Channel

Ecosystem

Betrachtung

„Work Anywhere“-Prinzip: Wenn der Strand zum Schreibtisch wird

Symbolbild. © manuel ramirez / Pixabay
Symbolbild. © manuel ramirez / Pixabay

Arbeiten, wo immer man will: Spätestens die Corona-Pandemie hat gezeigt, das physische Anwesenheit im Büro in vielen Berufen gar nicht zwingend notwendig ist. Warum also nicht das Home Office für ein paar Wochen an den Strand verlegen? Was auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen mag, ist bei manchen Unternehmen als Work Anywhere-Prinzip bereits Realität. Die Idee hat aber auch Schattenseiten.

Zuletzt sorgte MessageBird für Schlagzeilen: Das Unternehmen ist nicht nur das neueste Unicorn Europas, gearbeitet wird dort künftig nach dem „Work Anywhere“-Prinzip. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Startups können von überall aus arbeiten. Einzige Voraussetzung: Sie müssen sich in der gleichen Zeitzone wie das Team aufhalten. Ähnlich verhält es sich beim Linzer Startup Tributech. Mitgründer und CEO Thomas Plank schilderte im Februar gegenüber Trending Topics, wie das neue Modell aussieht: Mitarbeiter können künftig auf Wunsch zwei Monate pro Jahr (auch durchgehend) von einem Ort ihrer Wahl auf der ganzen Welt arbeiten. Das Startup übernimmt dabei die Kosten für einen geeigneten Coworking-Space und die Krankenversicherung in dem jeweiligen Land.

Code am Strand? „Kein Problem!“

„Zielsetzung ist, das wir wirklich ortsunabhängig ein Team aufbauen und uns interkulturellem Management annähern“, erklärte er damals. Und: „Für viele ist gar nicht das Gehalt, sondern die örtliche Flexibilität und die Aufgabe wichtig“. Ähnlich argumentiert auch MessageBird. In einem Blogbeitrag heißt es: „Unsere Birds werden mit mehr Produktivität und Konzentration in einer Umgebung arbeiten können, die ihnen am besten entspricht. Nehmen Sie lieber Anrufe aus einem ruhigen Landhaus entgegen? Kein Problem. Code von einem Strand aus schreiben? Sie haben es geschafft! Wie wäre es mit einem lebhaften Städtetrip für ein paar Wochen, um zu arbeiten und gleichzeitig eine neue Kultur kennen zu lernen? Nur zu!“

Bessere Work-Life-Balance

Mit „Work Anywhere“ werde das Unternehmen in der Lage sein, sich „mehr auf die Ergebnisse zu konzentrieren, anstatt stundenlang hinter einem Schreibtisch im Büro zu sitzen“. So könne man außerdem auch eine bessere Work-Life-Balance mit weniger Pendeln erreichen – was auch für den Planeten einen zusätzlichen Nachhaltigkeitsvorteil bedeute. Es gibt aber noch ein weiteres schlagendes Argument, das beide Startups anführen: Die Suche nach Talenten.

Talente aus aller Welt

MessageBird werde es so ermöglicht, den eigenen Talentpool „ohne geografische Einschränkungen zu erweitern“. „Wir werden grenzenlosen Zugang haben, um die besten Mitarbeiter aus der ganzen Welt anzuziehen und einzustellen, wodurch unser Unternehmen vielfältiger, wettbewerbsfähiger und schlagkräftiger wird“, heißt es weiter. So argumentiert auch Plank: „Wir wollen mit dem Angebot gerade Senior Developer ansprechen“. Der Fachkräftemangel habe bei der Entscheidung für das ortsunabhängige Arbeitsprinzip eine große Rolle gespielt.

Schwierigkeiten in der Umsetzung

Mit „Work Anywhere“ gehen aber auch neue Herausforderungen einher. Zum einen spielen die bereits erwähnten verschiedenen Zeitzonen eine Rolle. Auch bei Tributech galt und gilt es herauszufinden, wie die virtuelle Zusammenarbeit über verschiedene Zeitzonen hinweg funktioniert. Und auch bei MessageBird heißt es, man müsse das Konzept natürlich testen und weiterentwickeln. Eine Studie von WeAreDevelopers aus dem Vorjahr zeigt, dass Aspekte wie Gehalt nicht mehr alleinige entscheidend sind. 69 Prozent der Befragten gaben an, neben dem Gehalt vor allem wert auf eine passende Arbeitszeit und Flexibilität zu legen. Auch eine Umfrage von karriere.at zeigte, dass sich von den 515 befragten Personen 87 Prozent flexible Arbeitszeiten wünschen.

Günstiger Wohnort, weniger Gehalt?

Welche Folgen diese Flexibilität auch haben kann, zeigt sich am Beispiel von Facebook oder Slack. Beide Unternehmen kündigten der Financial Times zufolge an, künftig das Gehalt an den Wohnort koppeln zu wollen. Heißt: Wer im teuren Kalifornien lebt und arbeitet verdient mehr als jemand, der im vergleichsweise günstigen Missouri arbeitet – auch wenn der jeweilige Posten gleich ist. Das wirft Fragen auf: Ist es fair, bei gleicher Arbeitsleistung, gleicher Position und gleicher Ausbildung weniger zu bekommen, nur weil die Lebensumstände günstiger sind? In der Regel sind Gehälter an Leistung geknüpft – und eben nicht an die Lebensumstände.

Auf der Makroebene wiederum könnte das auch zur Folge haben, dass Menschen aus den Städten fliehen. Gerade die Hotspots in den USA, Asien und Europa sind oft kaum mehr zu bezahlen – und viele Menschen würden wohl Lohneinbußen in Kauf nehmen, wenn das ruhige Landleben lockt. Andererseits ist es so auch möglich, Toptalente zu bekommen, ohne, dass diese umziehen müssen. Das wiederum gebe diesen Talenten mehr macht, argumentiert die FT – was wiederum zur Folge haben könnte, dass die Gehälter für die High Potentials steigen und sich Facebook und Co unter dem Strich gar nichts sparen. Langfristig könnte sich so auch der komplette Immobilienmarkt verändern – kleinere Offices, größere Wohnungen.

Zum Arbeiten nach Barbados

Erste Inselstaaten haben das Potenzial dieser Überlegungen auf jeden Fall schon erkannt. Barbados beispielsweise wirbt laut der Washington Post aktiv um Menschen, die zum Arbeiten ins Land kommen sollen: „Kommen Sie hierher, nicht nur für einen Urlaub, sondern für bis zu einem Jahr. Bringen Sie Ihren Laptop mit. Genießen Sie die Sonne, das Meer, den Sand – und vergessen Sie den Coronavirus“. Die Regierung ist überzeugt von der Idee. Covid-19 habe das „psychische Wohlbefinden der Menschen stark belastet“, erklärte die Premierministerin von Barbados, Mia Mottley, in einem Interview mit der Post. Barbados könne helfen: „Der Sonnenschein ist mächtig. Das Meerwasser ist mächtig. Beide sind auf schwer zu erklärende Weise therapeutisch wirksam. Und wir sind der Meinung, warum sollten wir sie nicht teilen?“. Das wiederum klingt dann doch gar nicht so schlecht.

+++Die unbeabsichtigten Folgen der neuen Home Office-Ära+++

Springe zu:

Ganzen Artikel lesen
Corona-Krise