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Wish: An die Börse mit trashigem Glücksspiel-Shopping

© Wish / Foto Trending Topics
© Wish / Foto Trending Topics

Die E-Commerce-Plattform Wish will an die Börse. Dazu hat die Handelsplattform die Geschäftszahlen bis September veröffentlicht. 2010 gegründet, steht zehn Jahre später der größte Schritt der Unternehmensgeschichte bevor – und das, obwohl Wish mit jeder Menge Beschwerden und einem dem Unternehmen nicht wirklich wohlgesonnenem Meme zu kämpfen hat.

„Wenn man auf Wish bestellt…“

Wer kennt sie nicht: Die knallig bunten Wish-Werbeeinblendungen, verfasst in mangelhaftem Deutsch und unübersehbar platziert vor allem auf Facebook. Wem Wish so kein Begriff ist, kennt vielleicht die mittlerweile unzähligen Memes, die sich über die Plattform für Billigstwaren lustig machen. Das Schema ist immer gleich: Menschen, Tiere, Produkte – was komisch aussieht oder sonst irgendwie kurios ist, ist dann oft „auf Wish bestellt.“

Das Meme hat es mittlerweile zu einiger Bekanntheit gebracht – und man könnte meinen, dem Erfolg von Wish würde der Running Gag Abbruch tun. Dem ist aber ganz und gar nicht so – Wish will an die Börse.

2010, 2013, 2020

Am vergangenen Freitag gab das E-Commerce-Startup den den Schritt  bekannt. In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat das Unternehmen rund 1,7 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht, die Bewertung von Wish liegt mittlerweile bei rund 30 Milliarden US-Dollar. Etwa zehn Jahre gibt es das Unternehmen bereits, gegründet wurde es 2010 von vormaligen Google-Softwareingenieur Peter Szulczeski und Danny Zhang, der davor bei Yahoo war. Erst war Wish eine Art Plattform für Wunschlisten (daher auch der Name), ab 2013 wurde es in eine Online-Handelsplattform umgewandelt.

Wish: Über 100 Millionen Nutzer

Wer heute auf Wish bestellen will, kann das über die Apps für iOS und Android oder die ähnlich trashige Bestellplattform machen. Aktuelle Nutzerzahlen gibt es nicht, 2018 verzeichneten die Apps alleine aber bereits über 100 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Nun soll der nächste Schritt folgen – in Form des geplanten IPOs. Dafür müssen allerdings die Zahlen auf dem Tisch.

Die sind weniger rosig: Zwar lag der Umsatz 2020 bei 1,75 Milliarden US-Dollar, unterm Strich bleibt aber ein Verlust von rund 176 Millionen US-Dollar. Wish soll allerdings über rund 1,1 Milliarden Dollar „an Bargeld, Bargeldäquivalenten und marktfähigen Wertpapieren“ verfügen, berichtet Business Insider. 640 Millionen Produkte wurde bis Ende September laut Wish weltweit versendet. Ungefähr 1,8 Millionen Artikel sollen pro Tag über die Wish-App verkauft werden.

Mit Glück zu guten Preisen

Die Zahlen werfen allerdings unweigerlich die Frage auf, welche Produkte in derart großen Mengen tagtäglich über Wish den Besitzer wechseln – und wer dort einkauft. App und Webseite vermitteln auf den ersten Blick nämlich alles andere als einen seriösen Eindruck, zumindest für US-amerikanisch und europäisch geprägte Augen. Vor dem Shopping-Vergnügen steht allerdings die Registrierung – wahlweise per Mail, Google-Account, Facebook-Account oder Apple-Konto.

Danach kommt die obligate Meldung zum Gewinnspiel des Tages. Ein Mittel, das Wish gerne nutzt: Viele Aktionen und Rabatte sind mit Gewinnspielen beworben, zudem dürfen Kunden einmal täglich am virtuellen Glücksrad drehen. Meint es Fortuna (oder der Algorithmus) gut, gibt es mehr oder weniger Zeit auf einer Angebotsseite mit besonders tollen Preisen.

Kunterbunte Auswahl

Auf Wish gibt es atmungsaktive Langarm-Shirts um 4 Euro das Stück (statt angeblich 152 Euro), das „Galaxy S20+ Pro“ um 73 Euro, das mit Samsung allerdings gar nichts zu tun hat, oder einen Gaming-Stuhl um 6 Euro. Das sind allesamt Beispiele direkt von der Startseite. Es soll aber auch Marken-Produkte geben, die mit einer grünen Verifizierung gekennzeichnet sind. Ins Auge sticht beispielsweise eine Windows-10-Pro-Lizenz für 8 Euro, sogar im Bild als „Markenprodukt“ gekennzeichnet. Wir melden Zweifel an, kontrollierbar sind die Angaben aber nicht.

Zusammengefasst: Wish setzt auf Trash, viele bunte Popups und jede Menge virtuelles Marktgeschrei. Das soll zum Shoppen animieren – und dürfte angesichts der Zahlen funktionieren. Da ist es auch egal, dass einerseits viele Produkte geradezu absurd günstig angeboten werden (die Alarmglocken sollten da öfter schrillen), viele negative Einkaufsberichte im Internet kursieren und auch der deutsche Verbraucherschutz vor Wish warnt. Dazu kommt der Nachhaltigkeitsaspekt: Während viele Unternehmen mehr oder weniger bewusst auf nachhaltiges Verhalten setzen, Amazon damit wirbt, grüner werden zu wollen und Klimapolitik intensiv diskutiert wird, schickt Wish in vielen Fällen Schrott um die Welt.

Der Preis steht über allem

Dennoch floriert das Geschäft. Welche Gelüste werden hier also bedient? Die IHF Köln hat dazu Studie veröffentlicht, berichtet die Zeit. Die Studie kommt zu einem simplen Ergebnis: „Das entscheidende Kaufkriterium ist dabei [bei der Bestellung bei uA Wish, Anm.] der Preis. Fast die Hälfte der Käufer*innen gibt an, auch mangelnde Qualität in Kauf zu nehmen, solange dieser stimmt. Auch auf kurze Lieferzeiten können die Kund*innen eher verzichten, wenn das Produkt dafür günstig ist: Für 73 Prozent der Konsument*innen ist der Preis nämlich wichtiger als schnelle Lieferzeiten.“

Zudem spiele auch das Thema sucht eine Rolle. Das überbordende Angebot, zahlreiche Popups und Glücksspiele erinnern tatsächlich an eine Mischung zwischen Casino und 1-Euro-Shop. Dass man sich hier beim Scrollen und Spielen etwas verlieren kann, verwundert insofern nicht.

Verbraucherschutz warnt

Nur, weil der Preis stimmt, muss die Qualität aber lange noch nicht passen. Auch das kennt man von Wish: Produkte ohne Maßangaben, die dann in einer Miniaturversion ankommen. Oder das Paket bleibt mit Mehrkosten beim Zoll hänger. Oder es kommt gleich gar nicht – die Beschwerden sind so vielfältig wie zahlreich. Wish soll laut dem Verbraucherschutz auch alles andere als kulant bei der Bezahlung sein. Und: Wish ist nur eine Vermittlungsplattform, verkauft die Produkte also nicht selbst. Auch dieser Umstand sorgt immer wieder für Ärger bei den Käuferinnen und Käufern.

So oder so steht jetzt der Börsengang an. Wann es genau soweit sein wird, ist noch nicht klar. Mit dem IPO soll es für Wish jedenfalls weiter vorangehen. Bleibt nur abzuwarten, ob das gelingt – oder ob das Wish-Meme so schnell weg ist, wie es gekommen ist.

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