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Warum wir dieses Jahr so viele Exits sehen werden wie schon lange nicht mehr

© Photo by Dustin Tramel on Unsplash
© Photo by Dustin Tramel on Unsplash

Als Journalist ist man ja meistens der Letzte, der in einen Deal eingeweiht wird. Und zwar meistens dann, wenn alles in trockenen Tüchern ist und die Pressemeldung mit den Details zu der Übernahme rausgeht und Gründer und Käufer sich den Interview-Fragen stellen.

Doch während der Corona-Krise, trotz fehlender Offline-Events und vertraulicher Face-to-Face-Kommunikation, hört man aktuell in bisher unbekanntem Ausmaß von den Plänen von Unternehmern, entweder zuzukaufen oder zu verkaufen. Auf der einen Seite stehen geschwächte Firmen, die nicht mehr wissen, wie sie das Jahr 2020 überleben sollen, und auf der anderen Seite Unternehmen, die die Messer wetzen und die Chance gekommen sehen, günstig zuschlagen zu können.

Viele Schwache, einige Starke

Dieses Gefühl habe nicht nur ich. Wie Trending Topics heute berichtete, gehen 54 Prozent der österreichischen Unternehmer davon aus, dass sich der Markt im Zuge der Corona- und anschließenden Wirtschaftskrise bereinigen wird und nur die finanzstärksten Unternehmen der jeweiligen Branche übrig bleiben werden. Das bedeutet: Jeder zweite Unternehmer hat zumindest schon darüber nachgedacht, dass er seine Firma abstoßen könnte oder dass es in seiner Branche Übernahmekandidaten gibt, die von Rivalen geschluckt werden. Hinzu kommt natürlich, dass viele Firmen die Krise nicht überleben werden und zusperren müssen.

Für Startups, die zumeist an digitalen Tools arbeiten, bedeutet das: Sie sind entweder nicht von der Krise betroffen, schaffen es aus eigener Kraft durch das harte Jahr 2020, werden von ihren Investoren und staatlichen Zuschüssen gerettet – oder könnten aufgekauft werden. Ich gehe von den Gerüchten, die ich am Markt mitbekomme, davon aus, dass wir dieses Jahr so viele Exits wie schon lange nicht mehr sehen werden.

Zu den beiden genannten Faktoren „geschwächte Übernahmekandidaten“ und „finanzstarke Käufer“ kommen noch drei weitere Faktoren dazu: Die immer aufs neue beschworene beschleunigte Digitalisierung, der nach wie vor bestehende Fachkräftemangel, und die geplanten Investitionskontrollen.

Digitalisierung drückt aufs Tempo

Man kann es dieser Tage das Wörtchen Digitalisierung kaum mehr hören, aber die Bestrebungen der österreichischen Regierung haben vieles zum Ziel: eine eigene Ö-Cloud, ein digitales Kaufhaus für alle heimischen Online-Shops, besseres E-Government, mehr digitale Bildungs-Tools, bessere Versorgung mit E-Health, und so weiter und so fort.

Heimische wie internationale Corporates werden sich mit digitalen Produkten stärken wollen, und zwar besser früher als später. Selbst entwickeln ist langwierig, aber Zukaufen wird in der aktuellen Situation zu einer echten Option. Gut möglich, dass Gründer derzeit auch aktiv nach einem Exit-Szenario zu suchen beginnen – und auf offene Ohren und Türen stoßen.

Acqui-Hires für Fachkräfte

Dazu kommt, dass der schon lange vor der Corona-Krise gefürchtete Fachkräftemangel sich nicht entschärft hat (Trending Topics berichtete). Zwar werden derzeit kurzfristig High Potentials und Talente auf den Jobmarkt gespült, doch das Gros der Fachkräfte wird derzeit und in Zukunft per Kurzarbeit in den Unternehmen gehalten.

Gerade Startups haben in den vergangenen Jahren Mitarbeiter und Skills im Digital-Bereich aufgebaut, die derzeit so gefragt sind wie noch nie zuvor. Wer solche Teams möchte, muss möglicherweise kleine Firmen schnappen. So genannte Acqui-Hires, also die gezielte Übernahme von Mitarbeitern eines Startups, können das Resultat sein.

Investitionskontrollen ab Oktober

Zu diesen Trends kommt noch die politische Dimension dazu. Wie Trending Topics berichtete, wird es spätestens ab Oktober 2020 auch in Österreich so genannte FDI-Screenings, also Investitionskontrollen, geben. Wenn Investoren oder Käufer aus Nicht-EU-Ländern wie den USA, China oder Großbritannien sich mehr als 25 Prozent (in kritischen Branchen wie Verteidigung, Energie, digitale Infrastruktur, Wasser, Datensouveränität, Medizin, Arzneimittel oder Impfstoffe mehr als 10 Prozent) eines österreichischen Unternehmens kaufen wollen, bedarf das künftig der Zustimmung des Wirtschaftsministeriums. Bedeutet: Viele Übernahmen werden noch vor dem Oktober durchgeboxt werden.

Unterm Strich heißt das alles: 2020 kommen viele Faktoren zusammen, die Exits vor allem im Digital- und Technologie-Bereich begünstigen. Offen ist, ob das auch den bisherigen Eigentümern und Investoren schmecken wird. Denn eines ist klar: Bei den Verhandlungen wird es ordentliches Gefeilsche um den Preis geben.

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