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Vertical Farming: Wenn die Landwirtschaft in die Stadt kommt

Vertical Farming bei AeroFarms. © AeroFarms
Vertical Farming bei AeroFarms. © AeroFarms

Das etwa 900 Quadratkilometer große Marchfeld im Osten Wiens, könnte man meinen, ist der Gemüsegarten der Wiener. Weit gefehlt. “Das Marchfeld könnte alleine nur 3,5 Prozent der Wiener ernähren”, sagt Daniel Podmirseg vom Vertical Farm Institute in Wien. Und rechnet gleich weiter: Würde man die österreichische Bundeshauptstadt mit seinen rund 1,9 Millionen Einwohnern ernähren wollen, man bräuchte dafür eine Anbaufläche so groß wie das gesamte Burgenland.

Trotzdem sollen Wien und andere Metropolen dieser Welt künftig nicht von Importen abhängig sein. “Lebensmittel dort produzieren, wo sie konsumiert werden, das ist meiner Meinung nach die Zukunft”, sagt Podmirseg. Steigt der Lebensmittelbedarf so wie prognostiziert, braucht es bis 2075 zusätzliche Fläche von Australien, um die Menschheit zu ernähren. Nur: Wie soll diese Fläche gewonnen werden? In den vergangenen 40 Jahren gingen rund 30 Prozent der kultivierbaren Flächen durch Überdüngung, Klimawandel und andere Probleme verloren. Um neue Flächen zu gewinnen, werden etwa in Afrika Regenwälder niedergebrannt.

“Lebensmittelproduktion wird Teil des urbanen Alltags“

Die Antwort für das Problem steckt im Namen von Podmirsegs Firma: Vertical Farming, also die ganzjährige Lebensmittelproduktion gestapelter Form mit Hilfe neuer Technologien. Unter kontrollierten Bedingungen, ohne Erde und mit nur wenig Wasser kann Gemüse (in erster Linie Salat) gezüchtet werden. Die Vorteile: Das verwendete Wasser kann zu 95 Prozent recycelt werden, Transportwege zum Endverbraucher werden reduziert, landwirtschaftliche Fläche wird eingespart, und die Pflanzen binden CO2.

Wien bräuchte rund 14.000 Vertical Farms, um autark ernährt werden zu können, rechnet Podmirseg vor. Das wären 8 Prozent der Gebäudefläche oder, umgerechnet auf Grundfläche, der dritte Wiener Bezirk. Theoretisch schaffbar. Damit das Thema in die Gänge kommt, entwirft das Wiener Vertical Farm Institute immer wieder Konzepte – etwa für die Linzer Tabakfabrik, die sich zu einem Hub für Startups entwickelt hat (Trending Topics berichtete). mehr Bewusstsein für das Thema soll außerdem die Skyberries Conference in Wien Ende Februar 2018 schaffen.

Geplante vertikale Farm in der Tabakfabrik Linz. © Vertical Farm Institute
Geplante vertikale Farm in der Tabakfabrik Linz. © Vertical Farm Institute

“Wir nennen uns Pflanzen-Flüsterer“

Einer der Vorreiter bei Vertical Farming ist die 2011 in New Jersey gegründete Firma AeroFarms von CEO David Rosenberg. Sie betreibt mittlerweile 9 der Indoor-Gemüsegärten und hat von Ikea und anderen Investoren kürzlich 40 Millionen Dollar Risikokapital erhalten. Die Ernte wird in den USA mittlerweile unter der Marke „Dream Greens“ verkauft. “Wir verwenden keine Pestizide, nicht einmal biologische. Unser Gemüse muss man nicht abwaschen, es ist einfach nichts drauf”, sagt Rosenberg.

Damit die Pflanzen auch so gedeihen, wie sie sollen, werden sie ständig von Sensoren überwacht. “Wir nennen uns Pflanzen-Flüsterer. Wir schauen uns die Daten an, die uns erlauben, bessere Farmer zu werden”, sagt Rosenberg. Er selbst ist Serial Entrepreneur, hat zuvor mit Fintech und Nanotech gearbeitet. Die Mehrheit seiner rund 120 Mitarbeiter sind auch allesamt keine Agrarprofis, sondern kommen von Unis. “Die meisten unserer Mitarbeiter haben Statistik studiert.”

Aufbau bei AeroFarms. © AeroFarms
Aufbau bei AeroFarms. © AeroFarms

AeroFarms ist keine Lebensmittelfirma, sondern eigentlich auf Big Data spezialisiert. Mit dem Computer-Hersteller Dell ist man eine Partnerschaft eigegangen, denn dessen Töchter EMC und VMware haben die notwendigen Rechenanlagen und Machine-Learning-Technologien, um aus den erfassten Daten Sinn herauslesen zu können. “Pflanzen brauchen keine Erde und Sonne, sondern bestimmte Nährstoffe und Lichtspektren”, sagt Rosenberg. Und die soll künftig eine Künstliche Intelligenz berechnen.

“Mit Vertical Farming kann man nicht den Hunger ausrotten”

Dass die vertikalen Farmen einmal komplett für die Lebensmittelversorgung von menschen in Städten sorgen, damit sollte man aber nicht rechnen. “Mit Vertical Farming kann man nicht den Hunger in der Welt ausrotten”, sagt der ehemalige EU-Kommissar und österreichische Politiker Franz Fischler, der heute das schwedische, auf Vertical Farming spezialisierte Unternehmen Plantagon berät. In erster Linie gehe es dabei um die lokale Produktion von Gemüse. Wenn es aber um Fleisch geht,  sind andere Lösungen gefragt.

Heute werden rund zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche als Weideland genutzt, allerdings lassen sich Futtermittel nicht in Vertical Farms erzeugen. Wie berichtet arbeiten eine Reihe von Startups daran, „Clean Meat“, also künstlich gezüchtetes Fleisch im Labor massentauglich und vor allem für die Masse erschwinglich zu machen. Ziel ist, Fleisch in adäquater Qualität leistbar anzubieten, ohne ein einziges Tier schlachten zu müssen. Das würde auch dafür sorgen, dass weniger Weideland gebraucht wird.

Für Fischler sind die vertikalen Hightech-Farmen aus einem anderen Grund wichtig für die Zukunft.“Wir müssen begreifen, dass Landwirtschaft nicht etwas Traditionelles ist, wo die Jungen das nachmachen, was die Eltern schon so gemacht haben”, sagt der Plantagon-Berater. “Am wichtigsten ist der Innovations-Effekt.“

Modell eines "Vertical Greenhouse" von © Plantagon, Illustration: Sweco
Modell eines „Vertical Greenhouse“ von © Plantagon, Illustration: Sweco

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