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Wiener Startup Valutico berechnet auch, wie viel Tesla wirklich wert ist

Das Team von Valutico im Team-Call. © Valutico
Das Team von Valutico im Team-Call. © Valutico

Vor einigen Jahren noch war der Wiener Unternehmer mit dem Startup Greetzly unterwegs, um die Autogrammkarte mittels Video ins 21. Jahrhundert zu holen. Heute widmet er sich etwas härteren B2B-Themen – und zwar Unternehmensbewertungen. Mit seinem neuen Startup Valutico ist er mit komplexen Bewertungsmodellen im Highend-Segment des Beratungsmarktes unterwegs – und hat für Trending Topics auch gleich ausgerechnet, wie viel Tesla, gemessen an harten Finanzzahlen, eigentlich wirklich wert wäre.

Trending Topics: Valutico widmet sich dem Thema Unternehmensbewertungen. Das machen viele andere Anbieter auch – wo liegt der Unterschied zum Mitbewerb?

Paul Resch: Im Unterschied zu dem einen oder anderen Online-Bewertungs-Tool richtet sich Valutico nicht an den Endkonsumenten (d.h. die Unternehmer), sondern an Bewertungsprofis im Bereich Advisory, Investment Management und Corporates. In diesem Highend-Segment des Beratungsmarktes basiert Bewertung nicht auf einfachen Milchmädchenrechnungen, sondern auf komplexen Bewertungsmodellen, die sich wiederum auf eine Vielzahl von Finanzdaten stützen.

Eine “echte” Unternehmensbewertung dauert deshalb auch meist mehrere Tage bis hin zu Wochen und wird von gut ausgebildeten Profis durchgeführt. Valutico unterstützt den Bewertungsprozess, indem es komplexe Finanzdaten einfach verfügbar macht, aufbereitet und zeitintensive Analysen (teil-)automatisiert.

Aufgrund der Zukunftsorientierung der modernen Bewertungstheorie sind Bewertungen letzten Endes auch immer ein Narrativ: eine Story darüber, was ein Unternehmen plant und wie sich dieser Plan in Zahlen übersetzt. Nur wenn Story und Zahlen konsistent sind, wird aus einer reinen Modellrechnung auch eine plausible Bewertung.

Wahrscheinlich sagt man auch aus diesem Grund, dass Bewertung nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst ist. Wir finden jedoch: Weder noch! Wir verstehen Bewertung in erster Linie als Handwerk, und wie bei jedem anderen Handwerk benötigt es nicht nur Erfahrung, sondern auch die richtigen Werkzeuge.

Wer ist euer größter Konkurrent?

Was wir bei Valutico entwickeln, ist die Werkzeugkiste für den modernen Bewertungsprofi. Dabei ermöglichen wir, sich auf den Kern der Bewertung zurückzubesinnen: Nämlich den Fokus auf die Analyse des Unternehmens und seines Umfelds zu legen, während die repetitiven, modell-technischen Aspekte mit Hilfe unserer Lösung automatisiert werden.

Insofern ist unser wichtigster Konkurrent – trotz zahlreicher Anbieter die nun auf den Markt drängen – nach wie vor die Kombination aus Excel Spreadsheet, teuren Datenbanken und manueller Recherche. Da wir die ersten am Markt waren, haben wir einen technischen Vorsprung, den es nun nicht nur zu halten, sondern auch auszubauen gilt.

Wenn man so will ist die Marktsituation ein bisschen so wie vor 20 Jahren bei CRM Tools, als es noch keine modernen cloud-basierten CRM-Systeme gab und Unternehmen ihre Kundendaten in Spreadsheets hatten. Es hat funktioniert aber war aus heutiger Sicht extrem ineffizient. Wir möchten im Bewertungsmarkt erreichen, was Salesforce im CRM Markt vorgelegt hat.

Zentral für Valutico sind die Daten, mit denen analysiert wird. Woher stammen, und wie schafft man es, diese aktuell zu halten?

