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Franz Fuchsberger: Das macht der Gründer des Unicorns Tricentis nach seinem Ausstieg

Franz Fuchsberger, Mitgründer von Tricentis. © Standortagentur Tirol
Franz Fuchsberger, Mitgründer von Tricentis. © Standortagentur Tirol

Franz Fuchsberger leitete rund zehn Jahre lang den Vertrieb eines der erfolgreichsten Softwareunternehmen Österreichs. Tricentis gilt mit einem Unternehmenswert von mehr als einer Milliarde Dollar als „Unicorn“. Angefangen hat alles zur Jahrtausendwende. Fuchsberger stieg in die Österreich-Geschäftsführung des US-Unternehmens Compuware auf und stand in einem Teilbereich vor einem ungewöhnlichen Problem. Die gesamte Branche des automatisierten Software-Testings setzte offenbar auf ein Produkt, das die Zielgruppe nicht bedienen konnte.

„Test-Automation bedeutete, man muss Programmieren, um einen Test zu fahren. Als Tester muss man also Programmierer sein. Das Problem war: Tester sind zu 95 Prozent keine Programmierer“, fasst er das Problem heute zusammen. Für Compuware bedeutete das: „Wir waren im Grunde hoch unerfolgreich mit Test-Automationslösungen“.  Dieses Problem lösten damals eigene Dienstleister und einer davon wurde von Fuchsbergers künftigen Gründungspartner geleitet, Wolfgang Platz. Gerade, als Fuchsberger Compuware verlassen wollte, bat Platz ihn zu einer Präsentation.

165 Mio. Dollar Investment

„Was ich gesehen habe, hat mich vom Sessel gehauen“, erinnert er sich. „Ich habe noch nie eine Testautomations-Software gesehen, bei der ich das Gefühl hatte, die kann ich selbst programmieren. Es war zum ersten Mal eine Software da, die genau erfüllt, was der Markt braucht: Mit dem Fachwissen der Tester eine Testautomatisierung umzusetzen“. 2007 gründeten die beiden Tricentis. 2017 steckte der US-Investor Insight Venture Partners 165 Millionen Dollar in das Unternehmen und ein Jahr später folgte die Fusion mit dem US-Konkurrenten QASymphony. Zu den Kunden von Tricentis zählen Firmen wie HBO, Whole Foods, Toyota, Allianz, BMW, Starbucks oder Deutsche Bank.

Trending Topics: Tricentis ist ein „Unicorn“ – das ist in Österreich selten.

Franz Fuchsberger: Als Unicorn werden Unternehmen bezeichnet, die einen Unternehmenswert von mehr als einer Milliarde Dollar haben. Das erste Mal wurden wir 2017 so bezeichnet.

Ihr seid seit der Übernahme von QASymphony ein US-Unternehmen.

Das waren wir schon davor, weil wir Ende 2016 bei dem Investment-Deal (165 Mio. Dollar Investment, Anm.) die Mehrheit des Unternehmens an eine US Private Equity Firma, IVP (Insight Venture Partners, Anm.), verkauft haben.

Was hat sich dadurch verändert?

Gefühlt gar nichts. Mein Partner und ich waren neben IVP immer noch die Hauptaktionäre.

Du bist bei Tricentis nach mehr als zehn Jahren heuer ausgestiegen – wie war das für dich?

Ich betrachte Tricentis als mein berufliches Lebenswerk und wollte es bis zuletzt begleiten, aber man muss sich auch immer die Begleitumstände anschauen. Das Unternehmen ist großartig gewachsen und ich habe versucht, mich ersetzbar zu machen, um diesen Schritt ins Privatleben zu gehen. Das war ziemlich genau vor einem Jahr. Wir haben eine sechsmonatige Übergangsphase vereinbart, in der ich noch an diversen Meetings teilgenommen habe. Seit Anfang 2019 bin ich komplett privat.

Jetzt investierst du bei eQventure (Business-Angel-Netzwerk von Herbert Gartner, Anm.) deine Zeit in andere Unternehmen, die erst am Beginn dieser Reise stehen?

