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Tier Mobility: “Wir sind die am schnellsten wachsende Mobility-Firma der Welt”

Tier Mobility-Mitgründer Lawrence Leuschner. © Trending Topics
Tier Mobility-Mitgründer Lawrence Leuschner. © Trending Topics

Er gehört zu den Stars der Berliner Startup-Szene, denen man ganz genau zuhört: Denn wenn Lawrence Leuschner, einer der Mitgründer des deutschen E-Scooter-Sharers Tier Mobility auf die Bühne kommt, dann gibt es große Ansagen und beeindruckende Zahlen. “Wir sind die am schnellsten wachsende Mobility-Firma der Welt”, sagt Leuschner selbstbewusst auf der Bühne der Marketplace Conference, die diese Woche in der deutschen Hauptstadt über die Bühne ging. Noch schneller als Bird, noch schneller als Lime, noch schneller als Uber sei man gewachsen – auf insgesamt 14 Millionen Fahrten in nur 10 Monaten.

Tier Mobility, das ist jenes Startup, das erst im Oktober 2018 mit Wien seinen ersten Markt anging (Trending Topics berichtete) und mittlerweile in rund 50 Städten 23.000 E-Scooter zur Leihe per App anbietet. 350 Mitarbeiter (200 davon in Wien, der Rest verteilt über ganz Europa) arbeiten für die Firma, nicht noch nicht einmal ein Jahr alt ist und einfach mal „das Auto disrupten“ will. Leuschner und seine Mitgründer Matthias Laug (Cofounder von Lieferando) und Julian Blessin (ehemals beim E-Moped-Sharer Coup) surfen auf der Klimaschutz-Welle. „Nachhaltige Mobilität für alle“ will man bieten und eine Alternative zum Auto schaffen.

„Ich will wirklich den Klimawandel bekämpfen“

Moment mal: E-Scooter statt Auto? “Ich will wirklich den Klimawandel bekämpfen, indem ich Firmen baue”, sagt Leuschner. Seine vorige Firma reBuy ist zu einem der führenden Marktplätze für gebrauchte Elektronik aufgestiegen und sorgt dafür, dass Millionen Menschen gebrauchte Handys kaufen statt neuen. Mit Tier will der Seriengründer nun Nachhaltigkeit in den Stadtverkehr bringen. Doch das bringt ihm – wie allen anderen E-Scooter-Verleihern – Kritik ein.

„Da wird gesunder Fussgängerverkehr durch Roller und gesunder Fahrrad- und Öffi-Verkehr durch Modeps ersetzt“, sagte Buchautor Winfried Wolf („Mit dem Elektroauto in die Sackgasse“, Trending Topics berichtete) kürzlich im Interview zu Trending Topics. Zudem sagt eine Studie von Wissenschaftler der North Carolina State University, dass die Elektroroller wegen der verbauten Batterien und vor allem dem Aufladeprozess (oft werden die Roller von LKWs eingesammelt und zur Steckdose gebracht) viel CO2 verursachen. Und: Betreibern wird vorgeworfen, dass sie viel Müll produzieren, weil die Gefährte nur wenige Monate lang halten.

“Kaum jemand geht 2,5 Kilometer zu Fuß”

Alles Punkte, mit denen sich Tier Mobility auseinandersetzt. Dass E-Scooter ein Ersatz fürs zu Fuß gehen seien, den Vorwurf will Leuschner nicht gelten lassen. 2,5 Kilometer würden seine Nutzer im Schnitt fahren. “Kaum jemand geht 2,5 Kilometer zu Fuß.” Nutzerumfragen würden zeigen, dass jeder zweite E-Scooter als Alternative zum Auto sehen, um in der Stadt von A nach B zu kommen. “Wir bringen Menschen dazu darüber nachzudenken, ob sie überhaupt noch ein Auto brauchen“, sagt Leuschner. Er sieht Roller im Mix neben Fahrrad und den Öffis als Lösungsmittel für die Blechlawinen, die Stau und CO2 verursacht.

Ob das Konzept aufgeht, wird man sehen. Das starke Wachstum, das Tier Mobility in zehn Monaten hinlegte, hat seinen Preis. Rund 30 Millionen Dollar hat das Startup allein 2018 eingesammelt und in das Wachstum gesteckt – erst vor einem Monat haben Investoren weitere 60 Millionen Dollar zugeschossen. Die Konkurrenz schläft nicht. Bird und Lime aus den USA wurden jeweils mit 700 Millionen Dollar und mehr ausgestattet, der europäische Konkurrent Voi aus Stockholm holte zuletzt 85 Millionen Dollar (Trending Topics berichtete).

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Mitarbeiter von Tier Mobility am Werken. © Tier Mobility
Mitarbeiter von Tier Mobility am Werken. © Tier Mobility

Roller mit Wechsel-Akkus

Für den Konsumenten sind die Roller-Anbieter zum Verwechseln ähnlich – die Scooter gleichen einander, die Preise auch, lediglich die Farben sind anders. Doch Tier Mobility will innen drinnen besser als die Konkurrenz sein – und nachhaltiger. Deswegen hat das Startup neue Scooter konzipiert, die erstmals austauschbare Batterien haben. Das hat folgenden Zweck: Anstatt die Roller mit LKWs einzusammeln, sollen künftig Mitarbeiter in den Städten mit Cargo-Bikes von Scooter zu Scooter fahren, die leeren Akkus gegen volle austauschen und sie gegebenenfalls auch gleich reparieren. “Das ist ein großer Schritt, um ein nachhaltiges Geschäft rund um Micro-Mobility zu bauen”, sagt Leuschner.

Nachhaltiger sollen die neuen Roller (deren Smartphone-Halterung Handys drahtlos per Qi-Standard) auch sein, weil sie stabiler sind und länger halten. Bis zu 18 Monate, verspricht Leuschner. Damit sei man der Konkurrenz um Längen voraus und setze Standard. Was aber passiert mit den 23.000 bestehenden Rollern, die nach und nach gegen die neuen Modelle ausgetauscht werden. Auch dafür hat man eine Lösung gefunden: Sie werden generalüberholt und im Online-Shop um 700 Euro verkauft. „Ein schönes Weihnachtsgeschenk“, meint Leuschner.

Wer kauft wen?

Apropos kaufen. Die ganz große Frage in der E-Scooter-Branche lautet: Wer kauft wen? Mittelfristig werden sich die vielen verschiedenen (und gleichzeitig sehr ähnlichen) Anbieter kaum am Markt halten – alleine in Wien gibt es acht E-Scooter-Dienste. “Ich denke, es werden nächsten Sommer noch drei oder vier da sein”, sagt Leuschner. Ein größerer Betreiber werde aufgeben müssen, mehrere kleine würden den Winter nicht überleben. Im ersten und zweiten Quartal 2020 würde sich der Markt konsolidieren. Wird Tier Mobility diese Phase überleben? Na klar, meint der Gründer: “Es ist ein Rennen, und es ist noch nicht vorbei.”

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