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WallStreetBets: „Für Profis wäre das der direkte Weg in den Knast“

Karin Kisling, CEO von Savity. © Savity
Karin Kisling, CEO von Savity. © Savity

Das Reddit-Forum #WallStreetBets hält die Finanzwelt in Atem. Aktien wie jene von GameStop sind Achterbahn gefahren, die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt, Hedgefonds haben dutzende Milliarden Dollar verloren, und die Trading-App Robinhood wird von den eigenen Nutzern verklagt. Dazwischen dutzende Gerüchte, Verschwörungstheorien um heimliche Bande und Geschäfte, darüber die große Frage: Wird das die Welt des Investierens für immer verändern?

Karin Kisling, studierte Betriebswirtin mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Portfoliomanagement und heute CEO der Online-Vermögensverwaltung Savity, hat die Ereignisse mitverfolgt – und spricht im Interview darüber, was die WallStreetBets-Jünger antreibt, wie die Connections zwischen Trading-Apps und Hedgefonds funktionieren und wer an dem Pump der GME-Aktie am meisten verdient.

Aktivistische Crowd-Investoren oder ein Zocker-Mob, der Geld verdienen will – was sehen wir da gerade bei #WallStreetBets?

Karin Kisling: Ich glaube, es sind Jungs, die seit Monaten gelangweilt zu Hause sitzen und über Foren wie WallStreetBets ein Ventil mit Gleichgesinnten gefunden haben, und mit Robinhood die perfekte Broker-Plattform, die Gamification genial umsetzt und dich fast süchtig macht. Also emotional werden alle Knöpfe gedruckt, um eine Horde mit „Wir gegen die Welt“ auf die Wall Street loszulassen.

Unter Aktivismus im engeren Sinne verstehe ich am Kapitalmarkt Aktionäre, die ihre Stimmechte nutzen, um die Unternehmensstrategie zu beeinflussen. Das passt wohl gar nicht. Unter politischem Aktivismus verstehe ich ein handlungs-orientiertes Politikverständnis, das den Status Quo des Establishments in eine bestimmte Richtung lenken will. Das könnte man vielleicht in die WallStreetBets hineininterpretieren; aber außer einer juvenilen „Denen zeigen wir’s jetzt“-Mentalität sehe ich nicht konkret, was die Jungs eigentlich erreichen wollen.

WallStreetBets: Durchhalteparolen im Kampf gegen die Hedge-Fonds

Sind es wirklich nur Kleinanleger, die GameStop und Co pumpen? Oder habe sich da bereits andere Akteure unter die Bewegung gemischt?

Gegenfrage: Was sind Kleinanleger? Große Kaliber wie einen Carl Icahn oder einen Daniel Loeb sehe ich nicht. Elon Musk legt über Social Media aus Spaß an der Sache und seiner persönlichen Vendetta gegen Short-Seller noch mal nach, aber Cash sehe ich nicht. Ist auch nicht nötig. Die Stocks, die manipuliert werden sollen, sind so klein und die Short-Positionen so groß, dass sie mit wenig Kapital bewegt werden können. Vor allem wenn man über Robinhood Leverage einsetzt, etwa über Call-Optionen.

Die Köpfe hinter dieser Strategie sind natürlich erfahrene Investoren und Quasi-professionelle Daytrader, die die Follower der Finanzforen wie WallStreetBets als die idealen Herdentiere für ihre echt smarte Strategie instrumentalisieren. Es wäre auch extrem gefährlich für einen professionellen Investor, der bei der SEC registriert ist, hier mitzumachen, denn das Ziel der Marktmanipulation wird ja ganz offenherzig ausgerufen, und Frontrunning der Leader in den eigenen Reihen als deren Prerogativ akzeptiert.

Für Profis wäre das der direkte Weg in den Knast.  Ironischerweise hat wieder das Establishment gewonnen: Einige wenige prominente Investoren mit VC-Erfahrung und der CEO von GameStop beispielsweise hielten Aktienpakete und profitierten am meisten.

Um herauszufinden, welche Aktien von Finanzinvestoren geshortet werden, braucht es Fachwissen – genauso, wie man wissen muss, wie ein “Short Squeeze” funktioniert. Gibt es Anzeichen dafür, dass #WallStreetBets von einigen wenigen smarten Köpfen gesteuert wird? Und wenn ja, wer sind sie?

