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Fußball-Legende Willi Lemke: „Eine europäische Superliga wäre mein Albtraum“

Willi Lemke im Gespräch mit Bastian Kellhofer von Trending Topics. © Trending Topics
Willi Lemke im Gespräch mit Bastian Kellhofer von Trending Topics. © Trending Topics

Willi Lemke ist einer der bekanntesten Sportfunktionäre Deutschlands. Er war Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung, Senator für Bildung und Wissenschaft und Senator für Inneres und Sport der norddeutschen Hansestadt Bremen. Zuvor war er jahrzehntelanger Manager des Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen. In Stegersbach brachte er vergangene Woche auf Einladung von Coca-Cola und der Wirtschaftsuniversität Wien, Social Entrepreneurs seine Erfahrungen aus vier Jahrzehnten Sportmanagement und internationaler Diplomatie näher. Wir haben uns mit ihm über Moral im Profifussball, horrende Ablösesummen und die Verbindung zwischen Leistungssport und Gründertum unterhalten.

Über den Wert von Sportvereinen für die Gesellschaft

„Der Breitensport ist ein entscheidender Kitt für die Gesellschaft. Die abertausenden gut funktionierenden Clubs und Vereine in Europa und der Welt. Die mit sechs- oder siebenjährigen Kindern arbeiten, Gemeinschaft vermitteln, das Engagement der Ehrenamtlichen, der Eltern, die die schmutzigen Trikots waschen und sich gemeinsam einer Sache verschreiben. Das ist die positiven Seiten des Fussballs.

Davon abgegrenzt sollte man den Profisport und seine Exzesse betrachten. Betrachten wir die Neymar-Verpflichtung von Barcelona zu Paris Saint-Germain genauer. Der Spieler wechselte für 222 Millionen Ablöse und ein Gehalt von 30 Millionen den Verein. Was da sonst noch an Unmengen geflossen ist, will man ja gar nicht so genau wissen. Diese Praktiken sind ein Ausdruck unserer kapitalistischen Gesellschaft.“

Über Transfer-Exzesse

„150 Millionen Euro des Geldes für Neymar, das ein Scheich aus Katar, der die Verantwortung für den Club hat, an Barcelona überwiesen hat, wandert nach Dortmund und vergiftet uns hier die Preise. Das bedeutet für einen Traditionsverein wie Werder Bremen, dass ein viert- oder fünftklassiger Stürmer dann plötzlich den dreifachen Wert hat. Das bringt den Markt durcheinander. Eine absurde Systematik. Vielleicht wird sich das durch Angebot und Nachfrage regulieren, aber der Sport büsst so massiv an Sympathien ein.“

Über Millionäre als Vorbilder für die Jugend

„Wir haben von einer Welt geträumt, in der alle Menschen gleich sind, aber die gibt es nicht. Ich verurteile diese Exzesse wie im Fall von Dembélé. Wenn ein Spieler von einem Tag auf den anderen nicht mehr trainiert und zuhause bleibt, ist er ein schlechtes Vorbild für die Jugend. Ich selbst hatte als Kind Vorbilder wie Albert Schweitzer, der Krankenhäuser in Afrika gebaut hat und Uwe Seeler, der ein Transferangebot aus Italien abgelehnt hat und bei seiner Familie in Hamburg bleiben wollte. Das waren inspirierende Menschen.

Zudem schaden die vielen Skandale, das illegale Wetten und die horrenden Ablösesummen, die mit Trikotverkäufen und Erlösen aus Fernsehverträgen gegenfinanziert werden, das Ansehen dieses Sports. Das Erlebnis Fussball wird für die Menschen zu teuer. Und vielleicht haben die Familien irgendwann – wie Uli Hoeneß kürzlich meinte – die Schnauze voll und wenden sich ab. Ich habe ein ähnliche Befürchtung. Vielleicht sollten sich die Verbände überlegen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind.“

