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Reportage

„Startup-Nation“ Israel: 7 Gründe, warum das kleine Land so viele innovative Tech-Firmen hervor bringt

Im Coworking Space Mindspace in Tel Aviv. © Jakob Steinschaden
Im Coworking Space Mindspace in Tel Aviv. © Jakob Steinschaden

Es ist schon alles ziemlich Hipster in der Startup-Szene Tel Avivs. Die gleichen Lampen, Tische, Sessel und Frisuren findet man auch in den Coworking Spaces Londons, Berlins oder Wiens. Doch das ist alles nur Kulisse, ein beiläufiger Aspekt einer brummenden Startup-Kultur, die aktuell rund 5.600 Jungfirmen im Tech-Bereich hervor gebracht hat. Israel wird als einer der wichtigsten Startup-Hotspots der Welt gehandelt, viele wichtige IT-Riesen, Großunternehmen und VCs sind hier, um Business zu machen.

Doch warum wurde das kleine Land im Nahen Osten mit 8,4 Millionen Einwohner zur „Startup-Nation„? Trending Topics hat sich bei Risikokapitalgebern, Gründern, Universitätsprofessoren, Corporates und Betreibern von Inkubatoren einen Blick hinter die Kulissen geben lassen.

1. Das Militär als Talente-Schmiede

„Das ist die Elite. Ich versuche alles, damit meine Tochter, die jetzt zur Schule geht, in eine dieser Einheiten aufgenommen wird. Wenn man dort drinnen war, hat man einfach viel bessere Chancen“, sagt etwa Shira T. (Name von der Redaktion geändert, Anm.). Dem Militärdienst (mindestens drei Jahre für Männer, zwei für Frauen) kommt im israelischen Ökosystem eine besondere Rolle zu. Einheiten wie die „Unit 8200“ oder das „Talpiot-Programm“ der Israel Defense Forces (IDF) gelten als extrem wichtige Stationen in der Laufbahn eines späteren Startup-Gründers. Sie lernen dort nicht nur neueste Überwachungstechnologien kennen, sondern üben sich auch in der Führung größerer Gruppen und der Verwaltung von großen Budgets.

Mit 17 Jahren werden Israelis von der Armee getestet, dabei werden IQ, körperliche und mentale Stärke, Führungsqualitäten, Motivations-Level und Social Skills abgeprüft. “Die besten und smartesten Leute werden in den Tech-Bereich gesteckt“, sagt Yahal Zilka, Managing Partner und Cofounder der Venture-Capital-Firma Magma in Tel Aviv (u.a. investiert bei Waze). “Wir fragen die Unternehmer nicht, auf welcher Uni, sondern in welcher Einheit beim Militär sie waren.”

Nir Giller, Mitgründer und CTO der Cybersecurity-Firma CyberX, und sein Cofounder Omer Schneider waren in einer dieser Elite-Einheiten. Sie lernten dort, wie Industrieanlagen vor Hacker-Angriffen geschützt werden können.Was Giller bei der Armee genau gemacht hat? „Da kann ich nicht darüber sprechen.“ Jedenfalls: Rund 11 Millionen US-Dollar haben Investoren in die von Giller und Schneider 2013 gegründete Firma gesteckt, zu den Kunden zählen unter anderem die fünf größten Energieversorger der USA.

Nir Giller, CTO und Mitgründer von CyberX. © Jakob Steinschaden
Nir Giller, CTO und Mitgründer von CyberX. © Jakob Steinschaden

2. Milliarden ausländisches Risikokapital

Die israelische Startup-Szene, das ist kein Geheimnis, hängt am Tropf der USA. 2016 wurden rund 4,8 Milliarden US-Dollar in israelische Jungfirmen gepumpt, dieses Jahr wird es aller Voraussicht nach ähnlich viel Geld sein. Das ist bemerkenswert: Während in vielen Märkten das VC-Geschäft im Vergleich zu den Vorjahren zurückgeht, bleibt es in Israel konstant.

Rund 260 VC-Firmen sind in Israel aktiv, aber nur rund 15 Prozent der Investments kommen von israelischen Investmentfirmen. Das Gros des Risikokapitals (mehr als 50 Prozent) stammt aus den USA. Lightspeed Venture Partners, Sequoia Capital, Qualcomm Ventures, Dell Technologies Capital, Accel Venture Capital, Intel Capital, Benchmark Capital oder 500Startups – sie alle sind in dem kleinen Land aktiv.

