Interview

Wolfgang Bretschko: „Ich würde ein Onlinemedium knallhart nach der Logik von Facebook aufbauen“

Bretschkos neue Passion: Kaffee. © Jakob Steinschaden
Bretschkos neue Passion: Kaffee. © Jakob Steinschaden

Wolfgang Bretschko, Ex-Vorstand des Styria-Konzerns, hat sich als Start-up-Coach, Investor und Coworking-Café-Macher neu erfunden: Der ehemalige Medienmanager und Zoomsquare-Investor ist im Vorjahr wie so viele andere zu einer Inspirationsreise ins Silicon Valley aufgebrochen, hat dort das Workshop Café entdeckt und die Idee kurzerhand nach Österreich importiert. Im Wiener Cocoquadrat hat Bretschko gemeinsam mit drei Mitgründer als erstes Coworking-Café der Stadt positioniert, und es funktioniert folgendermaßen:Man kann dort nicht nur ­Espresso trinken, sondern auch Arbeitsplätze mieten. Pro Stunde bezahlt man 2,50 Euro und bekommt dafür ­einen Einzelarbeitsplatz, Stromversorgung, schnelles Internet, ein absperrbares Kästchen, Zugang zum ­Drucker und zehn Prozent Rabatt auf Kaffee und Co. An einem der Tische stellte sich Bretschko, bevor er seine Künste an der Espressomaschine zeigte, den Fragen von TrendingTopics.at.

+++Dieses Bericht ist bereits in der HORIZONT-Ausgabe 9/16 erschienen. Hier geht es zu den Abos.+++

Sie haben mit dem ­Cocoquadrat Wiens erstes Coworking-Café direkt gegenüber der WKO-Zentrale eröffnet. Haben Sie da der alten ein Stückchen der neuen Welt gegenüber gesetzt?

Wolfgang Bretschko: Gute Frage, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich glaube, dass sich beides gut ­ergänzt, die Kunst besteht darin, die alte und die neue Welt optimal miteinander zu vernetzen. Ich sehe die Wirtschaftskammer nicht als alte und uns nicht als neue Welt, sondern wir existieren sehr gut nebeneinander. Es werden hier Pressekonferenzen ­gemacht, Meetingräume genutzt, eine super Zusammenarbeit.

Die Idee zu dem Coworking-Café ist ­Ihnen im Silicon Valley gekommen, wo Sie vergangenes Jahr waren, richtig?

Nachdem ich bei der Styria aus meinem Job als Medienmanager ausgestiegen bin, wollte ich eigentlich ­einen Coworking-Space für Medien-Start-ups aufmachen. Dann habe ich aber gesehen, dass es in Wien eh schon genug solcher Einrichtungen gibt und niemand einen weiteren braucht. In San Francisco bin ich zufällig in das dortige „Workshop Cafe“ hineingeschlittert. Das hat mir gefallen, und deswegen wollte ich das in Wien versuchen.

Das Cocoquadrat ist Ihr Start-up?

Genau. Ich bin ja der Meinung, dass man im Leben alles einmal ausprobieren sollte. Ich habe den Managerjob lange gemacht, habe dann beim Start-up zoomsquare investiert, und jetzt mache ich mein eigenes Ding.

Hier im Café sitzen junge Leute und brüten an ihren Notebooks über ihren Ideen. Sind Sie einer, der sich gerne mit jungen kreativen Menschen ­umgibt?

Das ist keine Frage des Alters. Ich ­umgebe mich gerne mit Leuten, die im Geiste jung, frisch und innovativ sind und die Sachen besser können als ich. Das habe ich schon als Manager so gehalten, ich wollte Mitarbeiter, die besser sind als ich oder Aspekte reinbringen, die ich gar nicht kann.

Wie sehen Sie die Start-up-Szene, die auch hier vorbeikommt? Manche meinen, da eine Blase zu sehen.

Es gibt eine Grundsubstanz an Neugründungen und Initiativen, und es gibt einen Hype drum herum. Diesen Hype muss man von der Substanz trennen, und gerade in Wien ist viel Substanz da. Ich sehe es kritisch, wenn es nur um Exits geht und Start-ups meinen, möglichst schnell das nächste Unicorn werden zu müssen. Ich bin mehr der solide Mensch. Dinge müssen sich entwickeln, sie brauchen Zeit.

Mit dem Blick des Medienmanagers: Welche Start-ups sind denn vielversprechend? Einmal abgesehen von ­Ihrem Investment zoomsquare?

Solche, bei denen das Gründungsteam passt und stimmig ist. Und dann schaue ich, ob die Idee etwas Neues hat. Bei zoomsquare hat mir der Gedanke gefallen, das ganze Internet nach Wohnungsinseraten zu crawlen, das ist ein Zugang, den klassische Portale nicht haben. Da ist eine Grundsubstanz dar, die eine ­Innovation darstellt.

zoomsquare ist verstärkt im B2B-Bereich mit dem Verkauf von Daten­analysen tätig. Ist Big Data hinsichtlich Monetarisierung der bessere Weg als Werbung oder Abomodelle?