Ich glaube, losgegangen ist es völlig unorganisiert vergangenes Jahr, als immer wieder völlig absurde Titel von der WallStreetBets-Crowd gepusht wurden. Und es war wohl primär Spaß und das Gefühl gemeinsamer Stärke. Ich denke, daraus entwickelte sich graduell die jetzige Strategie, die Know-how, Fleiß und konsequente Umsetzung erfordert. Zum Beispiel: Welchen Hedgefonds nimmt man ins Visier?

Melvin Capital ist nicht gerade im Lampenlicht, aber er war nicht allzu groß und für neues Geld geschlossen. Er fuhr relativ konzentrierte Positionen in seinen Shorts, die er noch dazu – weil es sich größtenteils um börsengehandelte Optionen handelte – offenlegen musste. Das war sein Kardinalfehler und die Ausgangsbasis für die Analyse, welche Positionen sich nun für einen Short Squeeze am besten eignen.

Es ist klar, dass sich hier ein paar sehr smarte junge Leute getroffen haben und beschlossen haben, Gas zu geben. Einer der Helden der Bewegung ist, wie man in verschiedenen Interviews nachlesen kann, beispielsweise Keith Gill mit Background Marketing für eine Versicherung. Der perfekte Mix: Finanzverständnis und Marketing-Know-how. Genau das braucht es, um das „Geschäftsmodell“ wirklich zu skalieren.

Melvin Capital und andere haben herbe Verluste hinnehmen müssen. Haben sie sich verspekuliert, das Risiko einer Bewegung „von unten“ nicht erkannt?

Absolut. Das kam aus dem Blauen. Daraus muss der professionelle Markt seine Lehren ziehen. Beispielsweise wird man sicherlich die Short-Instrumente in den OTC-Bereich verlagern, wo die Offenlegungspflichten viel weicher sind, um sich zu schützen.

WallStreetBets vs. Robinhood: Nutzer klagen, Neobroker holt noch eine Milliarde Dollar

Wie bewertest du die Rolle der Trading-App Robinhood in der Sache? Der Trading-App wird vorgeworfen, unter einer Decke mit Hedge-Fonds wie Citadel zu stecken.

Ich glaube, letzteres ist Verschwörungstheorie. Citadel – sowohl der Hedgefonds als auch die Handelsplattform, über die Robinhood seine Positionen glattstellt – hat im Verhältnis zu den Verlusten aus dem Hedgefondsgeschäft zu viel zu verlieren. Denn die Handelsplattform ist die wirkliche Cashcow im Citadel-Imperium.

Robinhood agiert tatsächlich grenzwertig. Es ist die aggressivste Trading-App, die ich kenne, und gleichzeitig perfekt auf die Vorlieben ihrer Zielgruppe abgestimmt. Ziel ist, über Gamification die Barrieren zu nehmen und die Lust zum Traden zu erhöhen, da sie damit ja Geld verdienen. Andere Broker sind da wesentlich konservativer aufgestellt, limitieren z.B. den Zugang zu Leverage, zu Optionen und natürlich zu Shorts. Einige liefern auch exzellenten Educational Content, was bei Robinhood auch in den emotionalen Messages untergeht.

Manche meinen, dass die Nutzer von Robinhood eigentlich das Produkt wären – analog zu den werbefinanzierten Plattformen von Facebook und Google. Wie verdient der Neobroker denn sein Geld?

Früher musstest du für jeden Trade eine Transaktionsgebühr zahlen – bei deinem Broker und bei der Börse, über die gehandelt wurde. Für kleine Positionen üppige Mindest-Fees. Neobroker sind „gratis“, und das geht so: Sie routen ihre Trades nicht an Börsen, sondern an Trading-Plattformen (sog. OTC-Transaktionen), die von einem sogenannten Bid-offer Spread leben, das ist die Differenz zwischen dem angebotenen Kauf- und Verkaufskurs, zu dem der Neobroker dann automatisch ausgeführt wird.

Je mehr Volumen der Broker generiert, desto besser für die Trading-Plattform. Dafür zahlt sie dem Neobroker eine winzige Fee (PFOF = Payment For Order Flow), die sich aber natürlich mit Volumen auch ordentlich läppert. Das heißt: am Ende vom Tag zahlen wir natürlich etwas für unsere Trades, aber dieser Weg hat Trading tatsächlich für normale Retail-Kunden wesentlich günstiger und transparenter gemacht.