Über die Gier der Berater

„Seit 20 Jahren verdienen im Hintergrund Spielerberater und Agenten Vermögen daran, Spieler von A nach B zu transferieren. Diese Gier führt dazu, dass alleine in der deutschen Bundesliga in einem Jahr 147 Millionen Euro nur für die Berater bezahlt wurde. Dieses Geld geht den Spielern und Vereinen verloren. Wir sollten bedenken, dass niemand ins Stadion geht, weil ein Agent einen guten Job gemacht hat, sondern weil wir das Spiel sehen wollen.“

Über die Rolle der Medien

„Die Medien fahren auch total auf den Sport ab. Es gibt kaum noch Medien, die das System Fussball hinterfragen. In der deutschen Tagesschau kam beispielsweise eine Meldung über den Trainingsstart bei Bayern München. Da habe ich Schluckbeschwerden bekommen. Das gehört auf einen Sportkanal oder in eine Fachzeitschrift, aber nicht in eine Sendung, die über die großen Probleme der Welt berichtet. Die Medien haben Angst vor sinkenden Auflagen und Zuschauerzahlen, wenn sie nicht jeden Tag positiv über die Nationalmannschaft und die Top-Clubs der Liga berichten. Es gibt kaum noch kritische Stimmen, die hinter die Kulissen blicken. Dieser Prozess ist noch nicht bedrohlich für die Branche, aber wir müssen diese negativen Entwicklungen beleuchten und wieder in eine andere, gesunde Richtung bewegen. Sonst wenden sich die Menschen ab. Und da könnten Medien einen wichtigen Beitrag dazu leisten.“

Über Investoren

„Eine schnelle und steile Karriere gehört zu unserem wirtschaftlichem Leben dazu. Ich finde nichts Schlimmes dabei, wenn ein Mann wie Dietmar Hopp seine Region stärken möchte und aus einem Dorfverein einen Bundesligaclub aufbaut. Der Verein darf nur nicht alleine von seiner Brieftasche abhängig sein. Ich habe allerdings ein Problem damit, wenn ein Oligarch oder ein Scheich einen Club als sein Hobby führt. Dann gibt es noch die Medienmogule, die in England aus Fussball Profit ziehen möchten und den Gesellschaftern Rentabilität versprechen. Ich finde die Idee albtraumhaft, dass eine europäische Superliga entsteht. Das ist nur noch Show auf hohem Niveau. Das vermittelt nicht mehr die Werte, die ich aus dem Fussball kenne. Ich bin lebenslang grünweiß, aber dann würde ich mich verabschieden und mich den unterklassigen Ligen anschliessen. Hoffentlich werde ich das nicht mehr erleben. Die letzten Jahre zeigen klar in diese Richtung und das macht mir Angst.“

Über Respekt als entscheidender Wert in Organisationen

„Sowohl in der Politik, im Sport und in der Diplomatie ist es sehr wichtig, dass die ganze Belegschaft einer Organisation von den Waschfrauen bis zum Top-Funktionär respektvoll miteinander umgeht. Der Star-Einkauf muss den kleinsten Angestellten so herzlich begrüßen, wie er selbst begrüßt werden will. Wenn ein Trainerstab oder die Manager dieses Klima herstellen, dann wird die Organisation erfolgreich sein. Wenn alle miteinander leiden und sich alle miteinander freuen, dann entsteht etwas Wertvolles. Respektvoller Umgang und Wertschätzung helfen Neid und Frustration auszumerzen und die Leute gehen gern zur Arbeit. Die Fluktuation darf nicht zu groß werden. Es gibt allerdings heutzutage kaum mehr Treue zu einer Firma, einem Verein und einem Unternehmen. Das schafft Unruhe und führt zu einer Söldner-Mentalität. Ich habe diese Woche wieder viele Spieler gesehen, die ein ganz anderes Emblem auf ihrem Trikot geküsst haben, als vor einem halben Jahr. Zu viele dieser Söldner vergiften die Atmosphäre.“

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