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Südtiroler Investor Gremes: „In Startups zu investieren, heißt geduldig sein“

Gert Gremes © Alan Bianchi Photography
Gert Gremes © Alan Bianchi Photography

In Südtirol haben sich mehr als 20 Unternehmer zusammengeschlossen, um die aufkeimende Startup-Szene stärker zu fördern. Initiiert wurde das tba network von drei Unternehmern aus Südtirol – Harald Oberrauch (Durst Group), Alexander Pichler (Delmo) und Gert Gremes. Alle drei haben Erfahrung im Silicon Valley gesammelt, aber kaum einer von ihnen wohl so intensiv wie Gremes. Er hat 2011 seine Photovoltaik-Großhandels-Unternehmen Tecno Spot an die deutsche BayWa AG verkauft – ein Millionen-Exit. Tecno Spot war seit 2009 auch in den USA tätig und zwar in Los Angeles.

Nach dem Verkauf des Unternehmens nutzte Gremes sein Netzwerk in den USA für einen Einstieg ins Angel-Investing. Er ist Mitglied bei dem ältesten Business-Angel-Netzwerk, dem Band of Angels, und derzeit in mehr als 20 Startups investiert. Südtirol ist er dennoch verbunden geblieben und will jetzt gemeinsam mit dem tba network ein wenig kalifornischen Startup-Spirit in die ebenfalls wohlhabende, aber ungleich dünner besiedelte Region bringen.

Trending Topics: Wie ist das Südtiroler Business Angel Netzwerk tba network entstanden?

Gert Gremes: Südtirol ist nicht sehr groß und wir sind alle beim Unternehmerverband, Harald Oberrauch, Alexander Pichler und ich. Ich persönlich bin zu tba network deshalb gekommen, weil ich seit 2015 aktiv in Startups im Silicon Valley investiere. Mein Unternehmen, das ich davor hatte, hatte seinen Sitz auch in Los Angeles – ich habe 2009 gegründet und 2012 verkauft. Ab 2015 bin ich weiterhin nach Kalifornien gereist, um mein Netzwerk im Silicon Valley zu nutzen und auszubauen. Wir in Südtirol haben uns schon vor ein zwei Jahren unterhalten und irgendwann hat Harald die Initiative ergriffen, weil er in Österreich bereits sein Investment-Unternehmen tba (Tyrolean Business Angel GmbH, Anm.) hat – so kam es, dass wir das zu dritt gegründet haben.

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Was ist die Idee hinter dem tba network und wie funktioniert das Netzwerk?

Der erste Gedanke war, dass wir als Unternehmer in Südtirol etwas aufbauen wollen, um wie man so schön sagt, etwas zurückzugeben. Da geht es vor allem um unsere Erfahrung, die wir mit jungen Unternehmern teilen wollen. Wir sind ein ehrenamtlicher Verein, außer unsere Geschäftsführung wird niemand für seine Leistung bezahlt. Der Gedanke war also, jungen Leuten zu helfen, mit ihren Ideen schneller voranzukommen. Am Anfang hat ja jeder ganz ähnliche Probleme. Wir wussten, dass viele unserer Unternehmerkollegen die Möglichkeit hätten, in Startups zu investieren, aber weder die Zeit noch die Erfahrung haben. Die stecken ja zu hundert Prozent in ihrem eigenen Unternehmen. Wenn man das richtig machen will, ist es aber fast ein Fulltime-Job. Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, unser Wissen an andere Unternehmer weiterzugeben und sie dabei zu unterstützen, mit Startups zusammenzuarbeiten.

Investieren tba-Mitglieder einzeln oder gemeinsam?

