Interview

„Würde einer Frau den Vortritt geben“: Microsoft-Chefin Dorothee Ritz zur Frauenquote in der IT-Welt

Seit Juli 2015 ist Dorothee Ritz die Geschäftsführerin von Microsoft Österreich. © Microsoft
Seit Juli 2015 ist Dorothee Ritz die Geschäftsführerin von Microsoft Österreich. © Microsoft

Dorothee Ritz war zum Interview-Termin mit TrendingTopics.at etwas mehr als 100 Tage in ihrem neuen Amt: General Manager von Microsoft Austria. Die Deutsche, die seit 2004 in dem IT-Konzern tätig ist, spricht im Interview über viele brenzlige Themen, mit der sich der Software-Riese auch am kleinen österreichischen Markt auseinandersetzen muss: Das Smartphone-Geschäft, die Zukunft von Software, den Datenschutz nach dem Safe-Harbor-Ende und den geringen Frauenanteil in der IT-Wirtschaft.

Sie sind jetzt dreieinhalb Monate General Manager von Microsoft in Österreich. Wie oft sind Sie schon die Büro-Rutsche hinunter?

Dorothee Ritz: Meine Kinder haben mich mal besucht, und da haben wir das ausprobiert. Also schon einige Male. Es ist aber nicht mit High Heels zu empfehlen, möchte ich dazusagen.

Im Ernst: Wie lautet das Zwischenfazit, wo liegen die größten Herausforderungen für Sie?

Österreich ist nicht anders als andere Märkte. Alle beschäftigt die Digitalisierung, wo es einerseits wahnsinnig viele neue Geschäftsmöglichkeiten gibt und andererseits Bedrohungen fürs Kerngeschäft. Österreich ist ein traditioneller Markt, aber wenn er sich bewegt, dann ordentlich. Ich habe keinen Kunden und Partner getroffen, den ich erst überzeugen musste, dass digitale Transformation wichtig ist. Interessanterweise sind die öffentlichen Partner Vorreiter. Ich selber habe ein wunderbares Team übernommen, da gibt´s gar nix. Für uns stellt sich eher die Frage: Wie können wir schnell genug wachsen und dem Bedarf gerecht werden?

Viele Beobachter sprechen vom digitalen Tsunami, der über Europa fegt. Sie haben aber offenbar einen anderen Eindruck, hier wird niemand überrumpelt.

Das ist sehr unterschiedlich. Für die einen wie den Bankensektor ist es eine Disruption, andere, deren Kerngeschäft gesund ist, können sich aus der Digitalisierung neue Möglichkeiten schaffen. Ein KMU stellt plötzlich nicht mehr nur Maschinen oder Produkte her, sondern intelligente Produkte und Dienstleistungen. Dies kann aber auch ein Industrieroboter sein, der in der Fabrik der Zukunft autonom tätig ist, bei der Fertigung Entscheidungen trifft und seinen Wartungsbedarf selbsttätig mitteilt. Man ist nicht mehr nur Autozulieferer, sondern wird Teil der Autowartung, man stellt nicht mehr nur Photovoltaik-Anlagen her, sondern bestimmt die Informationsgewinnung mit. In diesem Prozess befinden sich schon viele, aber sie sind unterschiedlich weit.

Und da kommt Microsoft mit seinen Cloud-Services ins Spiel.

Ja, denn nur die Gesamtheit zählt: Die Impulsketten der digitalen Transformation sind eng miteinander verknüpft. Mobile-, Cloud-, Big-Data- oder Crowd-Themen gehen ineinander über, beeinflussen sich gegenseitig und lassen sich nicht singulär betrachten. Erst in der intelligenten Verknüpfung dieser Themen entsteht der gesellschaftliche und ökonomische Wertbeitrag. Eine Verknüpfung, die wir nicht nur mit Windows 10, Office 365 oder unserem Cloud-Dienst Azure, sondern entlang unseres gesamten Produktportfolios vollziehen.

Sind Windows und Office für Microsoft noch die Cashcows, oder kommen wesentliche Teile des Umsatzes bereits aus der Cloud?

Wir geben nie lokale Zahlen heraus, das tue ich auch heute nicht. Aber mit Abstand am schnellsten wachsen die Cloud-Produkte, dazu gehört eben Office365 und Azure. Der Bedarf an Datenspeicher wächst enorm. Was uns am Ende aber auszeichnet: Unsere Kunden können selbst bestimmen, wie viel Cloud sie haben wollen. Man kann alles in der Cloud abbilden, aber man kann auch alles auf der eigenen Server-Infrastruktur aufsetzen, oder eine Lösung zwischen den beiden Polen. Windows ist als Basis für uns aber nach wie vor enorm wichtig, Office natürlich ebenfalls.