Als wir mit willhaben.at begannen, haben wir geglaubt, dass die Marktplatzanzeigen die Haupteinnahmequelle werden, wenn wir sie vergebühren. Doch diese Vergebührung gibt es bis heute nicht, weil wir gesehen haben, dass die Kleinanzeigen sehr viel Traffic bringen. Was ich ­damit sagen will: Bei wirklichen ­Innovationen ist es selten, dass man von Anfang an weiß, wie man damit Geld verdient. Ein Start-up muss flexibel sein und ausprobieren, was funktioniert und was nicht.

Ist die Werbefinanzierung ein gangbarer Weg für Start-ups? Viele scheuen vor Nutzergebühren zurück, wenn sie anfangs keine User haben.

Die Vermarktung des Traffics kann ein Revenue Stream sein, aber es kann nicht der einzige sein. Dazu bräuchte man enorm viel Reichweite, oder man müsste sehr schnell in viele andere Länder expandieren. Ein gutes digitales Geschäftsmodell zeichnet sich durch mehrere ­Erlösquellen aus, die man parallel anzapfen kann.

Onlinemedien in Österreich stehen nach wie vor vor der kniffeligen Frage, ob sie mehr als nur auf Werbung setzen sollen – Stichwort Paid Content.

Ich glaube, dass es richtig ist, sich ­darauf einzulassen, aber es ist sehr schwierig. Inhalt ist heute kein knappes Gut. Im Internet gibt es heute so viel Content, dass da oft der USP fehlt. Den gleichen Artikel bekommt man oft zehnmal in etwas anderer Form. Deswegen wird es schwierig, für ­Inhalt etwas zu verlangen.

Sie haben mit dem Gedanken gespielt, Medien-Start-ups zu fördern. Welches Modell wäre da sinnvoll?

Als Medium muss man sich heute viel stärker an Facebook orientieren. Man muss einen Newsstream anbieten, weil die Leute daran gewohnt sind, News auf Facebook oder Twitter zu bekommen. Ein Newsstream bietet die Chance, die Inhalte zu personalisieren. Ich würde ein Onlinemedium knallhart nach der gleichen Logik aufbauen. Ich würde die eigenen Inhalte mit Content verbinden, der von den Nutzern, von Bloggern kommt.

Wäre die Personalisierung auf Basis von Nutzerdaten dem Werbegeschäft zuträglich?

Ja, man muss die Werbung personalisieren. Ich nutze Facebook, seitdem ich nicht mehr in einem Medien­unternehmen bin, viel stärker. Man findet dort Inhalte, die interessieren, das ist für mich eine wichtige Informationsquelle geworden. Früher habe ich das nicht so gesehen.

Umgekehrt kann man es als Gefahr ­sehen, weil Facebook mit heimischen Medien um Werbebudgets buhlt.

Es ist sicher eine Gefahr, vor allem dann, wenn man es nicht schafft, mit selbst generierten Inhalten Geld zu verdienen. Aber auch Facebook ist von den Medien abhängig, weil sie jene brauchen, die ständig neuen Content produzieren.

Eine ähnliche Debatte gibt es bei Google, das ebenfalls mit Werbung ­neben Verlagsinhalten in den Suchergebnissen Geld verdient. Sollten Verlage weiter gegen Google aufbegehren?

Ich habe den Zugang „Verlage gegen Google“ immer für müßig gehalten. Google wird man als österreichischer Zeitungsverlag nicht sinnvoll bekämpfen können. Man muss mit dieser Realität leben, und sie bietet auch viele Chancen, die man suchen muss.

Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit sind Sie auch als Start-up-Coach unterwegs. Was ist das Wichtigste, was sie den Jungfirmen mitgeben?

Dass sie für das, was sie machen, eine Leidenschaft haben. Wenn man ­etwas Neues macht, dann braucht man viel Ausdauer, Kraft und Energie. Das hat man nur dann, wenn man sich wirklich mit dem, was man tut, identifiziert. Wenn man etwas wirklich erfolgreich machen will, braucht man fünf bis sieben Jahre dafür, viel schneller geht es glaube ich nicht. ­Dafür muss man bereit sein. Die Leute, die wirklich bereit sind, kann man ziemlich schnell von denen ­unterscheiden, die es machen, weil es ­gerade schick ist.

Wo orten Sie Schwächen bei österreichischen Start-ups?

Sicher beim Thema Sales. Man muss einfach wissen, wie man Kunden an eine Marke, an eine Idee, an ein neues Unternehmen bindet. Die ­wenigsten Ideen werden von den Kunden einfach niedergerannt. Wir haben am Anfang beim Cocoquadrat den Fehler gemacht, es nicht sauber zu positionieren. Die Leute wussten nicht, was sie bekommen. Seitdem wir es als Coworking-Café vermarkten, rennt es deutlich besser.

Und, schon profitabel?

Nein, wir vier Gründer finanzieren das aktuell selber. Laut unserem Businessplan werden wir nächstes Jahr Cashflow-positiv. Auch wir brauchen Zeit dafür, auch wenn wir vom ersten Tag an, anders als viele andere Start-ups, Umsatz gemacht haben. 2017 wollen wir dann einen zweiten Standort in Wien aufmachen.

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