Investieren tut jeder für sich. Wir sind kein Syndikat. Ich persönlich investiere auch immer nur direkt und nicht über Vereinigungen. Wir sind auch keine Dienstleistungsfirma. Wir wollen eine Plattform sein, wo wir Wissen vermitteln. Als Verein. Und das funktioniert bis heute sehr gut. Die Mitglieder müssen noch ein Gefühl dafür bekommen, was das Richtige für ihren Betrieb ist. Für viele Mitglieder geht es ja nicht um ein Investment aus rein ökonomischer Sicht also mit dem Ziel Exit. Sondern darum, ein Startup zu finden, das Ideen, Technologien oder Knowhow hat in Bereichen, welche dem Unternehmen helfen können.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Wir haben viele Industriemitglieder. Wenn also ein Startup zum Beispiel eine Technologie entwickelt, mit der man Industrieprozesse besser steuern kann, ist das ein interessanter Case.

Sie sind auch Mitglied bei einem Business-Angel-Netzwerk im Silicon Valley. Wo liegen die Unterschiede und vielleicht Gemeinsamkeiten zu dem Netzwerk in Südtirol?

Ich bin Mitglied beim Band of Angels. Das ist das älteste Angel-Netzwerk im Silicon Valley. Man kommt dort nur auf Vorschlag hinein. Ich wurde zu einem Dinner eingeladen, das einmal im Monat stattfindet. Dort werden die besten Startups, die es in diesem Monat durch das Auswahlverfahren geschafft haben – drei bis vier – zu einem Pitch eingeladen. Danach habe ich mich um eine Mitgliedschaft beworben. Es gibt dann ein Komitee vor dem man spricht und erklärt, wieso man aufgenommen werden sollte, welchen Mehrwert man einbringt. Das habe ich vor vier Jahren gemacht.

Der große Unterschied ist einmal die Dimension – wir sind dort etwa 200 Mitglieder. Neben dem Band of Angels gibt es noch zig andere ähnliche Strukturen. Und ein großer Unterschied ist, dass dort fast alle hauptberuflich Angels sind. Das sind Ex-Unternehmer, die gerade Firmen verkauft haben. Das sind Ex-Geschäftsführer, Ex-Direktoren aus allen möglichen Bereichen wie Software, Elektronik, Food, Medizintechnik. Hier arbeiten alle ehrenamtlich in Fachgruppen. Ich bin zum Beispiel in der Gruppe Energie/Erneuerbare Energie. Die vorselektierten Startups werden in den einzelnen Gruppen bewertet. Das machen alle Gruppen und zwar kostenfrei. Man sammelt hier also ein Knowhow  und Feedback über alle Bereiche. Das wollen wir uns auch für Südtirol abschauen. Damit erhöht man dann auch die Qualität der Startups, die noch weiter kommen. Leider ist es momentan so, dass es zigtausende Startups gibt, aber die Qualität ist häufig sehr niedrig bis mittelmäßig.

Wie ist der der Unterschied in Qualität und Quantität der Startups zwischen Silicon Valley und Tirol oder Zentraleuropa?

Im Silicon Valley gibt es eine Konzentration aller großen Tech-Unternehmen. Das Silicon Valley ist ja kein kleines Tal, dort gibt es drei Millionen Einwohner. Alle besten Universitäten sind dort, alle großen Venture-Capital-Firmen. Die Ausbildung an den besten Unis konzentriert sich dort, es gibt also eine Menge genialer Absolventen. Gepaart mit den Tech-Firmen und dem Geld, das man für Unternehmertum braucht. Diese Kombination in dieser Dichte ist einmalig. Durch das System wurden aber in den vergangenen Jahren zunehmend auch viele Startups mit schlechter Qualität gezüchtet. Die gibt es ein paar Jahre, die schaffen vielleicht ein, zwei Finanzierungsrunden, haben aber dann keine großen Chancen.

Wie erleben Sie die Startup-Szene in Tirol?

