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Wirtschaftsagentur: „Unser Anspruch ist nicht, den Status quo zu erhalten“

Gerhard Hirczi, Geschäftsführer Wirtschaftsagentur Wien. © WAW
Gerhard Hirczi, Geschäftsführer Wirtschaftsagentur Wien. © WAW

Ein Cult Tech Accelerator, ein Stipendium für Gründer, eine neue Förderung für EPU und Kleinstunternehmen, um nach der Krise richtig durchstarten zu können – und die ewige Frage, wie man Wien attraktiver machen kann für internationale Unternehmen, um sich anzusiedeln. Das Team von Gerhard Hirczi, dem Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien, wird auch 2021 ordentlich zu tun haben.

Das rot-pinke Regierungsprogramm zeigt auf, in welche Richtung es gehen soll. Im Interview spricht Hirczi mit Trending Topics darüber, wie die neuen Programme strukturiert sein werden, warum es Mut zum Scheitern geben muss und warum es nicht um die blaue Donau und die gute Luft bei der Standortpolitik geht.

Trending Topics: Die neue rot-pinke Stadtregierung in Wien steht seit einigen Wochen. Was bedeutet sie für die Wirtschaftsagentur und ihre Förderaktivitäten?

Gerhard Hirczi: Wenn ich mir die Ressortverteilung ansehe, dann ändert sich für die Wirtschaftsagentur nicht viel. Die Zuständigkeiten sind gleich geblieben, der zuständige Stadtrat ist der Gleiche, deswegen wird sich in unserer Arbeit nicht viel ändern.

Aber gibt es neue Schwerpunkte?

Schwerpunkte gibt es natürlich, aber die sind nicht unmittelbar von der neuen Regierung beeinflusst, denn es wäre jetzt ein wenig spät, die Schwerpunkte für 2021 erst jetzt zu legen. Was sich wie ein roter Faden durchzieht, ist das Thema Digitalisierung. Dazu ist die Bereitschaft, sich damit auseinander zu setzen, in den letzten sechs bis acht Monaten stark gewachsen. Und da rede ich nicht von den Startups, sondern von den vielen KMU und EPU, die bisher einen Respektabstand vor der Digitalisierung hatten.

Wir sehen das bei der Home-Office-Förderung und bei Wien Online, zwei Corona-Soforthilfe-Förderungen, die wir dieses Jahr aufgelegt haben – da sind wir förmlich überrollt worden, mit mehr als 4.500 Anträgen. Das war nicht immer so: Vor einiger Zeit haben wir eine Förderung für Web-Shops angeboten, aber die haben wir nach einigen Monaten wieder abgedreht, weil es fast keine Nachfrage gab.

Neben Digitalisierung stehen Life Sciences, Urban Manufacturing und Standortstärkung ganz oben auf der Agenda. Und ich habe keine Indikation dafür, dass sich das durch die neue Regierung ändern wird.

Mit „Mutig aus der Krise” soll es ein neues Förderangebot für KMU und EPU geben. Wie wird das funktionieren?

Dazu kann ich noch nichts Konkretes sagen, wir haben jedenfalls den Auftrag bekommen, das im Detail auszuarbeiten. Es ist keine triviale Aufgabe, weil es in Wien zwischen 50.000 und 70.000 EPUs gibt, je nachdem wie man zählt. Und man muss auch Kleinstunternehmen mitdenken. Aber schnelle Aufträge schrecken uns ja nicht, wir haben alleine dieses Jahr acht neue Förderungen eingeführt.

Die Gefahr hier ist: Wenn die Förderung zu beliebig ist, sind die Mittel in drei Tagen weg. So viel Geld kann es gar nicht geben. Und wir wollen auch nicht Almosen-artig Kleinbeträge ausschütten, die niemandem wirklich helfen, aber der öffentlichen Hand trotzdem eine Stange Geld kosten.

Aber vom Prinzip her wird proaktives Verhalten gefordert sein, sich also in der Krise fit zu machen. Unser Anspruch ist nicht, den Status quo zu erhalten, sondern Dinge für die Zeit danach zu entwickeln.

