Andreas Bierwirth

T-Mobile-Chef: „Dürften wir den Gläsernen Kunden nutzen, könnten wir niedrigere Preise anbieten“

T-Mobile-Austria-Chef Andreas Bierwirth. © T-Mobile Austria.
T-Mobile-Austria-Chef Andreas Bierwirth. © T-Mobile Austria.

Vom 21. in den 3. Wiener Bezirk: Nach dem Besuch bei Drei-Chef Jan Trionow in der Drei-Zentrale ist TrendingTopics.at ins T-Center aufgebrochen, um sich dort mit Andreas Bierwirth, dem Chef von T-Mobile Austria, zu treffen. Die Gesprächsthemen: WhatsApp, Big Data, Netflix und die virtuellen Mobilfunker, die in Österreich einen neuen Preiskampf bei Handy-Tarifen ausgelöst haben. Und: Wie Trionow hat auch Bierwirth TrendingTopics.at einen Screenshot von seinem Smartphone zur Verfügung gestellt (siehe weiter unten).

Welche Apps, abgesehen von den eigenen T-Mobile-Apps, benutzen Sie am Smartphone am öftesten?

Andreas Bierwirth: Ich bin ein Heavy-User von einigen Apps. Dazu zählen eine Börsen-App, Games für meine Kinder, Apps, die ich mein Hobby als Flugpilot am Wochenende und meine Arbeit benötige, und ja, ich habe auch WhatsApp. Ich kann mich dem nicht widersetzen, auch wenn ich weiß, dass ich bei WhatsApp einen harten Deal eingehe. Ich zahle meine Privatsphäre in einen Server in den USA ein, der mich unlimitiert auswertet, damit ich kostenlos kommunizieren kann. Mir widerstrebt das, aber zum Versenden von Fotos und Videos ist das sicherlich eine sehr gute App. Wir Telekommunikationsanbieter haben nach Erfindung der SMS in den 1980ern es nicht geschafft, einen vergleichbaren Standard zum Versenden von Fotos oder Videos zu entwickeln.

Wie muss man sich als Mobilfunker aufstellen, wenn Over-The-Top-Dienste wie WhatsApp ins Kerngeschäft eindringen?

Ich habe bezüglich OTT-Playern zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen sorgen sie natürlich dafür, dass das Datenwachstum anhält. Wir sind ja kein Mobilfunker mehr, sondern eigentlich ein Breitbandanbieter, und da braucht man für den unternehmerischen Erfolg eine steigende Datennachfrage. Zum anderen haben Telekomunternehmen, insbesondere in Österreich, Datenmengen jahrelang verschleudert, und dadurch ist die Kommerzialisierung des Datenvolumens hier ungleich schwerer. In Österreich ist ein Datenparadies entstanden, und wenn dann gleichzeitig Dinge wie SMS um 30 bis 40 Prozent pro Jahr einbrechen und Umsatz durch Nicht-Umsatz ersetzt wird, ist das eine Herausforderung. Wir stellen unsere Tarife deswegen seit zwei, drei Jahren konsequent auf das Datenerlebnis um. Stimme und SMS sind Themen der Vergangenheit. Die Leute telefonieren zwar weiter, aber eben über andere Kanäle.

Drei-Chef Jan Trionow hat im Interview mit TrendingTopics.at gefordert, dass OTTs wie WhatsApp den gleichen Regeln unterliegen müssen wie europäische Mobilfunker. Auch Ihre Forderung?

Das Ungleichgewicht zwischen Internetunternehmen und Mobilfunker existiert, keine Frage. Die Rufe meines Kollegen sind keineswegs neu, nur werden sie seit Jahren nicht gehört. Die Regeln werden in Europa unterschiedlich gelebt. In Irland etwa wird der Konsumentenschutz zum Zwecke der Unternehmensansiedlung von Internetfirmen bewusst niedrig gehalten. Wenn das in Europa nicht harmonisiert wird, dann ist das eine massive Verzerrung. Am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass es eine Deregulierung des Marktes gibt, sofern man Fairness will. In Österreich gibt es einen besonders starken Konsumentenschutz, Beispiel die verpflichtende Papierrechnung. Wäre es anders herum, also eine Online-Rechnung und nur auf Wunsch eine Papierrechnung, würde das bei uns im Unternehmen Millionen an Kosten bewegen. Das wäre auch gesellschaftspolitisch wichtig, um Österreich mental in die richtige Richtung zu entwickeln. Denn die Digitalisierung wird das bestimmende Thema der nächsten Dekade sein.