Der Status Quo in der Bewertungspraxis ist, dass Bewertungsprofis sich Daten aus verschiedensten Quellen zusammensuchen müssen, um damit ihre Excel Modelle zu befüllen. Dies ist sehr zeitaufwändig, fehleranfällig und führt oft zu inkonsistenten Annahmen und somit qualitativ minderwertigen Bewertungen. Ein zentraler Vorteil von Valutico ist, dass wir diesen Teil der Arbeit für unsere Kunden automatisieren, in dem wir unser System direkt mit führenden Finanzdatenbanken – wie z.B. S&P CapitalIQ – verknüpfen. Wir verarbeiten mittlerweile mehrere Terabytes an Finanzdaten voll-automatisiert für unsere Kunden und das auf tagesaktueller Basis. Zudem ergänzen wir laufend weitere Datenquellen wie z.B. regionale Anbieter von Transaktions-Multiples.

Unternehmensbewertungen sind vor allem bei Exits wichtig. Wer sind die wichtigsten Kunden für Valutico?

Aus der Startup-Brille betrachtet ist das sicherlich richtig, aber es gibt natürlich auch noch eine Wirtschaft außerhalb des Startup-Sektors. Bewertungen werden hier für vielerlei Anlässe benötigt, sei es für unternehmerische Entscheidungen (z.B. im Rahmen einer wertorientierten Unternehmensführung), steuerlichen Thematiken (z.B. Erbschaft oder Mitarbeiterbeteiligungen) oder auch im Rahmen der Finanzberichterstattung (z.B. Werthaltigkeitsprüfungen).

Moderne Bewertungsprofis werden auch als “Zehnkämpfer” der BWL bezeichnet. Und das zurecht, sie benötigen ein komplettes, übergreifendes Verständnis aller Funktionen des zu bewertenden Unternehmens und seines Umfeldes. In einem immer komplexer werdenden Umfeld müssen heute mehr Daten denn je verarbeitet und in die Analysen integriert werden. Es gilt, im Dialog mit dem Management ein Verständnis für die Stärken und Schwächen eines Unternehmens zu entwickeln und diese im Kontext der Chancen und Risiken des Unternehmensumfeldes in eine integrierte Finanzplanung zu übersetzen, auf der letztlich auch jede moderne Bewertung basiert. Für diese Zehnkämpfer entwickelt Valutico Lösungen.

Die Corona-Krise hat viele Unternehmen an den Rand der Existenz gebracht. Bemerkt ihr in eurem täglichen Geschäft, dass es nun vermehrt Übernahmen gibt?

Wir haben in 2020 definitiv gemerkt, dass es am Anfang der Pandemie aufgrund der Unsicherheit einen Einbruch bei M&A-Transaktionen gab, weshalb insbesondere die Corporate Finance und M&A-Berater etwas vorsichtiger bei Neuanschaffungen von Lösungen wie Valutico waren. Der M&A-Markt hat aber relativ schnell wieder Fahrt aufgenommen. Im Segment Tax & Audit wiederum gab es sicherlich wesentlich mehr Aktivität, wodurch dieser Effekt mehr als ausgeglichen wurde.

Was wir in den vergangen Monaten selbst beobachten konnten, ist ein signifikanter Anstieg von Anfragen nach Bewertungs- und M&A-Dienstleistungen über unseren Marktplatz MyValutico. Hier bringen wir Unternehmer in Kontakt mit von uns zertifizierten Experten. Es scheint hier vor allem von kleineren und mittelständischen Unternehmen großes Interesse zu geben mehr über die Möglichkeiten eines Firmenverkaufs zu erfahren und wir gehen davon aus, dass dies mit der schwierigen finanziellen Situation vieler Kleinstunternehmer zu tun hat. Zusätzlich bekommen wir aktuell auch immer wieder in Verkaufsgesprächen mit Neu-Kunden bestätigt, dass es einen verstärkten Bedarf an Unternehmensbewertungen gibt, der auf die Folgen der Pandemie zurückzuführen ist.

Valutico selbst konnte glücklicherweise auch während der Corona-Krise kontinuierlich wachsen und so konnten wir auch in 2020 unseren Umsatz wieder verdreifachen. Das liegt vor allem daran, dass unser Team die Krise von Anfang als Chance wahrgenommen hat und schon vor der Pandemie auf dezentrale Teams und Remote/Tele-Arbeit gesetzt wurde. Auch die  veränderte Wahrnehmung von Technologielösungen ist ein positiver Effekt. Es wirkt ein wenig so, als hätte Corona Unternehmen dazu gebracht, sich vermehrt mit Digitalisierung auseinanderzusetzen sowie neue Lösungen für Ihr Segment zu suchen, testen und zu kaufen. Aber wer weiß, vielleicht wäre das Jahr ohne Corona sogar noch besser verlaufen.

