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Volkswagen will sich zum Digitalkonzern umbauen, um Nokia-Schicksal zu entgehen

Der e-Golf. © Volkswagen AG
Der e-Golf. © Volkswagen AG

Es sind Worte, die man vom Chef einer der führenden Autohersteller der Welt in dieser Deutlichkeit noch nicht so vernommen hat. Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, hat kürzlich im „Global Board Meeting“ des deutschen Konzerns von einem Sturm gesprochen, der „radikales Umsteuern“ erfordere. „Die Zukunft von Volkswagen liegt im digitalen Tech-Konzern – und nur da“, versuchte Diess die Führungsriege auf das nächste Jahrzehnt einzuschwören – und warnt davor, dass Volkswagen ansonsten ein ähnliches Schicksal drohe wie dereinst Nokia, das das iPhone-Zeitalter nicht überlebte.

„Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der ich mir von Nokia Mitarbeitern – ich hatte einige Hundert übernommen – erklären ließ, wie sie im Kampf gegen Apple untergegangen sind. Die Logik war: ‚Wir haben 43 verschiedene Mobiltelefone, für jeden das richtige, kein Mensch will Touch, man muss das iPhone mindestens einmal täglich laden, während unser Akku eine Woche hält.‘ Und: Nokia hatte Rekordjahre, war aber praktisch schon tot“, sagte Diess in seiner Brandrede, die in voller Länge bei Manager Magazin zu lesen ist.

Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG. © Volkswagen AG
Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG. © Volkswagen AG

Tesla im Rücken

Diess nennt nur zwei andere Automarken in seinem Zukunftsausblick: Toyota und Tesla. Toyota gilt ihm als innovativ und umweltfreundlich – vor allem letzteres Adjektiv fällt einem nach Diesel-Gate in Verbindung mit Volkswagen wohl nicht ein. Noch wichtiger für VW ist aber der Aufstieg von Tesla in den letzten Jahren. Dieser Aufstieg beschwört ein Szenario herauf, in dem ein kalifornischer Tech-Konzern (Apple) das Ende eines europäischen Riesen (Nokia) eingeleitet hat – und auf diese Abbiegung der Geschichte soll VW, einer der Grundpfeiler der deutschen Wirtschaft, nicht kommen.

„Die Entwicklung des Aktienkurses von Tesla war zuletzt weitaus dynamischer als die Kurssteigerung von VW. In der Marktkapitalisierung ist Tesla mittlerweile fast gleichauf“, so Diess. Und tatsächlich: Die Marktkapitalisierung von Tesla liegt aktuell bei rund 92 Milliarden US-Dollar und damit „nur“ mehr rund acht Milliarden Dollar hinter jener von Volkswagen. Zwar klafft die Bewertung durch Börsianer und Zahlen zu Umsatz und Absatz bei Tesla weit auseinander – doch Investoren investieren gerne in die zukünftige Entwicklung von Unternehmen, und da erscheint Tesla derzeit ziemlich attraktiv. Gut möglich, dass der Aktienkurs von Tesla nach der Präsentation der Zahlen zum 4. Quartal am 29. Jänner noch einmal zulegt.

„Das Auto wird das wichtigste Mobile Device“

„Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei“, sagt Volkswagen-Chef Diess derweil. Zum digitalen Tech-Konzern will er VW umbauen, und dafür brauche es ein „zusätzliches Aufholprogramm“. Das Automobil wird in Zukunft das komplexeste, wertvollste, massentaugliche Internet-Device, so Diess weiter. „Im Auto werden wir kontinuierlich online sein, weit mehr Daten abliefern als Smartphones, aber auch mehr Informationen, Dienste, Sicherheit und Komfort aus dem Internet bekommen. Das vernetzte Auto wird die Internetzeit nahezu verdoppeln. Das Auto wird das wichtigste Mobile Device.“ Diese Rolle will VW Tesla, gerne als das „iPhone der Autoindustrie“ bezeichnet, nicht überlassen.

Doch kann es VW überhaupt noch schaffen, einen echten Tesla-Killer auf die Straße zu bringen? Der ID.3, der den Erfolg des Golf ins Elektrozeitalter tragen soll, machte zuletzt eher mit Software-Problemen auf sich aufmerksam – und das, obwohl die Markteinführung bereits im Sommer 2020 bevor steht (Trending Topics berichtete). Wenn das Auto nun zum wichtigsten Internet-Gerät werden will, dann sollten die Alarmglocken nur so schrillen, wenn das Betriebssystem (es hört auf den Namen vw.os) nicht funktioniert. Um die neuen CO2-Grenzwerte einhalten, muss der ID.3 auf die Straße gebracht werden – ist also das wichtigste Modell seit vielen Jahren.

DER VW ID.3. © Volkswagen
DER VW ID.3. © Volkswagen

Software wird alles entscheiden

Das weiß auch Diess. „Der ID.3 muss auf die Straße. Dazu müssen wir die Herausforderungen im Anlauf bewältigen. Die Challenge ist die Software- und Elektronik-Komplexität“, sagt der VW-Chef. Deswegen wurde die Software-Entwicklung des VW-Konzerns in der Tochterfirma „Car.Software.org“ (CSo) gebündelt. „Der Erfolg der Car.Software Org entscheidet über unsere Zukunft!“ sagt Diess über den Aufbau einer hauseigenen Software-Plattform, die verhindern soll, dass VW auf andere Betriebssysteme von Google und Co setzen muss. „Dazu kommt, dass wir für die Einhaltung der Grenzwerte auch Seat Mii, VW Up!, e-Golf, e-tron und Taycan mit Batterien versorgen, bauen und in Kundenhände bringen müssen. In der Summe ist das vielleicht die schwierigste Aufgabe, die Volkswagen je vor der Brust hatte.“

Mit 2020 heißt es für VW also: volle Konzentration auf den Durchbruch der Elektromobilität. Andere, alternative Antriebsarten wie die Brennstoffzelle und Liquid Fuels werden auf „Grund-Level“ gefahren. „Sie sind auf einen absehbaren Zeithorizont von mindestens einem Jahrzehnt keine Alternative für PKW-Motoren“, meint Diess. Konkurrent Toyota sieht das anders und setzt weiter auf Wasserstoffautos – auch, weil die Technologie im Heimatland Japan stark subventioniert wird.

„Volkswagen vom Automobilkonzern zum digitalen Tech-Konzern zu machen – das ist eine gigantische Herausforderung. Es klingt unwahrscheinlich, dass man sie bewältigen kann“, so Diess abschließend. Der Konzern hätte einen einzigen Versuch, seine Zukunft zu sichern.

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