Hat Robinhood den Markt manipuliert, als es Käufe von GameStop und anderen Aktien zeitweise aussetzte? Oder hat es die Finanzmarktregeln korrekt befolgt?

Wissen wir nicht, da wird es eine Untersuchung geben. Ich gehe davon aus, dass sie korrekt agierten, sonst hätten sie sich nicht von ihren Investoren Kapital zuschießen lassen müssen. Übrigens haben Broker sehr weitreichende Klauseln in ihre AGBs eingebaut, wonach sie jederzeit entscheiden können, welche Trades sie ausführen.

Robinhood hat innerhalb einer Woche 3,4 Milliarden Dollar frisches Kapital aufgenommen. Ist das ein Notverkauf von Anteilen, um liquide zu bleiben?

Die 1 Mrd am Donnerstag mit hoher Sicherheit. Der Rest kann auch mit Konsortialabsprachen der VCs zu tun haben. Nach dem Erfolg der letzten Quartale war sicher wieder eine Funding-Runde geplant, und die hat man nun möglicherweise vorgezogen.

Robinhood: Kontroverse Trading-App nimmt 3,4 Milliarden Dollar auf

Welche Folgen werden die Geschehnisse auf den Finanzmarkt haben? Müssen etwa Neobroker und Banken nun umdenken bzw. sogar ihre Geschäftsmodelle umbauen? Oder Augen zu und durch?

Bislang hat das System recht gut funktioniert. Das Margin-System hat gegriffen. Die Hedgefonds müssen ihre Rechnung zahlen. Das tut sicher weh – aber es sind große Jungs, und die werden schnell ihre Lektion lernen. Robinhood hat den Denkzettel über die höhere Nachschusspflicht bekommen und denkt jetzt vielleicht darüber nach, Trading Risken zu limitieren. Nach dem Medienhype der letzten Wochen muss es dem letzten Unschuldigen auf den Tradingforen klar sein, dass er bei einer ziemlich riskanten Truppe mitmacht. Wer jetzt noch nicht seine Positionen auf ein für ihn passendes Maß gestutzt hat, lernt es nimmermehr.

Die Geschäftsmodelle an sich finde ich ok. Die Praktiken, die so raffiniert den Spieltrieb nutzen und vor allem Unerfahrene gefährden, dem sollte der Regulator wohl nachgehen. Die gesetzlichen Möglichkeiten haben wir zumindest in Europa einerseits über MFID- und die KYC-Bestimmungen, andererseits über den Konsumentenschutz. In der Vermögensverwaltung wird das bereits eingefordert – obwohl sich da ja Profis um das Vermögen kümmern. Für die DIYs sollte es dann entsprechende Regeln geben, die den Totalabsturz verhindern.

Die Banken, die derzeit noch die Märkte beherrschen, werden sich gerade in diesem Bereich an den Neobrokern orientieren und neu aufstellen müssen. Denn ihre Geschäftsmodelle sind einfach für uns Retail-Kunden nicht attraktiv genug.

Werden wir Bewegungen wie #WallStreetBets wieder sehen, oder ist das eine Erscheinung, die wieder verschwinden wird, so wie #OccupyWallStreet vor vielen Jahren?

Schwer zu sagen, man ist versucht an einen Hype zu denken, so wie wir ihn in der Dotcom Bubble oder in der Subprime Blase hatten. Aber die Macht von Sozialen Medien würde ich nicht unterschätzen. Das bleibt. Finde ich auch gut, denn wo soll ich mich denn über Finanzen informieren, wenn ich eine Alternative zum Sparbuch suche. Wer hilft mir?

Der Frust mit der Finanzindustrie, der sich nach #OccupyWallStreet hier wieder einmal artikuliert, wird uns begleiten. Denn die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer denn je, Chancengleichheit eine Veräppelung, die Angst vor einem immer kompetitiveren Arbeitsmarkt und der Digitalisierung nimmt zu. Wenn wir auf solche Probleme nur mit billigem Populismus antworten, dann werden solche Bewegungen wiederkehren und sich weiter radikalisieren.

WallStreetBets gegen Finanzinvestoren: „You Stand For Everything That I Hated“

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