Wie funktioniert das Geschäftsmodell von Valutico?

Valutico ist eine web-basierte Unternehmensbewertungsplattform, die im Rahmen eines SaaS Modells global angeboten wird. Mit unserem Produktangebot richten wir uns insbesondere an Bewertungsexperten im Advisory (Corporate Finance, M&A, Tax, Audit, etc.), Investment Management (Family Offices, Private Equity, Venture Capital, Public Equity, etc), aber auch an Corporates (M&A, Strategie, Financial Reporting, IR, Investment Controlling, etc).

Darüber hinaus betreiben wir – wie bereits erwähnt – mit MyValutico einen Marktplatz bei dem Angebot und Nachfrage nach bewertungsnahen Dienstleistungen zusammen finden. Unser Team von derzeit 40 Mitarbeitern ist global verteilt und bedient Kunden in über 25 Ländern.

Welche Zukunftspläne gibt es?

In Folge unserer erfolgreichen internationalen Markteinführung (Fokus: EU, UK, Nordamerika), wollen wir unsere Services nun auf die weltweit wichtigsten Märkte und Finanzzentren (inkl. Hongkong/Singapur) ausweiten. Dazu suchen wir sowohl Mitarbeiter, aber auch lokale Kooperations- und Vertriebspartner mit einem starken Netzwerk innerhalb der Finanzdienstleistungsbranche.

Produktseitig steht der Launch der Version 3.0 unserer Plattform kurz bevor, die unser Produkt nicht nur schneller, sondern auch benutzerfreundlicher und visuell ansprechender machen wird . Weitere Produkterweiterungen stehen ebenfalls bereits in den Startlöchern. Wir können dazu noch nicht zu viel verraten, aber ein erfreuliches Beispiel möchten wir bereits heute teilen: Wir konnten im Februar eine Innovationsförderung der Wirtschaftsagentur Wien in Höhe von 200.000 Euro (Projektvolumen EUR 450.000) im Bereich Sustainable Finance gewinnen. Dabei handelt es sich um eine Förderung für unsere geplante Produkterweiterung ValutECO, ein Modul, das es unseren Kunden ermöglichen soll, ESG-Faktoren bei der Unternehmensbewertung zu berücksichtigen.

Wir haben also viel vor und sind zuversichtlich auch in den kommenden Jahren unser Hyper-Wachstum fortsetzen zu können!

Die große Frage zum Abschluss: Die Unternehmensbewertung von Tesla liegt bei derzeit 600 Milliarden Dollar an der Börse. Auf welche Bewertung kommt ihr bei Valutico?

Ein spannendes Thema! Aus fundamentaler, also die harten Finanzdaten wie Cashflows betreffenden, Sicht ist eine Bewertung wie jene von Tesla natürlich nicht zu rechtfertigen und es wird wohl auch kaum jemand mehr bezweifeln, dass die Aktie überbewertet ist (nicht mal Elon Musk selbst!). Aus fundamentaler Sicht tun wir uns selbst unter optimistischsten Annahmen schwer, eine Bewertung nördlich der 150 Milliarden Dollar zu rechtfertigen.

>>> Hier der Link zur Analyse von Tesla auf Valutico <<<

Das ist überhaupt ein spannendes Thema: Letzten Endes geht es bei Bewertung ja auch um die effiziente Allokation von Kapital. Wenn man sich die derzeitigen Auswüchse in den Aktienmärkten anschaut, könnte es definitiv nicht schaden, wenn Valutico einen Beitrag zu “richtigeren” Aktienbewertungen leisten könnte. Spekulative Blasen sind lustig solange es nur nach oben geht, aber letzten Endes haben sie teure gesamtwirtschaftliche Kosten. Wenn wir als Valutico unseren Beitrag leisten könnten, um diese Blasen zu verhindern oder zumindest einzudämmen würde mich das als Gründer sehr stolz machen.

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