Auch aus Europa und China kommen Investments. Die Deutsche Telekom hat 2014 mit „Deutsche Telekom Capital Partners“ einen 500-Millionen-Euro-Fonds für Investments in Growth-Stage-Startups gestartet. Mehr als die Hälfte des Portfolios stammt aus Israel. Auch chinesische Firmen sind aktiv geworden – etwa der Immobilienriese China Fortune Land Development (CFLD), der im Heimatland ganze Industriestädte betreibt. Mit TechCode hat CFLD eine eigene Innovations-Tochter, die auch in Israel in einem zentral gelegenen Büro (Facebook ist gleich ums Eck) nach Tech-Startups scoutet.

3. Sofortiger Fokus auf den US-Markt

„Wir starten zuerst am US-Markt.“ Egal ob man die Gründer von Audioburst, Vayyar, Mystor-E oder TytoCare fragt – sie alle orientieren sich von Tag eins an Richtung Westen. Erst danach kommt der europäische, vielleicht einmal der israelische Markt. “Es gibt keinen lokalen Markt, und die Nachbarstaaten sind uns auch nicht wohl gesonnen. Unser kompletter Fokus im Business ist global. Startups hier orientieren sich nach USA, China und Europa”, sagt Yahal Zilka von der VC-Firma Magma.

In dem kleinen Land, umringt von politischen Feinden, wird von Haus aus groß und international gedacht. Übrigens auch aus praktischen Gründen: Wenn israelische Firmen Satelliten ins All schießen, müssen die Trägerraketen Richtung Westen übers Mittelmeer abgeschossen werden. Würde man in die anderen Himmelsrichtungen launchen, es käme einer Kriegserklärung gegen arabische Staaten gleich.

4. Keine Angst vorm Scheitern

Ein wichtiger Punkt der israelischen Kultur ist, dass Menschen von klein an mitgegeben wird, dass sie im Berufsleben etwas riskieren dürfen. „Fehler sind akzeptiert, auch wenn man nicht unbedingt einen Orden dafür kriegt. Aber man kann aus den Fehlern lernen und macht sie hoffentlich kein zweites Mal“, sagt Yahal Zilka von Magma. “Wenn Scheitern verurteilt wird, wer würde dann schon ein Risiko auf sich nehmen?”

Diese Einstellung, gepaart mit Chuzpe, drückt sich in der Praxis etwa folgendermaßen aus. Beim Pitch vor Journalisten sagt Yaara KappBarnea, General Manager des Startups Outsense, wie nebenbei in Richtung der Gastgebers T-Mobile, dass man gerade sechs Millionen Dollar für die Series A suchen würde. Nur dann könne man den eigens entwickelten Toiletten-Sensor, der Blut im Stuhl erkennen kann, ausrollen. Das zeugt von einer ordentlichen Portion Mut.

5. Viel Geld für Forschung

In Österreich liegt die Forschungsquote, also die Forschungsausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt, bei derzeit 3,14 Prozent. Österreich liegt damit hinter Schweden auf Platz zwei in der EU. Weltmeister bei den R&D-Spendings ist laut OECD jedoch Israel, dort werden etwas mehr als 4 Prozent der Staatsausgaben in Forschung gesteckt.

Ausbildungseinrichtungen wie das Weizmann-Institut, die Hebräische Universität in Jerusalem, das Technion in Haifa oder die Ben-Gurion-Universität (BGU) haben damit viel Geld im Rücken, um gut ausgebildete Fachkräfte hervorzubringen. Mobileye, dieses Jahr um 15,3 Milliarden Dollar an Intel verkauft, etwa wurde von Amnon Shashua, einem Forscher an der Hebräischen Universität in Jerusalem, gegründet.

Die entsprechende Ausbildung kann man in Israel schon früh beginnen. Am „Cyber Security Research Center“ der BGU gibt es ein Programm für Highschool-Absolventen, um sich in Sachen Hacking und IT-Sicherheit schulen zu lassen. Sie beschäftigen sich aktuell etwa damit, wie man Smartwatches hacken kann, um heimlich den Puls von Poker-Spielern zu analysieren. Diese Handvoll Schüler gehört zu jenen Kandidaten, die einen Fixplatz bei den Intelligence-Armeeeinheiten (siehe oben) bekommen.

Yuval Elovici, Professor an der Ben Gurion University. © Jakob Steinschaden
Yuval Elovici, Professor an der Ben Gurion University. © Jakob Steinschaden

6. Multinationale Konzerne im Land

Der nächste wichtige Faktor: In Israel sind rund 400 multinationale Konzerne aktiv. Intel etwa hat 10.000 Mitarbeiter im Land, andere IT-Riesen wie IBM, Amazon, Facebook, Google, Baidu, PayPal, Apple, oder Samsung sind zumindest mit Büro, oft mit R&D-Einrichtungen vertreten. Angehende Unternehmer oder Serial Entrepreneurs profitieren von der räumlichen Nähe zu den Weltmarktführern. Denn sie wissen meist sehr genau, was diese als Nächste tun und brauchen werden.