Eine Deregulierung würde schwächeren Konsumenten- und schwächeren Datenschutz bedeuten.

Das ist absolut die Konsequenz. Aber das ist doch längst Lebensrealität. Wenn der Konsumentenschutz so wichtig wäre, wie wir glauben, würde sich der Konsument nicht für Facebook entscheiden. Facebook arbeitet mit der Kommerzialisierung von Nutzerdaten, um Werbung zielgenau verkaufen zu können. Es geht um einen gewaltigen digitalen Werbemarkt, der tradierte Werbemärkte wie Print, TV und Co gerade ablöst. Dem Konsumenten ist Datenschutz offenbar ganz egal, Hauptsache, er nimmt an diesen sozialen Netzwerken teil. Das Kommunikationsbedürfnis wird weit über die Privatsphäre gestellt.

Würden Sie mit T-Mobile denn auch gerne Big Data machen und Nutzerdaten zu Werbezwecken auswerten?

Sicherlich, und ich glaube, das wäre keineswegs zum Nachteil des Kunden. Stellen Sie sich vor, er bekommt, wenn er in der Wiener Innenstadt an einem Starbucks vorbei geht, einen Gutschein aufs Handy. Bei Facebook oder WhatsApp kann man das per Ortungsdienst machen, und wir könnten solche Dinge auch machen. Wenn wir das Thema “Gläserner Kunde” nutzen dürften, könnten wir niedrigere Preise für Telekommunikationsdienste für Endkunden anbieten. Der Kunde dürfte sich dann natürlich per Opt-out in seine Privatsphäre zurückziehen. Natürlich könnten wir das Opt-out nicht wie bei Google im 23. Untermenü verstecken, sondern würden es transparenter machen. Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl wäre eine Partizipation von Telekommunikationsunternehmen am Thema Big Data sinnvoll. In Europa gibt es heute kaum Unternehmen, die so etwas machen können, aber daraus könnten Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze entstehen, die es heute noch gar nicht gibt.

Screenshot von Andreas Bierwirths iPhone 6.
Screenshot von Andreas Bierwirths iPhone 6.

Wenn wir beim Thema günstige Tarife sind: Sehen Sie T-Mobile durch die neuen Diskont-Mobilfunker unter Druck? Verlegen Sie sich darauf, Bestandskunden zu halten als zu versuchen, Neukunden zu gewinnen?

Der Anspruch ist natürlich immer, Neukunden zu gewinnen. Was uns ja auch gelingt, unser Umsatz wächst. Der virtuelle Anbietermarkt wurde allerdings künstlich geschaffen, weil der Preis pro Megabyte, den die virtuellen Mobilfunker in unseren Netze bezahlen, von der EU vorgegeben ist. Diese Auflage ist aber zeitlich befristet, und in fünf Jahren wird sich das Thema Preis-Disruptivität wieder aufhören.

2020 wird also alles wieder teurer werden?

2020 wird die Produktion für virtuelle Anbieter wieder deutlich teurer. Das Segment spricht sicher einige an und hat seine Berechtigung, aber eben nicht jeden. Wenn ein Handy kaputt wird, wenn man einen Router braucht, dann muss man zu einem der drei großen Anbieter. Wenn man ein iPhone 5C will, kann man zum Hofer gehen, aber da weiß keiner, ob es das nächsten Monat noch gibt. Wir hingegen haben alle Geräte auf Lager. Durch Service, eine breite Produktpalette, den Business-Bereich und Zusatzdienste wie etwa Kinderschutz können wir uns von den Diskontern klar differenzieren.

Delight, Vectone, HoT und SBudget Mobile sind im Netz von T-Mobile als virtuelle Mobilfunker eingemietet, aber daran verdienen können Sie nichts?

Nein, weil sie Preise bekommen, die sie auf einem nicht regulierten Markt in einem Verhandlungsergebnis nie erzielt hätten.

Die tele.ring-Shops wurden von T-Mobile mittlerweile alle geschlossen. Werden Mobilfunker künftig noch physische Filialen haben, oder wird der Kunden-Service einmal komplett virtuell ablaufen? Auf www.tmobile.at kann man ja bereits mit der virtuellen Assistentin “Tinka” chatten.

