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Fruchtbarkeits-Tracker femSense: “Das Ziel ist, daraus ein Verhütungsmittel zu machen“

Der Patch und die App von femsense. © SteadySense
Der Patch und die App von femsense. © SteadySense

Technologien, die 50 Prozent der Weltbevölkerung theoretisch nutzen können – das gilt immer mehr Startups und ihren Investoren als spannender Wachstumsmarkt. Gerade im letzten Jahr hat der Markt für FemTech – als Tech für Frauen – dafür eine wichtige Grenze überschritten. Der Beratungsfirma Frost & Sullivan zufolge wurden 2019 erstmals insgesamt mehr als eine Milliarde Dollar in FemTech-Unternehmen investiert. Absatz sollen ihre Produkte in den kommenden Jahren finden: 50 Milliarden Dollar soll der Markt bis 2025 groß werden. Zum Vergleich: Das Potenzial für den gesamten digitalen Gesundheitsbereich wird bis 2023 auf etwa 230 Milliarden Dollar geschätzt.

In diesem Wachstumsmarkt mischt seit 2019 auch das Grazer Unternehmen SteadySense mit. Sein „femSense“ getaufter Fruchtbarkeits-Tracker misst mit einem Aufkleber auf der Haut die Körpertemperatur der Frau, überträgt per NFC die Daten an eine Smartphone-App und berechnet die fruchtbaren Tage. Die App sagt einem Paar im Endeffekt, welche Tage die besten für Sex sind, um schwanger zu werden.

„Hunderte Schwangerschaften“

SteadySense hat 2019 ein Investment von sechs Millionen Euro bekommen, um im FemTech-Markt vorne mitmischen zu können. Etwa ein Jahr nach dem Investment sagt SteadySense-Gründer Werner Koele: “Es geht flott dahin.” Die App sei mehr als 40.000 Mal installiert worden, mehrere tausend der aufklebbaren Patches seien verkauft worden, und vielleicht am wichtigsten: „Es wurden uns von den Nutzern hunderte Schwangerschaften gemeldet.“ Sogar im eigenen Startup-Team wären in Jungfamilien von Mitarbeitern mittlerweile vier Babys unterwegs.

© SteadySense
© SteadySense

Als FemTech-Startup muss sich SteadySense mit seinen Produkten, die im Online-Shop verkauft werden, gegen eine Reihe anderer Jungfirmen behaupten, die ebenfalls Fruchtbarkeits-Tracking in verschiedensten Ausführungen anbieten. Mit dem Startup Carbomed und seinem „Breathe ILO“-Gerät gibt es sogar in der Heimatstadt Graz einen Mitbewerber – dort werden die fruchtbaren Tage der Frau über durch Hormone verursachte Veränderungen in der Atemluft gemessen.

Doch sowohl bei Carbomed (Trending Topics berichtete) als auch bei SteadySense geht es nun darum, aus den Fruchtbarkeits-Trackern Verhütungsmittel zu bauen. Denn wenn man die fruchtbaren Tage berechnen kann, wieso sollte man nicht umgekehrt auch die Tage zeigen können, an denen die Chance für eine Befruchtung sehr niedrig ist?

„Algorithmen machen den Unterschied“

“Das Ziel ist, daraus ein Verhütungsmittel zu machen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran”, sagt Koele. “Wir sind mit dem Kinderwunsch-Produkt gestartet, aber natürlich ist es auch das Ziel, die Technologie als Verhütungsmittel einzusetzen. Der Verhütungsmarkt ist vielfach größer.“ Man könne die gleiche Technologie zur Temperaturmessung verwenden, „aber in der Interpretation der Algorithmen liegt der Unterschied.“

Doch um ein solches Produkt auf den Markt bringen zu können, braucht es eine neue Zulassung. Und die wird für MedTech-Unternehmen durch den Start der neuen Medical Device Regulation (MDR) am 25. Mai diesen Jahres noch einmal schwieriger, weil strenger geprüft wird und durch einen Mangel an Zulassungsstellen bereits jetzt Verzögerungen erwartet werden. Koele rechnet damit, nicht vor Ende des Jahres eine neue Zulassung zu bekommen. Um eine Zertifizierung für Verhütungsmittel zu bekommen, braucht es klinische Studien, die zeitintensiv und kostspielig sind.

USA-Start in Vorbereitung

Neben der Arbeit an der Zulassung als Verhütungsmittel ist das kleine Team von Koele auch damit beschäftigt, den riesigen US-Markt aufzubereiten. Dort muss der Tracker ebenfalls zugelassen werden, und zwar anders als in der EU nicht von den so genannten „Benannten Stellen“ (also privatwirtschaftliche Firmen, die Zulassungen machen dürfen), sondern von der FDA (Food and Drug Administration). “Wir sind gerade dabei, alle notwendigen Dokumente einzureichen”, so Koele. Geht alles gut, könnte man bereits im zweiten Quartal 2020 mit dem Verkauf in den Vereinigten Staaten beginnen.

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