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Global Risks Report

World Economic Forum: Forderung einer globalen Technologie-Governance wird lauter

© NASA on Unsplash
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Der Global Risks Report 2020 des WEF (World Economic Forum) ist seit Mittwoch Tagen online. Positive Aspekte für die Zukunft gibt es darin nur wenige: Nicht nur der Klimawandel ist demnach ein großes Problem, auch geopolitische Unsicherheiten und durch Menschen verursachte Katastrophen sieht das WEF als künftige Herausforderung. Und: Auch das Internet – und unser Umgang damit – könnte noch für Schwierigkeiten sorgen.

Kapitel 5 nennt das WEF „Wild Wide Web“. Darin beschäftigen sich die Experten mit den Konsequenzen der digitalen Fragmentierung. Einleitend heißt es:

„Erhöhte geopolitische Spannungen, die in den vorangegangenen Kapiteln erörtert wurden, können sich ebenfalls negativ auf das enorme wirtschaftliche Potenzial der nächsten Technologie-Generation auswirken. Das derzeitige Fehlen einer globalen Technologie-Governance und das Vorhandensein blinder Flecken im Bereich der Cybersicherheit erhöhen das Risiko einer Fragmentierung des Cyberspace und konkurrierender Technologieregelungen.“

Fakten zur vierten industriellen Revolution

Die nackten Daten: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist mittlerweile online. Jeden Tag bekommt eine zusätzliche Million Menschen Zugang zum Internet. Zwei Drittel der Menschen besitzen ein mobiles Gerät. Laut dem WEF ist das Chance und Risiko zugleich: Die Technologien der vierten industriellen Revolution (4IR) würden bereits jetzt enorme wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile bringen, künstliche Intelligenz könnte das globale Wachstum bis 2030 voraussichtlich um 14 % steigern.

Intelligente Technologien würden ein enormes Potenzial zur Verbesserung des menschlichen Lebens und der Gesundheit des Planeten bieten. Konkrete Beispiele nennen die Studienmacher auch: Satelliten-gestützte Anwendungen sollen Landwirten helfen, ihre Ernte effizient zu bewässern. Für eine bessere Mobilität können ältere Menschen autonome Fahrzeuge einsetzen. Prothesen können in 3D gedruckt werden. Das Internet der Dinge kann laut WEF sogar dazu beitragen, den CO2-Ausstoß durch Optimierung des Energieverbrauchs und Verringerung von Verkehrsstaus zu senken. Alles gut also, oder?

Cyberangriffe als stete Gefahr

Nicht ganz, die Risiken folgen nämlich auf dem Fuß. Das WEF schreibt: „Es sind zuletzt jedoch auch viele unbeabsichtigte Folgen aufgetreten. Cyberangriffe sind zu einer häufigen Gefahr für Einzelpersonen und Unternehmen geworden.“ Laut Umfragen des WEF ist das Risiko nicht zu unterschätzen, Cyberattacken gelten demnach als der zweithäufigste Risikofaktor für globale Geschäftstätigkeiten in den nächsten zehn Jahren.

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Netze der fünften Generation (5G), Quantencomputer und KI würden darüber hinaus nicht nur Chancen, sondern auch neue Bedrohungen eröffnen. Das Fehlen eines globalen Governance-Rahmens für Technologie berge die Gefahr einer Fragmentierung des Cyberspace, die das Wirtschaftswachstum hemmen, geopolitische Rivalitäten verschärfen und die Spaltungen innerhalb der Gesellschaften ausweiten könne.

Globale Zusammenarbeit gefordert

Als entscheidend sieht das WEF eine globale Tech- und Cyber-Governance. Versuche, die Sicherheits-Herausforderungen von 4IR-Technologien zu bewältigen, würden zwar zunehmen, seien jedoch häufig noch fragmentiert und in Umfang und Teilnehmerzahl begrenzt. Auch internationale Anstrengungen zur Entwicklung von AI-Standards würden bereits unternommen, ebenso zum Informationsaustausch zum Thema Cybersicherheit. Die Zunahme solcher Initiativen habe jedoch zur Folge, dass auch die Reaktionen auf derartige Bedrohung fragmentiert werden. Organisationen, die über nationale Grenzen hinweg tätig sind, würden oft widersprüchliche Verpflichtungen auferlegt bekommen.

Es sei darum dringend erforderlich, eine umfassendere und agilere globale Governance-Architektur zu schaffen. Damit sollen die von der 4IR aufgeworfenen dynamischen und miteinander verflochtenen Sicherheitsprobleme angegangen werden. Das „Zeitalter der digitalen Interdependenz“ werde allen Gesellschaften nur zugute kommen, wenn die „damit verbundenen weitreichenden geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken koordiniert und inklusiv bewältigt werden“.