Ich glaube, dass sich der Anteil zwischen Verkaufs- und Beratungstätigkeit in den Shops verschiebt. Die Zeit für Beratung nimmt zu, die Zeit für Verkauf ab. Einen Router kann man im Internet bestellen, aber wenn man sich das neu gekaufte iPhone konfigurieren lassen will, geht man lieber in einen Shop. Auch beim Thema “Smart Home”, wo wir Produkte anbieten werden, wird diese Beratung wichtig werden. Eine große Chance für den Online-Bereich sehe ich im ländlichen Raum, der nicht komplett vom Filialnetz abgedeckt ist. Über Video-Chat könnte da etwa die Verkaufsberatung ablaufen.

Eine großes Thema in Österreich sind derzeit Netzsperren, etwa von The Pirate Bay”. T-Mobile hat sich geweigert, diese und andere Seiten nach einer Aufforderung einer Anwaltskanzlei zu sperren. Wie sieht Ihre Lösung für das Problem aus?

Wir wünschen uns eine gesetzliche Regelung, die klar sagt, welche Seite gesperrt werden muss. Das Sperren von Internetseiten und die Netzneutralität gehört zu den heikelsten Themen im operativen Geschäft.

T-Mobile hat Partnerschaften mit Deezer und Netflix. Anders als bei Drei, das einen Deal mit Spotify hat und deswegen in der Kritik steht, gibt es da aber kein unbegrenztes Streaming. Warum nicht?

Weil wir dann keine Kontrolle über die zu erwartenden Datenmengen hätten. Die durchschnittliche Nutzung von Netflix etwa kann in ein, zwei Jahren explodieren, was dann wieder zu Investitionen treibt, um die Qualität zu halten. Deswegen tun wir uns grundsätzlich schwer damit, Dienste zu inkludieren.

Wie läuft die Netflix-Kooperation?

Das war eigentlich eine Marketing-Partnerschaft mit Netflix, wo wir deren Gutschein (für sechs Monate Gratis-Streaming, Anm.) unseren Kunden dazugegeben haben. Den haben sehr viele genommen und zu einem hohen Prozentsatz auch aktiviert. Jetzt ist aber Netflix als globaler Marktführer an der Reihe, in Österreich relevanten Content anzubieten.

Für Mobilfunker gibt es zwei Strategien punkto Zusatz-Services: Man macht es selber, so wie derzeit die Telekom Austria mit A1 Now, oder man schließt Partnerschaften. Was ist der bessere Weg?

Also wir machen in Österreich ganz klar alles über Partner. Wenn wir Dinge selbst machen, dann nur, die wir in der Gruppe entwickeln und über Cloud-basierte Lösungen nach Österreich hineinziehen. Ich habe große Zweifel, ob das Selbermachen außerhalb des Kernprodukts Sinn macht. Telekommunikationsunternehmen hatten immer die Sehnsucht, in die Welt der Apps hineinzugehen und neue Produkte zu entwickeln, aber realerweise war man häufig zu spät. Es fehlte meist der unternehmerische Geist, um diese Produkte voranzutreiben. In ausgelagerten Bereichen wie Apps, die sicher sexy sind, haben wir das nicht wirklich geschafft. Diese lokalen Adaptionen sind immer verschwunden, ich kenne kein nationales Google.

Das Rennen um LTE ist in Österreich in vollem Gange. Wo orten Sie den meisten Bedarf? Ich persönlich bin in Wien eigentlich fast ständig in WLAN-Netzen eingeloggt, da habe ich für einen teuren LTE-Tarif eigentlich keinen Bedarf.

Das hängt schon mal stark von der Qualität des WLANs ab. Wenn man an einem Glasfaser mit 100, 200 Megabit pro Sekunde hängt, müssen Sie sicher nicht ins LTE-Netz gehen. Aber das ist Lebensrealität von nur einem geschätzten einstelligen Prozentsatz der Österreicher. Ich wohne in Schwechat und habe dort WLAN über einen Festnetzanschluss. Das sind Geschwindigkeiten, da würde ich meinen Techniker nach Hause jagen. Wir schaffen mit LTE mittlerweile Spitzengeschwindigkeiten von 150 Megabit pro Sekunde, bald auch 300. Im normalen Bereich bekommen Kunden, 40, 50 Mbit pro Sekunde, das erreicht man mit einem klassischen DSL-Anschluss nicht, oft auch nicht mit einem Glasfaser-Vectoring-Vertrag. Da muss sich der Kunde fragen, ob er nicht gleich bei seinem Mobilfunker bleibt und sich LTE als Upgrade dazunimmt.

Hauptanwendungsgebiet für LTE ist demnach der ländliche Raum im Eigenheim.