„Ein Unternehmer hier denkt über die Probleme der großen Unternehmen nach und versucht sie zu lösen“, sagt Itay Gal-Or, Investment Director bei Techcode. „Vom ersten Tag an überlegen sie, wie und an wen sie ihr Startup verkaufen können.“ Von Anfang an sei der Exit, seltener ein IPO das Ziel.

7. Wirklich disruptiv sein

“Die Innovation, die man hier findet, ist anders. Wir müssen viel besser sein als Startups in den anderen Märkten, weil wir weit weg sind”, sagt Investor Yahal Zilka. Nur so könne man Geschäftspartner überzeugen, mit israelischen Jungfirmen zu arbeiten. “Viele Leute haben Vorbehalte und glauben, dass Israel gefährlich ist”, so Yahal weiter. Nicht jeder sei davon zu überzeugen, ins Land zu kommen. Immerhin benötige eine Partnerschaft vier, fünf Wochen Zeit pro Jahr, die man in Tel Aviv oder einer anderen Stadt verbringen muss, um wirklich etwas weiter zu bringen.

Deswegen seien Jungunternehmer stark davon getrieben, wirkliche Disruption zu versuchen. Von Apps und Web-Diensten reden Startup-Gründer so gut wie gar nicht. Sie wollen gleich ganze Plattformen, Big-Data-Lösungen, Health-Ökosysteme bauen, ja  manche wollen (fast sprichwörtlich) gleich mit dem Kopf durch die Wand.

Das Startup Vayyar etwa hat eine Sensortechnologie entwickelt, die 3D-Bilder von Menschen oder Objekten im Raum in Echtzeit erstellen kann. Statt mit Kameras wird die Umgebung mit kleinen Antennen und Funk gescannt. Die Anwendungsmöglichkeiten, erklärt Noga Barpal, seien vielfältig – von der Erkennung von Brustkrebs über Überwachungs-Scans auf Flughäfen bis hin zu Smart-Home-Anwendungen.

Dem nicht genug: Mit dem „Walabot DIY“ hat man einen kleinen Scanner um rund 120 Euro auf den Markt gebracht, mit dem man im Zusammenspiel mit einem Smartphone quasi durch Wände schauen kann, um darin verlegte Rohre und Kabel zu identifizieren. Klingt futuristisch? Nun, laut Barpal sollen die Geräte 2018 in Österreich bei Bauhaus und OBI zu kaufen sein.

Noga Barpal, Special Project Manager bei Vayyar. © Jakob Steinschaden
Noga Barpal, Special Project Manager bei Vayyar. © Jakob Steinschaden

Nicht alles ist perfekt

Das alles klingt nach einem perfekten Umfeld für Startups. Doch auch hier, wie in anderen Startup-Hubs auch, gibt es Probleme. So hadern viele damit, dass Israel kaum eigene Tech-Riesen wie Google oder Facebook hervorgebracht hat. Stattdessen wird im Land nahezu alles, was groß wird, von IT-Giganten aufgekauft. Die besten Beispiele dafür sind Mobileye (Software für autonomes Fahren), das dieses Jahr von Intel um 15,3 Mrd. Dollar gekauft wurde, oder Waze (Social Mapping), das um rund eine Milliarde Dollar an Google ging.

Auch, woher die vielen Fachkräfte kommen sollen, um Startups wie Corporates in Sachen Innovation schnell voranzutreiben, ist eine Herausforderung. Pro Jahr kommen zwischen 1.000 und 2.000 junge Israelis in den gefragten Tech-Einheiten des Militärs unter, doch wird das reichen? Amazon allein etwa plant, in Israel zwei Entwicklungszentren für seinen Sprachassistenten Alexa einzurichten, 100 hochqualifizierte Mitarbeiter sollen dort werken. Die Webseite MappedInIsreal listet derzeit mehr als 350 Startups, die nach Mitarbeitern suchen. Bedeutet insgesamt: Der „War for Talents“ ist in vollem Gange.

Und schließlich schläft auch die internationale Konkurrenz nicht. Galt Tel Aviv lange Jahre als die Nummer zwei hinter dem Silicon Valley, haben andere Hubs stark aufgeholt. Im „Global Startup Ecosystem Report 2017“ liegt Tel Aviv „nur“ mehr auf Platz 9 – hinter Silicon Valley, New York, Boston, London, Los Angeles, Peking, Seattle und Chicago.

Offenlegung: Die Reisekosten nach Tel Aviv werden von T-Mobile Austria übernommen. Vielen Dank dafür!

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