Also wird die Förderung eine starke digitale Komponente bedingen?

Ja, wir definieren Digitalisierung ist nicht als Sahnehäubchen, sondern lebensnotwendige Bedingung. Das Digitale wird zum Kern der Geschäftsmodelle, und dem werden wir bei den Förderaktivitäten Rechnung tragen. Wir haben ja schon bisher Digitalisierungsförderungen, und die Nachfrage danach ist heuer stark gestiegen.

Gerhard Hirczi, Geschäftsführer Wirtschaftsagentur Wien. © WAW
Gerhard Hirczi, Geschäftsführer Wirtschaftsagentur Wien. © WAW

Es soll auch einen Cult Tech Accelerator geben. Wie wird der funktionieren?

Einen Cult Tech Accelerator wollten wir schon länger machen. Wir haben dann aber gesehen, dass man dazu zuerst ein Ökosystem aufbauen muss, von dem der Accelerator ein Baustein ist. Das ist sicher der schwierigere und länger dauernde Zugang, aber auch der nachhaltigere. Ansonsten würde man alles auf eine Einrichtung, ein Programm fokussieren, und wenn das nicht rennt, ist alles hin.

So aber versuchen wir, einen Accelerator aus dem Ökosystem heraus zu bauen. Wir haben da sehr gutes Feedback, etwa von Staatsoper, Nationalbibliothek, Vereinigte Bühnen Wien, Burgtheater, Belvedere, Vienna Contemporary – die finden das alle super. Es gibt viele Einzelaktivitäten, und die sollen zusammengeführt werden, um sie sichtbar zu machen. Kultur ist eine Stärke von Wien.

Aber wird es ein Accelerator im klassischen Sinne – mit Batches, 3-Monats-Programm und Demo Day?

Wir werden sicher nicht das Rad neu erfinden, aber er wird schon anders sein als andere Akzeleratoren. Wir haben es mit Kultureinrichtungen zu tun, die anders als Unternehmen keine großen Innovations-Budgets haben. Das wird anders funktionieren müssen, das Burgtheater wird nicht 300.000 Euro einzahlen und sich dann an fünf Startups beteiligen.

Ein weiteres Leitprojekt ist das HappyLab, das um 1,5 Millionen Euro einen neuen Standort im 2. Bezirk in Wien aufmacht. Warum ist gerade ein Maker Space für Hardware ein Leitprojekt für die Innovationsbestrebungen von Wien geworden?

Es gibt viele Leitprojekte. Es steht nicht über jedem Startup drüber, aber viele haben Implikationen für Startups. Neben HappyLab sind es etwa die neuen Life-Sciences-Labors, die es in St. Marx geben wird. Das hat sehr hohe Startup-Relevanz, solche Shared Infrastructures sind ganz wichtige Investitionen, weil das der Humus ist, auf dessen Basis sich neue Dinge entwickeln. Auch der Fertigungs-Cluster in Aspern gehört dazu, da steckt viel Startup drin, auch wenn nicht Startup draufsteht.

Das ist generell ein Zeichen des Reifegrads: Man muss das Thema nicht mehr extra anpreisen, Startups sind einfach ein Teil der Wirtschaft. Auch beim Thema Diversity ist der Zeitpunkt der schönste, ab dem man nicht mehr extra drüber reden muss, weil es eh selbstverständlich ist. Wir haben ja auch keine eigenen Startup-Programme, sondern machen alle Programme für Startups auf. 30 Prozent aller Förderungen gehen bereits an Startups.

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In Wien soll es ein Stipendium für Gründer geben. Gibt es da schon Infos dazu?

Das Thema ist einer unserer Vorschläge, der ins Regierungsprogramm aufgenommen wurde. Das befindet sich in der Konzeptionsphase. Das Team rund um Gabi Tatzberger arbeitet gerade an Strukturierung und Finanzierung. Derzeit reden alle nur vom Überleben, und das Thema Gründen ist in den Hintergrund gerückt. Deswegen braucht es attraktive Angebote, die zeigen, dass Gründen ganz wichtig für die Stadt ist. Dazu gibt es ein starkes politisches Commitment.

