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Kann Video-Streaming wirklich dem klassischen TV das Wasser abgraben?

Typisches Setting für Binge-Watching. © Joanes Andueza on Unsplash
Typisches Setting für Binge-Watching. © Joanes Andueza on Unsplash

„So tot wie das Fernsehen möchte ich mal sein.“ So kommentierte Armin Wolf Am Mittwoch nachmittag bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Tagungskonferenz des Fachbereichs Medien der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR Medien) und der Medienbehörde KommAustria die große Frage, ob Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon oder YouTube dem linearen TV das Wasser abgraben.

Klassisches TV mit weiterhin hohen Reichweiten

Klar ist: Fernsehen erfreut sich klarerweise nach wie vor sehr hoher Reichweiten. Die durchschnittliche Fernsehdauer der Österreich lag 2017 bei 186 Minuten pro Tag, und diese Zeit steigt kontinuierlich seit vielen Jahren. Klar ist aber auch, dass zusätzlich zu dieser Fernsehnutzung auch die Nutzung von Video-on-Demand-Diensten (VOD) steigt. Gerade bei jüngeren Menschen werden diese immer beliebter.

Sozialwissenschaftler Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Wiener Institutes für Jugendkulturforschung, präsentierte im Rahmen der Fachkonferenz eine neue Studie zur Videonutzung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Österreich – also jene Menschen unter 30 Jahren. Diese Studie (Fokusgruppen-Interviews und telefonische Befragung, 800 Befragte, repräsentativ für Österreich) brachte folgende Ergebnisse:

  • Derzeit nutzen insgesamt nur 12,5 % der Befragten „sehr häufig“ VOD-Angebote. Bei den unter 30-Jährigen sind es bereits ein Drittel, die „sehr häufig“ VOD nutzen.
  • Mehr als 60 % der ÖsterreicherInnen sehen noch immer „täglich“ fern. 47,7 % der Personen unter 30 Jahren lesen oder hören täglich Nachrichten. „Klassische“ Medien sind also noch viel stärker gefragt als VOD.
  • Die Ansicht, dass Nachrichten aus dem Netz herkömmliche Nachrichtenquellen vollständig ersetzen könnten, wird derzeit kaum vertreten. News in Social Media haben bei den Befragten nur sehr geringe Glaubwürdigkeit (die Fake-News-Skandale lassen grüßen), weswegen klassische Medien gerade für Information wieder einen höheren Stellenwert haben.
  • Bei Online-Videos werden sehr kurze Clips präeferiert. Fast die Hälfte aller ÖsterreicherInnen konsumiert Videos, die weniger als 5 Minuten lang sind. Zugleich werden Stil und inhaltliche Ausrichtung von herkömmlichen Nachrichtenformaten von Jüngeren als wenig ansprechend empfunden.
  • 24 % aller Personen unter 30 Jahren folgen regelmäßig YouTubern oder Video-Bloggern.

Viel Vertrauen in klassische Medien

„Die Jugendlichen zeigen großteils ein recht gutes Gespür für die Glaubwürdigkeit von Informationen und Quellen und bringen dabei den arrivierten Medien weiterhin großes Vertrauen entgegen“, so Heinzlmaier. „Um die junge Zielgruppe weiterhin zu halten, müssen ORF und Co. aber Angebote mit einem Storytelling entwickeln, das auf die Bedürfnisse, aber auch auf die dramatisch sinkende Aufmerksamkeitsbereitschaft vieler Jugendlicher eingeht, die heute überwiegend Drei-Minuten-Clips konsumieren.“

Bei Video-Streaming zeigt sich vor allem, dass Musik sehr stark gefragt ist. Auch aufgrund des mangelnden Angebots werden YouTube und Co eher nicht dazu genutzt, um sich wirklich zu informieren. Bei Netflix und Co geht es stark um Unterhaltung („Binge-Watching“ von Serien) und kaum um Informationen zu Wirtschaft oder Politik. „Unsere Jugend ist an aktuellen Ereignissen und Nachrichten viel interessierter und gegenüber Inhalten aus sozialen Medien deutlich kritischer, als vielfach angenommen wird. Klassische Informationsmedien haben für die jungen Menschen dabei noch immer einen hohen Referenzwert. Demokratiepolitisch betrachtet stimmt das sehr optimistisch“, sagte Medienminister Gernot Blümel (ÖVP) im Rahmen der Konferenz.

Nebeneinander statt gegeneinander

Graben also Netflix, YouTube und Co dem linearen TV das Wasser ab? Da beide Bereiche wachsen, kann man das folgendermaßen erklären: Die Mediennutzungszeit von Menschen ist über die Jahre stark angestiegen. Durch Smartphones, Tablets und mobilen Geräten sowie die permanente Verfügbarkeit von Internet gibt es viel mehr Gelegenheiten, in Pausen, am Arbeitsweg oder unterwegs in der Freizeit auf VOD zuzugreifen.

Außerdem ist die Frage offen, wie junge Menschen später in ihrem Leben (also in fünf, zehn, fünfzehn Jahren) noch Video nutzen werden. Corinna Milborn, Info-Chefin von Puls 4, hat dazu eine These, die sie das „Kinderzimmer-Phänomen“ nennt. So würden junge Menschen gerne Smartphone, Tablet und Co im Zusammenspiel mit Streaming nutzen – doch wenn sie einmal genug Geld für eine eigene Wohnung und einen Flat-TV haben, der Kinderstube entwachsen und sich dann verstärkt dem linearem Fernsehen widmen.

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