicht.

Volle Fahrt voraus

Stefan Theißbacher © Martin Pabis
Stefan Theißbacher © Martin Pabis

Im Jänner 2017 will das Startup die Schwelle von 50.000 Nutzern knacken. „Wir merken, dass sich die Plattform gerade viral verbreitet. Jeder registrierte Nutzer nimmt meist einen neuen Nachbarn mit“, sagt Mitgründer Theißbacher. Im neuen Jahr wollen sich die Gründer noch stärker in Österreich etablieren und in der zweiten Jahreshälfte auch den Sprung über die Staatsgrenze wagen. Ursprünglich sei Deutschland als neuer Markt geplant gewesen, dort gebe es aber bereits einen Mitbewerber. 2017 will FragNebenan außerdem in die schwarzen Zahlen kommen. Mit einer im November abgeschlossenen Finanzierung sei neuer Schwung in das Startup gekommen.

FragNebenan finanziert sich über Kooperationen mit der Stadt Wien und Dienstleistern. Lieferservices können mit der Plattform effizientere Routen planen, die Anwohner profitieren von Rabatten und Angeboten. Bei mehreren Thermenwartungen in der Nachbarschaft etwa erspart sich nicht nur der Dienstleister Zeit, auch die Nachbarn sowie die Umwelt profitieren von effizienteren Strukturen.

Many kids, many grannies

Mit einen Kundendienst will sich FragNebenan speziell auch an ältere Bewohner wenden. „25 Prozent unserer Nutzer sind älter als 50 Jahre“, zeigt sich Theißbacher zufrieden. Der Großteil der Nutzer ist im Alter von rund 30 Jahren. Durch die Plattform ergeben sich immer öfter symbiotische Beziehungen zwischen älteren und jüngeren Nachbarn. Es kommt etwa vor, dass Ältere auf die Kinder einer Jungfamilie aufpassen, die Eltern dafür den Einkauf des älteren Nachbarn erledigen, erzählt Theißbacher.

Wohnst du noch oder lebst du schon?

Foodsharing unter Nachbarn © Helena Wimmer
Foodsharing unter Nachbarn © Helena Wimmer

Eine aktuelle Studie im Auftrag von Immobilienscout24 zeigt, dass der Singlehaushalt beliebter und für immer mehr Menschen die ideale Wohnform ist. Zugleich ist das Wohnen für junge Menschen immer wichtiger. Vor allem die unter 30-Jährigen sehen das Zuhause als Rückzugsort. Die Work-Life-Balance ist ein extrem wichtiger Lebensbereich. Anwendungen wie Janu oder FragNebenan sind eine logische Konsequenz daraus, dass Menschen nicht mehr nur Wohnen, sondern auch an einem Ort leben wollen. Nicht umsonst macht das bei allen Generationen erfolgreiche Möbelhaus Ikea Werbung mit „Wohnst du noch oder lebst du schon?“

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