In erster Linie bin ich Philosophiestudent und hole gerade das kleine Latinum nach. Herbert Gartner hat mich aber auch überredet, bei eQventure mitzumachen. Ich möchte mit dem Wissen, das ich habe, Gründerteams unterstützen und natürlich auch investieren.

+++ eQventure von Herbert Gartner ist der österreichische Top-Startup-Investor 2018  +++

Gibt es schon Startups, mit denen du arbeitest?

Ich bin derzeit in sechs österreichische Technologie-Startups investiert.

Welche?

Das möchte ich nicht beantworten.

Hast du wieder Lust bekommen, selbst zu gründen?

Noch nicht. Es ist ja noch nicht lange her, dass ich voll aktiv war. Ich habe das Bedürfnis derzeit nicht – ich habe mich ja aus einem Grund herausgenommen. Ich bin der Typ „alles oder nichts“ – ich kann nicht normal. Ich hatte 80-Stunden-Wochen und saß ständig im Flieger. Das will ich aber nicht mehr.

Du hast jetzt über eQventure wieder mit ganz jungen Unternehmen zu tun. Wie hat sich das Gründen und Aufbauen eines Unternehmens gewandelt im Vergleich zu 2007, als du Tricentis gegründet hast?

Was es 2007 noch gar nicht gab: eine aufkeimende Finanzierungsalternative für Unternehmen, neben Bankkrediten. Jetzt gibt es eine junge Gründerszene und auch eine Venture-Capital-Szene in Österreich. Ob es leichter geworden ist, weiß ich nicht. Die Politik bemüht sich, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die wahren Herausforderungen haben sich aber nicht geändert: Man muss die richtigen Leute finden und seine Idee am Anfang wenn möglich ohne Finanzierung auf den Boden bringen. Es geht darum, erste Umsätze zu machen. Das sind die wirklichen Challenges: Wie setze ich mein Go-To-Market auf, wie bekomme ich mein Produkt so weit, dass ich es überhaupt präsentieren kann.

Was rätst du jungen Startup-Gründern heute zum Thema Work-Life-Balance?

Am Ende des Tages muss diese Frage jeder für sich selbst beantworten. Es ist aber klar, dass man in einer frühen Phase eines Startups als Gründer voll gefordert ist. Die Arbeit ist zumindest bei mir auch nie weniger geworden. Ich hatte eher das Gefühl, dass es noch mehr geworden ist. Das gehört einfach dazu. Wenn das Thema Work-Life-Balance bei einem Gründer zu dominant ist, dann stimmt irgendetwas nicht. Die ersten Jahre war es für mich persönlich das Schönste, arbeiten zu können.

Wo liegen in Österreich für Unternehmer Herausforderungen und was macht Österreich zu einem guten Standort?

Es gibt sicherlich vieles, das man leichter machen könnte. Was an Wien gut ist, im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten, ist, dass man leichter an gutes Personal herankommt. Die Kostenstruktur ist auch besser in Wien. Wir konnten vor allem zu Beginn auf viele gut ausgebildete junge Leute zugreifen – später wurden die Headhunter auf uns aufmerksam, da wurde es schwieriger.

Gab es auch Nachteile?

Man hat Auflagen, die es in den USA vielleicht nicht geben würde. Als ich unsere US-Gesellschaft gegründet habe, ist mir aber aufgefallen, dass es auch dort nicht so leicht ist, wie man immer glaubt. Wenn man sich zum Beispiel das Sozialversicherungssystem anschaut: Für einen Mitarbeiter, der für ein großes Unternehmen arbeitet und eine wichtige Rolle hat, stellt sich das Sozialversicherungssystem so dar, wie für uns in Österreich, wenn man bei einer Kasse versichert ist und eine gute Zusatzversicherung hat. Für alle anderen, die ein solches Paket in den USA abschließen wollen, ist das komplett unleistbar. Die Versicherungsunternehmen, die das anbieten, haben für große Unternehmen gute Konditionen. Wenn mir jemand sagt, ein Unternehmen zu gründen ist in den USA so leicht, muss man das schon relativieren.

