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Station F: So funktioniert der größte Startup-Hub der Welt

Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf
Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf

Eigentlich steht das „F“ für „Halle Freyssinet“. Die riesigen Hallen des einstigen Pariser Güterbahnhofs, der in den 1920ern erbaut wurde, heißt heute Station F und ist Heimat von rund 1.000 Startups, etwa 30 VCs und dutzenden Innovationsabteilungen von Corporates. Dort, wo einst Container-weise Güter umgeschlagen wurden, schmieden heute Gründer und Großunternehmen an den digitalen Geschäftsmodellen von morgen.

Ein „F“ für Frankreich

Das „F“ steht aber natürlich auch für „France“. Mit der Station F hat der französische Unternehmer Xavier Niel seinem Land einen Startup-Hub hingestellt, der weltweit seinesgleichen sucht. 2017 von Präsident Emmanuel Macron eröffnet, ist das 3,4 Hektar große Gebäude zum Leuchtturm der französischen Startup-Szene geworden. Würde man den Eiffelturm umlegen, er würde der Länge nach in die Halle passen.

Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf
Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf

Und für Frankreich vielleicht am außergewöhnlichsten: Die „offizielle“ Sprache des Hubs ist Englisch – das soll die internationale Ausrichtung unterstreichen. Denn schließlich zieht die Station F nicht nur Pariser Startups an, sondern Jungunternehmer aus der ganzen Welt. So wie Xavier Niel mit seiner Firma Free ab 1999 dank aggressiver Preispolitik den französischen Internet- und Mobilfunkmarkt aufmischte, so sollen künftig die Startups der Station F für Disruption sorgen.

„Ein No-Brainer“

“Jeder will hier rein, und jeder will hier drinnen bleiben”, sagt Michael Weisz, Mitgründer des Pariser Startups Shapeheart. Als eine der wenigen Hardware-Firmen entwickelt er in der Station F magnetische (und patentierte!) Sportarmbänder und Halterungen für Smartphones. „Die Location, das Netzwerk, der Preis – hier einzuziehen ist ein No-Brainer“, sagt Weisz.

Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf
Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf

Rund 200 Euro bezahlen Startups pro Tisch und Monat, sämtliche Events, Programme und andere Service-Leistungen inklusive. Nur für das Papier aus dem Drucker muss man noch extra abdrücken, aber der Printer-Output hält sich in einem Digital-Hub wie diesem ohnehin in Grenzen. Der Andrang, in das Founders Program aufgenommen zu werden, ist groß, die Aufnahme mit einigem Aufwand verbunden.

Mehr als 11.000 Jungfirmen bewerben sich pro Jahr, nur knappe 9 Prozent werden aufgenommen. Nach maximal zwei Jahren müssen die Startups dann weiterziehen – in Paris kann das dann ziemlich teuer werden. “Die Startup-Szene ist hier aggregiert worden, alles findet sich unter einem Dach”, sagt Andrea Tassistro, CEO des Schweizer Startups Foodetective. Seine Firma ist hier, um aus dem kleinen Alpenland auszubrechen und den französischen Markt zu erobern.

Location, Netzwerk, Preis

Vor allem die Nähe zu den anderen Gründern ist es, die die Station F so begehrt macht. „Wenn du ein Problem hast, es gibt immer mindestens einen anderen Gründern, der das selbe Problem schon einmal hatte und dir helfen kann“, sagt Weisz. Im gemeinsamen Slack-Channel finden Hilfesuchende und -leistende schnell zusammen, wenn sie sich in den weitläufigen Hallen zwischen den Meeting-Containern verpassen.

Antonia Gsinn vom Mailänder Startup SailSquare pflichtet Weisz bei. “Die Station F ist eine super Möglichkeit, um in Kontakt mit vielen anderen Startups zu kommen, gerade als Ausländerin. Und die sprachliche Hürde ist auch nicht da, weil ohnehin alle Englisch reden.“

Das Restaurant La Felicità in der Station F. © Jérôme Galland
Das Restaurant La Felicità in der Station F. © Jérôme Galland

SailsQuare ist über das Startup-Programm von HEC in die Station F aufgenommen worden. Von Paris aus leitet Gsinn als DACH-Manager den Ausbau der Buchungs-Plattform für Segelurlaube in Mitteleuropa. “Preis und Angebot sind sehr attraktiv, gerade in einer eher teuren Stadt wie Paris”, sagt sie. Und: “Die räumliche Nähe zu den VCs und Corporates ist auf jeden Fall ein Argument, hierher zu kommen.”

Schnell mal rüber zum Ministerium

Facebook, Apple, Google Amazon Web Services, Adidas oder Microsoft – die Logos von Großunternehmen zeugen davon, dass die Station F, in die Gründer Niel 250 Millionen Euro investiert, nicht nur von den Monatsgebühren der Startups lebt. Corporates können sich die Tische – insgesamt gibt es 3.000 – ebenfalls mieten und dann an jene Gründer weitergeben, die sie in ihre eigenen Accelerator- oder Inkubator-Programme aufnehmen.

Station-F-Gründer Xavier Niel. © Jean-Francois Robert
Station-F-Gründer Xavier Niel. © Jean-Francois Robert

Facebook hat die Station F gar zum weltweit ersten Hub auserkoren, in dem es mit der „Startup Garage Paris“ ein eigenes Startup-Programm einrichtete. Das hat auch polit-strategische Gründe: In Paris arbeitet das seit Jahren kritisierte Social Network mit Startups an „Data Privacy“, einem sehr europäischen Thema.

Eine weitere Besonderheit: Das französische Wirtschaftsministerium hat eine Außenstelle in der Station F mit rund 30 Mitarbeitern eingerichtet. Wer Fragen zu Steuern, Förderungen oder Visa hat, kann gleich vor Ort quasi am kurzen Dienstweg mit den Beamten sprechen. Antworten gebe es nicht immer, meint ein Gründer, „aber immerhin kann man jemanden fragen.“

“The French market likes the French”

Um sich weiter zu öffnen, hat die Station F mit dem „Fighters Program“ eine Initiative gestartet, die unterprivilegierten Gründern und Flüchtlingen die Chance gibt, an den Programmen und vielen Events gratis teilzunehmen. Zuletzt wurden 14 Gründer aufgenommen. Einer von ihnen ist ein ehemaliger Häftling, der wegen Autodiebstahl saß. Jetzt arbeitet er in der Station F an einem Gerät, das eben solche Diebstähle erschweren soll.

Doch so offen die Station F sich gibt, einfach ist der französische Markt für Startups aus dem Ausland nicht. Heimische Jungfirmen arbeiten sehr oft nur national, ein Deal mit einer der CAC40 (das Kürzel für den Leitindex der 40 führenden französischen Aktiengesellschaften) gilt vielen als Ritterschlag. Für Startups aus dem Ausland ist es schwerer, solche Kooperationen zu schließen. Oder wie Gründer Andrea Tassistro aus der Schweiz sagt: “The French market likes the French.”

Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf
Station F in Paris. © Patrick Tourneboeuf

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