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Surgebright: Linzer MedTech-Startup fräst Schrauben aus Oberschenkelknochen

Knochenschrauben von Surgebright. © Surgebright
Knochenschrauben von Surgebright. © Surgebright

Meist kommen bei Knochenbrüchen Metallschrauben zum Einsatz, um Knochenfragmente wieder miteinander zu verbinden, doch es muss nicht immer Metall sein: Das Linzer Start-up Surgebright  hat mit „SharkScrew“ ein Knochentransplantat entwickelt, das Metallschrauben ersetzen kann. In einem komplizierten Verfahren werden die feingewindigen Schrauben sterilisiert, damit sie von Chirurgen verarbeitet werden können. Ende November wurde Surgebright mit dem Phönix-Gründerpreis des Wirtschafts- und Wissenschaftsministeriums in der Kategorie „Business des Jahres“ ausgezeichnet (Trending Topics berichtete).

Das Potential für diese Knochenschrauben ist groß. Abgesehen davon, dass jährlich bei tausenden Operationen in der Fuß-, Hand- und Kieferchirurgie Schrauben aus Metall verwendet werden, müssen bei der herkömmlichen Methode mit Metallschrauben Patienten zwei Operationen über sich ergehen lassen –  eine beim Einsetzen der Schrauben und Platten, die zweite beim Herausnehmen. Das fällt bei Shark Screw weg, da die Knochenschraube mit dem eigenen Knochen verwächst. Zudem reduziert sich die Infektionsgefahr auf ein Minimum. Man erspart nicht nur dem Patienten eine zweite Operation, sondern erspart auch dem Gesundheitssystem, sprich der Sozialversicherung, Kosten für den nicht mehr notwendigen zweiten Eingriff.

Surgebright erhielt heuer den Phönix Preis. © Surgebright
Surgebright erhielt heuer den Phönix Preis. © Surgebright

Von Anfang an ein „Hidden Champion“

„2007 habe ich das erste Patent für das aus menschlichem Knochengewebe gewonnene Knochenschraubentransplantat angemeldet“, , Orthopäde aus Linz. „Gemeinsam mit den Instituten für Biomechanik und Feinstrukturforschung der TU Graz haben wir in den vergangenen Jahren ein humanes Knochentransplantat entwickelt“, schildert Surgebright-Gründer Dr. Klaus Pastl. Sein Sohn Lukas Pastl ist Co-Geschäftsführer, dessen Bruder Thomas Pastl für Marketing und Vertrieb verantwortlich. Gleich nach der Gründung wurde das Unternehmen in das oberösterreichische Inkubatoren-Programm tech2b aufgenommen, wo es schon damals als „Hidden Champion“ galt. Auch FFG und AWS fördern das. Gesellschafter sind neben Klaus Pastl auch der CEO der Lenzing AG, Doboczky Stefan. Das gesamte Team umfasst derzeit sechs Personen.

Die Produktion dauert fast sechs Wochen

Die Schrauben werden aus menschlichen Oberschenkelknochen gefertigt, die beim Deutschen Institut für Zell- und Gewebeersatz (DIZG)  aus Berlin angekauft werden. Die Produktion ist komplex wie auch aufwändig und dauert fünf bis sechs Wochen. Die Schrauben werden mittels Peressigsäure-Verfahren desinfiziert. Peressigsäure-Verfahren gilt als eines der besten Sterilisationsverfahren und deaktiviert die Zellen, wodurch eine Abstoßungsreaktion verhindert und der Knochen als körpereigen akzeptiert wird.

Knochenschrauben im Einsatz. © Surgebright
Knochenschrauben im Einsatz. © Surgebright

„Wie wir diese Methode anwenden, ist ein Betriebsgeheimnis“, erklärt Lukas Pastl. „Wir kommen ohne Gamma-Sterilisation aus.“ Das war den Gründern wichtig, da Gamma-Sterilisation nicht ganz unumstritten ist. Die Schrauben werden danach verpackt, nach drei bis Wochen werden Steril-Proben entnommen und erst danach werden die Produkte für medizinische Anwendungen frei gegeben.

Schon 16 Kliniken bieten „SharkScrew“ an

In Österreich wurde das Knochenimplantat bereits zugelassen und kommt seit November 2016. Bei 350 Operationen wurden bis dato etwa 1.300 Schrauben verwendet, „es gab keine einzige Beanstandung“, ist Gründer Klaus Pastl stolz. „Das Transplantat wird vom Körper so umgewandelt, wie er es braucht. Bereits nach sechs Wochen ist das Transplantat von Zellen und körpereigenem Gewebe durchwachsen. Irgendwann sieht man es dann im Röntgen gar nicht mehr.“, sagt Pastl.

Jetzt geht es daran, potentielle Patienten, Orthopäden und Kliniken davon zu überzeugen, dass Sharkscrew – mittlerweile ist Surgebright eine vom Gesundheitsministerium zertifizierte Gewebebank – eine gute Alternative zu herkömmlichen Metallschrauben ist. 16 Kliniken nutzen den Knochenschrauben bereits, was die Gründer äußerst positiv stimmt. Allerdings gibt es hier noch viel Luft nach oben, gibt es in Österreich, rechnet man auch die orthopädischen Rehabilitationszentren hinzu, insgesamt 278 Kliniken.

Die Knochenschraube unterm Mikroskop. © Surgebright
Die Knochenschraube unterm Mikroskop. © Surgebright

Zulassung für Deutschland in den kommenden Wochen

Die Resonanz derer, die den Knochenschrauben nutzen, ist jedenfalls gewaltig, Interesse an den Shark Screws gibt es mittlerweile aus der ganzen Welt. Aber vorab konzentriert man sich auf Europa und hier in erster Linie auf den DACH-Raum – die Zulassung für die Schweiz hat das Unternehmen bereits, für Deutschland soll diese in den kommenden Wochen einlangen. Das Zulassungsverfahren ist nicht ganz einfach, da es sich bei dem Transplantat um menschliches Gewebe handelt, erfolgt die Zertifizierung nicht EU-weit, sondern muss in jedem Land separat durchlaufen werden. Nach Europa will man die USA und dann den asiatischen Markt ausrollen.

Die Wissenschaft forscht schon seit geraumer Zeit an einem Ersatz für Schrauben aus Metall. Vor fast zehn Jahren gab es die Idee, Schrauben, Platten, Fäden und Folien aus Milchsäure herzustellen, die sich selbst wieder auflösen – allerdings fehlte diesen Produkten die Festigkeit. Das Start-up BRI.TECH aus Graz wiederum hat Implantat sich im Körper rückstandslos auflösen sollen. Die Schrauben bestehen aus 99,1 Prozent Magnesium und zu je 0,45 Prozent Kalzium und Zink. Das Patent für das Produkt, das 2019 auf den Markt hätte kommen sollen, wird aber vom deutschen Medizintechnik-Unternehmen Biotronik bekämpft. Eine Entscheidung soll 2018 fallen.

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