Unternehmen vs Staat

Für das Wild Wide Web benennt der Report einige Aspekte, an denen Regierungen und Unternehmen arbeiten müssen. Eine globale Einigung würde beispielsweise geopolitische Risiken minimieren. Das WEF schreibt dazu:

„In der Tat haben globale Technologieunternehmen offene digitale Grenzen genutzt, um globale Lieferketten zu integrieren und Menschen weltweit zu vernetzen. Diese Unternehmen fordern jedoch auch einige Kernkompetenzen der Nationalstaaten heraus, beispielsweise die Festlegung von Standards und die Geldpolitik. Technologische Vorherrschaft und künftige nationale Wettbewerbsfähigkeit gehen Hand in Hand.

Das Fehlen eines globalen Tech-Governance-Rahmens erhöht den Einfluss der Unternehmen auf die Festlegung von Standards, ausländische Beteiligungen an nationalen, kritischen Infrastrukturen, den Erwerb einheimischer Technologie im Ausland, das Offshoring von Daten und den Technologietransfer als Preis für den Zugang zu ausländischen Märkten, was die gesellschaftlichen Risiken beeinflusst.“

Die gegenwärtigen internationalen Entwicklungen deuten jedoch auf ein erhöhtes Risiko der Divergenz hin, die zu „einer Fragmentierung des Cyberspace und zukünftiger Technologien führen“ könnte. Das WEF befürchtet konkret ein neues digitales Wettrüsten. Die digitale Abhängigkeit verändere die Art der internationalen und nationalen Sicherheit und werfe drei dringende Fragen auf:

Wie kann man kritische Infrastrukturen schützen, gesellschaftliche Werte wahren und die Eskalation von Konflikten zwischen Staaten verhindern?

Der Cyberspace sei mittlerweile zu einer Erweiterung des militärischen Bereichs geworden. Vergangenes Jahr einigten sich mehrere Länder auf die Festlegung von Leitprinzipien für den Einsatz tödlicher autonomer Waffensysteme. Wichtige Militärmächte widersetzen sich jedoch der internationalen gesetzlichen Regulierung. Dies erhöhe das Risiko schwerwiegender zukünftiger Pannen.

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„Menschliche Dystopie“

Auch daraus resultierende ökonomische Risiken nennt das WEF. Länder müssten in Zeiten langsamen Wachstums einen Kompromiss zwischen kurzfristigem wirtschaftlichem Gewinn und langfristiger Sicherheit in einem zunehmend herausfordernden geopolitischen Kontext eingehen. Weitere Risiken:

  • Fragmentierungskosten
    „Es wird geschätzt, dass eine vollständige Abschaltung des Internets in der heutigen global vernetzten Wirtschaft zu einem täglichen BIP-Verlust von 1,9 % in einem Land mit hoher Konnektivität und 0,4 % in einem Land mit niedriger Konnektivität führen würde. Diese wirtschaftlichen Konsequenzen hätten negative Auswirkungen auf die Nutzung von Cloud-Diensten durch Unternehmen, erhöhen die Transaktionskosten für die Geschäftstätigkeit in parallelen Gerichtsbarkeiten und verringern die Produktivität, da unterschiedliche Produktionslinien für unterschiedliche Märkte erforderlich wären.“
  • Verlust der Nachhaltigkeit
    „Da die Welt am Rande des Klimakollapses steht, wäre die notwendige Doppelarbeit zur Überwindung einer solchen technischen Fragmentierung nicht nur wirtschaftlich kontraproduktiv, sondern auch ineffizient für die Umwelt. Diese Ineffizienz wird durch das Streben der Länder nach isolierten nationalen Technologieregelungen noch verstärkt. Die Anpassung an unterschiedliche Produkte für unterschiedliche Märkte würde den negativen ökologischen Fußabdruck einer Branche zwangsläufig erhöhen. Gleichzeitig ist der heutige ökologische Fußabdruck von Massendaten, die für und von KI generiert werden – beispielsweise der Energiebedarf für den Betrieb von Servern – bereits beträchtlich.“

Der Report nennt außerdem finanzielle Risiken durch die fehlende zentrale Verwaltung, eine digitale Kluft zwischen den Nationen, steigende Vermögensunterschiede und letztlich eine menschliche Dystopie als mögliche Folge.

Politische Turbulenzen könnten dementsprechend zur „neuen Normalität“ werden. Im WEF-Report heißt es zusammenfassend: „Die geopolitischen Turbulenzen sind geprägt von der Unvorhersehbarkeit, wer die Führung übernimmt, wer Verbündete sind und wer am Ende zu den Gewinnern und Verlierern gehören wird.“

Der Global Risks Report ist eine jährliche Studie, die vom World Economic Forum veröffentlicht wird. Basierend auf der Arbeit des Global Risk Network beschreibt der Bericht jährlich Veränderungen in der globalen Risikolandschaft.

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