In Österreich gibt es dafür andere Hürden: Zum Beispiel, dass ab 50 Mitarbeitern die Gefahr besteht, dass ein Betriebsrat gegründet wird. Ein Betriebsrat ist der Tod für jedes Unternehmen, meiner Meinung nach. Das ist unnötig und ich hoffe, dass das irgendwann als veraltet gilt. Aber im Wesentlichen ist Österreich ein ganz guter Standort. Wien hat auch einen internationalen Flughafen, was wichtig ist, wenn man an Internationalisierung denkt.

Warum haben die USA bei der Dichte erfolgreicher IT-Unternehmen die Nase im Vergleich zu Europa so weit vorne?

Das kann man auf mehreren Ebenen beantworten. Was auf der Hand liegt ist, dass es die Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung, die in den USA normal waren, in Europa lange Zeit nicht gab. Die Finanzierung von Ideen gibt es in den USA schon viel länger und das halte ich für einen wesentlichen Aspekt. Der zweite Punkt geht ein bisschen ins Philosophische. Es ist erwiesen, dass die größten Leistungen im Sport, in der Wissenschaft, der Kunst oder im Unternehmerischen von Einzelpersonen kommen. Wir in Europa mit unserem Steuersystem schaffen aber eine Art der Gleichmachung von Menschen. Was treibt diese Einzelpersonen zu diesen Leistungen? Geld ist meist nur ein Mittel, dahinter steckt ganz etwas anderes. Sie wollen herausragen. In Österreich und noch stärker in den kommunistischen Ländern haben wir mit Sozialismus eine Gleichmacherei betrieben. Das ist meines Erachtens nach ganz schlecht für Innovationen. Das soll keine Wahlrede für den Kapitalismus sein, aber man muss sich überlegen, wie man die Motivation des Einzelnen, etwas Herausragendes zu leisten, fördert oder eben dämpft.

In Europa wird gerne auf die Scheiter- bzw. Fehlerkultur im Silicon Valley hingewiesen. Was hältst du davon bzw. aus welchen unternehmerischen Fehlern hast du am meisten gelernt?

Ich bin kein Serial Entrepreneur, der schon davor drei Unternehmen gegründet hat. Natürlich haben wir bei Tricentis auch mal Momente gehabt, wo es nicht rund lief. Manchmal wurde es vielleicht auch eng mit der Auszahlung der Juni-Gehälter, weil die doppelt zu zahlen sind. Aber von einem Scheitern in dem Sinne kann ich nicht berichten. Eine bittere Erkenntnis war allerdings, wie ich in die USA gestartet bin und dort den Vertrieb aufgebaut habe. Als ich nach unseren Referenzen gefragt wurde, kam gleich ein „Yes, but your US references“.  Die interessieren sich nicht für Referenzprojekte außerhalb der USA. Ich habe dann gemeint „Well, you can be the first one“. Es ist damals gelungen, aber es war nicht einfach. HBO war einer der ersten Kunden, die ich dort gewonnen habe und heute ist das noch ein Referenzkunde. Aber was mir nicht gelungen ist: Mich dort wieder herauszuziehen und es läuft trotzdem weiter. Immer, wenn ich mich herausgenommen habe, sind die Zahlen nach unten gegangen. Das war eine bittere Erkenntnis und hat sich wie eine Niederlage angefühlt.

Wie bist du mit diesem Druck umgegangen?

Ich habe mir ursprünglich erwartet, dass ich nach einem Jahr wieder weggehe und einmal pro Quartal die USA besuche, um mir die schönen Zahlen anzuschauen. So war es aber nicht. Das war bitter. Es gibt sogar Leute, die meinen, unsere USA-Strategie wäre gescheitert – das ist natürlich ein Blödsinn.

Um das Interview positiv abzuschließen: Was war denn dein persönliches Highlight in der Geschichte von Tricentis?

Highlights hatten wir viele. Persönlich gab es zwei Höhepunkte. Der UBS 2008, in der Zeit, als sie gerade privatisiert wurden, Software zu verkaufen. Das war der erste Schweizer Kunde, den ich gewonnen habe. Das zweite Highlight war der HBO-Deal in New York. Die hatten damals schon Hits wie Sex and the City, HBO ist das Entertainment-Unternehmen schlechthin.

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