Stichwort Office: Vor einigen Wochen gab es bei der Apple-Präsentation des iPad Pro eine spannende Situation, als nämlich ein Microsoft-Manager auf die Bühne kam und dort Office fürs iPad zeigte. Vor einigen Jahren wäre das zwischen den Erzrivalen Apple und Microsoft unvorstellbar gewesen.

Ja, das ist eine neue Offenheit. Damit fühle ich mich wahnsinnig wohl, den grundlegend geht es ja darum, die Kundenwünsche zu erfüllen. Es gibt unterschiedliche Endgeräte, der Endkonsument braucht Wahlmöglichkeiten. Deswegen ist es super, wenn heute Office für den Mac genauso gut ist wie Office für Windows. Das war vor einigen Jahren noch nicht so. Wir erkennen an, dass andere tolle Endgeräte machen, und wir stellen sicher, dass der Kunde dort die beste Version von Office bekommt. Ein anderes Zeichen für die neue Offenheit ist übrigens: Wir sind zu einem der größten Anbieter für Linux geworden. Wenn vor ein paar Jahren das Wort “Open Source” bei uns verwendet hat, haben sich die Nackenhaare aufgestellt, heute ist das ein großes Business für uns. Wenn man sich vom Lizenzmodell verabschiedet und auf ein Abomodell setzt, passt das plötzlich wunderbar.

Was Microsoft neuerdings auch macht: eine ganze Reihe an eigenen Endgeräten. Will man mit der Hardware relevanten Umsatz machen, oder ist es das Ziel, Drittherstellern den Weg vorzugeben und diesen Windows 10 schmackhaft zu machen?

Die neuen Devices aus dem eigenen Haus, wie etwa das kürzlich vorgestellte Surface Book, um nur ein Beispiel zu nennen, haben eine wichtige Signalwirkung. Damit wollen wir zeigen, was im nahtlosen Zusammenspiel von Hardware, Software und Services alles möglich ist. Eine entscheidende Rolle in diesem Dreiklang dabei spielt Windows 10, das vor allem in Kombination mit den leistungsstärksten Endgeräten – egal ob von uns oder unseren Hardware-Partnern – sein volles Leistungspotenzial entfalten kann. Insofern würde ich mal behaupten, dass es Drittherstellern geholfen hat, als Microsoft mit der Surface-Reihe eigene Tablets herzustellen begann und eine eigene Gerätekategorie geschaffen hat.

Ein Punkt der Microsoft-Strategie heißt ja “Mobile first”. Da sind Google und Apple deutlich weiter. Welche Chance geben sie den hauseigenen Lumia-Smartphones hinsichtlich Marktanteil?

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Screenshot von Ritz`s Lumia 930.

Smartphones sind nicht unsere Definition von “Mobile first”. Für uns bedeutet es eher, dass bei allem, was man mit unseren Produkten tun kann, es mobil getan wird. Da geht es um Datenübertragung, Sicherheit, Zugriff, verschiedene Formfaktoren, vom Tablet bis zum Smartband. Hinsichtlich Marktanteile für Geräte mit unserem Windows-Betriebssystem können wir uns aber viel zutrauen. Gerade im Business-Bereich sind wir auf einem gutem Weg, unsere neuen Geräte treffen den gehobenen Business-bedarf sicher gut. Man muss sich auch immer fragen, wie viel Wachstum kostet. Im Smartphone-Bereich hat man in den letzten Jahren viele Player kommen und gehen sehen, dass ist sicher nicht Microsofts Strategie, sich teuer Marktanteile zu kaufen.

Zurück zum Cloud-Geschäft. Vor zwei Wochen hat der EuGH das Safe-Harbor-Abkommen für ungültig erklärt. Wie stellt Microsoft sicher, dass es weiter legal Daten in die USA zur Verarbeitung schicken kann?

Grundsätzlich sehen wir uns in einer guten Situation, weil es neben Safe Harbor auch die EU Standardvertragsklauseln gibt, die wir für unsere Cloud-Services seit mehr als zwei Jahren anbieten. Auch bewahren wir die Daten unserer EU-Kunden und Partner sicher und primär in der EU auf. Wir belegen das geforderte EU-Datenschutzniveau auch durch unsere ISO-27018-Zertifizierung.

Und jene Kunden, die Microsofts Cloud-Services nutzen?

Jeder Kunde sollte sich noch einmal ansehen, wie seine spezifische Lage ist und mit den Behörden zu schneller Klarheit kommen, ob man rechtmäßig unterwegs ist. Unser oberster Jurist Brad Smith hat für unsere Kunden einen Blog-Eintrag zur Verfügung gestellt und das Thema dort umfassend behandelt, da verweisen wir alle darauf hin.