Ein großer Unterschied ist, dass dieser große „Hunger“ der jungen Leute manchmal fehlt. Ein typischer Startupgründer arbeitet wirklich die ersten drei vier Jahre Tag und Nacht an diesem Projekt, meistens unentgeltlich. Diesen Einsatz vermisst man häufig. Den gibt es im Silicon Valley. Hinzu kommt, dass wir wesentlich weniger Universitäten haben. Auch die Finanzierung ist schwieriger: Im Silicon Valley ist verhältnismäßig junges Geld vorhanden. Bei den jungen Tech-Unternehmen sitzt das Geld viel lockerer, die investieren eher weiter als die alten Firmen in Europa. Hier steckt altes Geld oft über Generationen in Immobilien, Maschinen oder Fabriken – das ist nicht so einfach.

Warum sind junge Menschen aus Ihrer Sicht nicht mehr bereit, rund um die Uhr an ihrem Unternehmen zu arbeiten?

Da müsste man wahrscheinlich einen jungen Menschen fragen. Mein Eindruck ist jedenfalls, dass man heute nicht mehr bereit ist, so große Opfer zu bringen. Vielleicht hat diese Generation andere Werte und Ziele.

Sie haben ein eigenes Unternehmen gegründet und verkauft. Wie war das damals? Wieviel Zeit und Energie haben Sie investiert? Gab es da bereits Business Angels, die Sie unterstützt haben?

Business Angels hatte ich keine. Ich war zuerst angestellt in einem technischen Büro. Ich habe dann in einer deutschen Fachzeitschrift über Photovoltaik gelesen, das war 1987. Das Thema habe ich dann immer weiter verfolgt. Ich bin häufig nach Feierabend noch losgefahren, 1.000 Kilometer, hinauf nach Hannover zu Konferenzen und dann direkt wieder zurück. Ich habe wirklich viel gearbeitet und war auch viel unterwegs. Es muss wahrscheinlich nicht immer so sein, aber häufig ist es einfach notwendig.

Worauf achten Sie bei Startups, in die Sie vielleicht investieren?

Grundsätzlich beurteile ich Startups in erster Linie danach, wie ich die Gründer empfinde. Ich habe in den vielen Jahren mit so vielen Leuten gesprochen, dass ich Gründer ganz gut einschätzen kann. Einsatz, Begeisterung und Motivation sind für mich das Wichtigste. Wenn das Team passt, kann es schon passieren, dass die Idee mit der Zeit abgeändert wird – die können dann auch einen Kurswechsel machen und mit ihrem Fachwissen auf etwas anderes gehen. Das Wichtigste ist also nicht die ursprüngliche Idee, sondern, wie stark das Team menschlich und vom Fachwissen her ist. Dann sollte mich natürlich die Technologie grundsätzlich interessieren. Die Idee soll auch klar ein vorhandenes Problem lösen.

Wie sieht Ihr Investmentfokus aus?

Ich investiere eigentlich in sehr viele Bereiche. Ich komme aus der erneuerbaren Energie, wo ich auch sehr viel investiert habe. Zur Zeit investiere ich aber branchenunabhängig. Manchmal auch, wo ich mich erst einlesen und genauer informieren muss. Wenn ich etwas interessant finde und überzeugt bin, dass das ein Problem lösen kann, finde ich die Branche nicht so ausschlaggebend.

In wieviele Startups sind Sie investiert?

Momentan in 24.

Investoren sagen oft, dass nur eines von zehn Startups zum Exit kommt, also das Portfolio trägt. Wie ist Ihre Rate?

Ich investiere seit 2015. Eines der ersten wurde bereits verkauft. Eines, in das ich auch schon 2015 investiert habe, hat gerade Konkurs angemeldet. Es geht immer auf und ab. Was viele lernen müssen: In Startups investieren heißt geduldig sein. Das ist kein Business, wo man investiert und dann von dem Return schnell leben kann. Man macht das eher mit einem Ausblick. Wenn es gut geht, kann es sehr interessant sein. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel gelernt und sehr viele intelligente junge Leute kennengelernt.

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