Ich stelle mir das Gründer-Stipendium so vor, dass man beim erstmaligen Gründen einen Scheck bekommt.

Es wird sicher eine Cash-Komponente geben. Aber man wird noch nachdenken müssen, was genau gefördert wird, damit gute Ideen gefördert werden. Und als Stipendiengeberin muss man auch die Offenheit haben, dass ein Projekt scheitern kann. Man wird nicht sagen können, dass dann das Geld zurück zu zahlen ist, wenn es nicht klappt. Der Mut zum Scheitern muss Teil dieses Programms sein.

Gibt es einen Zeithorizont für “Mutig aus der Krise” und das Gründer-Stipendum?

Das Programm für EPU und KMU wird in der ersten Hälfte 2021 kommen, und das Gründer-Stipendium wird man denke ich, auch im nächsten Jahr starten können.

Im Programm der Stadtregierung wird auch das Grätzl-Büro formuliert. Was ist das denn?

Die Idee entstand aus der Frage, wie sich die Home-Office-Geschichte weiter entwickelt. Das Ganze soll in ein Grätzl-Belebungs-Programm eingebettet sein. Es gibt viele Gegenden, die Belebung brauchen können.

Es klingt nach Coworking Space.

Es ist klarerweise Coworking Spaces nicht ganz unähnlich. Aber der Coworking Space ist ein Instrument einer bestimmten Zielgruppe, aber bei den Grätzl-Büros sollen auch andere Zielgruppen erfasst werden, die sich im Impact Hub, bei weXelerate oder im Talent Garden vielleicht nicht so zu Hause fühlen.

Betriebsansiedelungen sind in Wien in den letzten Jahren immer gewachsen. Doch bei Firmen aus dem Innovations- Forschungs- und IT-Bereich, die nach Wien kommen, ist noch viel Luft nach oben? Wie kann man die ködern?

Wir wollen sicher nicht wie die Amerikaner oder Iren viele Millionen Euro in Ansiedelungen hineinpulvern, weil das alles Geld ist, das die Volkswirtschaft aufbringen muss – entweder in Form von Förderungen oder in Form von Steuern, die die Unternehmen nicht zu bezahlen haben. Wir sind schon auf dem Standpunkt, das wir Unternehmen nicht mit einer Kiste von Geld nach Wien locken wollen, sondern mit einer überzeugenden Geschichte.

Welche Argumente, welche Geschichte gibt es?

Wir werden gern mit Zürich oder München verglichen. Zürich hat die ETH, München hat Siemens, BMW oder Allianz, diese großen Brummer haben wir alle nicht. Aber Wien hat Vorteile, die Zürich oder München nicht haben. Ich denke da an die Lebenserhaltungskosten, Mietkosten, Kosten für Human-Ressourcen. Das sind schon Themen, die Unternehmen in ihre Kalkulationen mit aufnehmen.

Ich bin fast froh, nicht schon wieder das “Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt”-Argument zu hören. Das hat sich bei Ansiedelungen etwa im Startup-Bereich ja nicht wirklich bewahrheitet.

Es ist sicher nicht der Grund, warum jemand nach Wien kommt oder nicht. Aber es ist ein wichtiger Hygiene-Faktor. Städte wie London oder San Francisco sind gerade für junge Gründer exorbitant teuer geworden. Ich meine auch nicht die blaue Donau und die gute Luft, sondern das Gesamtpaket. So verstehen wir die Lebensqualität, als Bündel von positiven Infrastrukturgegebenheiten. Es gibt einen funktionierenden öffentlichen Verkehr, soziale Sicherheit, physische Sicherheit, ein funktionierendes Innovations-Ökosystem. Das sind schon Themen, die international angenommen werden. An der Freundlichkeit alleine wird es nicht liegen.

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