Ja, aber der urbane Raum auch. Wenn man unterwegs in der U-Bahn einen Film schauen will oder am mobilen Gerät arbeiten muss, dann braucht man diese Geschwindigkeiten. Tatsächlich sind die Datenmengen, die wir übertragen, im urbanen Bereich größer als jene im ruralen Raum. Bei dem Thema ist auch anzumerken, dass wir und die A1 bei der Frequenzauktion das 800er-Mhz-Spektrum gekauft haben, was exakt für die rurale Versorgung da ist.

Wie kann dann Drei ein österreichweites LTE-Netz haben?

Sicher haben sie ein österreichweites Netz mit LTE-Antennen, jeder hat das, nona. Die drei Buchstaben LTE am Smartphone sagen aber nichts über die tatsächliche Qualität aus, sondern nur, dass über den Standard gesendet wird. Viel relevanter ist, ob die Antenne über Glasfaser angeschlossen ist oder über Kupfer. Das Thema “LTE-Netz einschalten” ist das eine, das Thema Netzqualität das andere. Unsere Netzqualität wird, weil wir uns eben die entsprechenden Frequenzen gesichert haben, immer Kopf an Kopf mit jener der A1 liegen.

Wie viele der Funkstationen von T-Mobile sind denn an Glasfaser angeschlossen?

Da machen wir keine Aussage dazu, aber jedenfalls in einem Ausmaß, von dem wir überzeugt sind, ein sehr gutes Netzerlebnis bieten zu können.

Wie viel Prozent der T-Mobile-Kunden haben LTE?

Es sind mehr als 50 Prozent, weil wir das ja seit eineinhalb Jahren standardmäßig in die Tarife einbinden. Bei LTE-Routern können wir übrigens seit heute unbegrenzte Datenmengen anbieten (gemeint sind die neuen HOMENET-Tarife, Anm.).

Das Business-Segment macht bei T-Mobile etwa ein Drittel des Umsatzes aus und wächst stark. Was wird da von den Kunden am stärksten nachgefragt?

T-Mobile im Business-Bereich ist längst kein reiner Mobilfunker mehr, sondern wir verkaufen auch Festnetzlösungen. Das hat sich jetzt mit einer Partnerschaft mit Tele2 auch in den Bereich von mittelständischen Kunden hineingezogen, wo wir mit „Unified Communications“ die komplette Kommunikationswelt einer Firma virtualisieren. Wir können für 100, 200 Mitarbeiter den Festnetzanschluss kappen und eine mobile Welt drum herum bauen, die sich aber trotzdem wie eine Festnetz-Welt anfühlt. Das bedeutet in der Praxis zum Beispiel, dass das Telefon am Schreibtisch und das Handy klingelt, und der Mitarbeiter dort abheben kann, wo er gerade ist. Dieses Produkt ist derzeit unser Renner.

Und das M2M-Geschäft?

Auf das Thema setzen wir seit zwei Jahren, in denen wir innerhalb der gesamten Deutschen Telekom eine sehr relevante Position erlangt haben. Mehr als die Hälfte aller Aufträge des Konzerns in dem Bereich wird über Österreich abgewickelt. Einer der Marktführer unter den Autoherstellern fährt mit SIM-Karten von T-Mobile Austria.

Ein deutscher Autokonzern?

Ja, einer aus dem Premiumsegment. Die Automobilbranche, der Gesundheitsbereich, der Energiesektor und auch der Fun-Bereich, das werden die Treiber im M2M-Geschäft der nächsten Jahre.

Weil wir von Gesundheit und Fun reden: Wearables wie die Apple Watch oder Fitbit gelten als Zukunftsthemen. Würde es Sinn machen, solche Wearables in einem Paket zu Smartphone und Handytarif dazuzupacken?

Sicher. Das wird einer der Unterschiede zwischen einem virtuellen Mobilfunker und uns sein. Wir werden in Zukunft sicher verwandte Produkte im Bundle anbieten, etwa die Apple Watch zum iPhone. Aber es ist noch etwas zu früh dafür. Heute bin ich beim Thema Wearables noch skeptisch, selbst Apple schafft es nicht, mit der Watch ein den üblichen Ansprüchen erfüllendes Kundenerlebnis zu schaffen. Das ist noch alles „early stage“. Es wird noch zwei Jahre dauern, bis das Thema Breite bekommt.

Eine letzte Frage zu den Zielen der nächsten Jahre: Wollen Sie A1 als Marktführer ablösen?

Ich will A1 gar nicht überholen, ich bin zufrieden, wenn wir unseren Marktanteil von 30 Prozent halten.

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