Wie glauben Sie, wird sich das Thema weiterentwickeln? EU und USA müssen jetzt ein neues Abkommen treffen, was aufgrund der unterschiedlichen Auffassungen in punkto Datenschutz schwer sein dürfte.

Das ist jetzt eine einmalige Chance, eben genau jene Rahmenbedingung für eine zeitgemäße Privatsphäre auf internationaler Ebene zu schaffen – quasi eine Evolution der Privatsphäre, eine digitale Privatsphäre. Daher bin ich auch zuversichtlich, dass sich die USA und EU hier einigen werden. Wir fordern diese Anpassung schon länger, wie auf http://digitalconstitution.com beschrieben.

Es gibt auch Schwarzmaler, die von einer Abkapselung des europäischen Internet reden, weil der Datentransfer zwischen USA und EU nicht mehr rechtens ist.

Ich glaube an kein Inferno-Szenario, man muss sich zusammensetzen und klar definieren, welche Anwendungsszenarien man gelöst haben will. Wie gesagt, wir haben Lösungen, die EU-Standardvertragsklauseln schaffen für unsere Kunden derzeit Rechtssicherheit, der Rest liegt bei der Politik.

Sie waren eine Zeit bei AOL tätig. Seit dem 1. Oktober 2015 sind AOL und Microsoft Advertising in die AOL Germany GmbH aufgegangen. Welchen Stellenwert hat das Werbegeschäft für Microsoft in DACH überhaupt noch, wenn es ausgelagert wird?

Andere können das sicher besser, weil sie einen stärkeren Fokus darauf haben. Ich habe lange das Microsoft-Geschäft in Deutschland geleitet, und wir waren lange Jahre sehr erfolgreich darin. Im Augenblick gibt es bei uns eine starke Fokussierung auf die Cloud sowie auf die Suchmaschine Bing und deren Vermarktung. Microsoft kann Search gut, aber uns fehlt der Fokus fürs Display-Geschäft. Da ist es ja konsequent und gut, es in die Hände von jemanden zu geben, er das Geschäft bestens kann. Trotzdem ist die Einnahmequelle Werbung für Microsoft unendlich wichtig, eine große Säule. In Österreich hat übrigens AppNexus die Vermarktung übernommen, die sind gerade dabei, ihr Geschäft hierzulande aufzubauen.

Es gibt schon seit längerem eine große Diskussion um den Frauenanteil in der IT-Welt, der vielen viel zu klein ist. In der österreichischen Start-up-Szene etwa gibt es nur 12 Prozent Frauen. Warum ist das ein Nachteil?

Das ist ein riesengroßer Standortnachteil. Sowohl Wirtschaft als auch Politik haben den Auftrag, die Mädchen mit 13, 14 Jahren abzuholen und ihnen Lust auf IT zu machen. Ich gehe selbst ab und zu in Schulen, und wenn ich da frage, wer IT mag, bekommt man erst Mal Ablehnung. Doch wenn man ihnen erzählt, dass Technologie in Bereichen wie Handel, Marketing oder in kreativen Berufen wichtig ist, sieht die Sache anders aus. Das ist ein großer Auftrag für die Politik, diese jungen Frauen viel früher abzuholen. Das gilt übrigens auch für junge Männer, auch die müssen viel früher lernen unternehmerisch zu denken. Der größte Wachstumsblocker für Microsoft in Österreich ist, qualifiziertes Personal zu finden. Wir brauchen Leute, die die Wertschöpfung der IT, etwa im Vertrieb und im Marketing, vermitteln können. Da gibt es viel zu wenige.

Die Ausbildung von jungen Frauen zu ändern, ist ein Zehnjahresprojekt. Wie aber kann man die die Frauenquote heute schnell erhöhen? Würden Sie eine Frau bei gleicher Qualifikation einem Mann bevorzugen, etwa bei einer Stellenbewerbung oder einer internen Ausschreibung?

Hier bei Microsoft brauchen wir das nicht mehr, wir haben 30 Prozent Frauenanteil in der Gesamtbelegschaft und 30 Prozent Frauen in Führungsgremien. Wenn ich aber in einem Unternehmen sitzen würde, das Produkte für eine breite Zielgruppe anbietet und in dem Frauen unterrepräsentiert sind, dann würde ich einer Frau den Vortritt geben. Mein Mitleid für die Männer hält sich da in Grenzen, die sind Jahrzehnte lang bevorzugt worden. Ich glaube fest daran, eine diverse Führungsgruppe erzielt bessere Ergebnisse als eine homogene. Wer einen Massenmarkt bedient, der tut gut daran, das breite Spektrum von Kulturen, Ländern, Geschlechtern, Altersklassen und Religionen im eigenen Unternehmen abzubilden.

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