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Reportage

Startup-Hochburg Cambridge: So funktioniert Hermann Hausers Stadt der Einhörner

Vishal Chatrat (CEO), Dongho Kim (CTO) und Aleksi Tukiainen (COO). © Jakob Steinschaden
Vishal Chatrat (CEO), Dongho Kim (CTO) und Aleksi Tukiainen (COO). © Jakob Steinschaden

„Ich komme fast jeden Samstag her zum Schmökern, und meisten kauf ich ein, zwei Bücher. Zum Lesen komme ich nachher nicht, aber mir macht das einen riesigen Spaß.“ Startup-Investor, ARM-Mitgründer und Multimillionär Hermann Hauser fühlt sich in seiner Rolle als Tour-Guide durch „sein“ Cambridge sichtlich wohl. Da die Buchhandlung gegenüber der University of Cambridge, hier sein Büro mit Blick auf den Fluss Cam (und die dazugehörige, namensgebende Brücke), dort das Lokal, in dem er schon vor Jahrzehnten frühstückte.

Hermann Hauser, einer der erfolgreichsten Auslandsösterreicher und aktuell in 18 österreichische Startups investiert, ist stolz auf die englische Kleinstadt Cambridge mit ihren rund 130.000 Einwohnern. Und die Stadt ist stolz auf ihn. Immerhin ist er einer der Mitgründer der hiesigen Chip-Firma ARM, Mitinitiator des wichtigen Risikokapitalfonds Amadeus Capital und Namensgeber des Hauser Forum (von ihm und seiner Frau mit 8 Millionen Pfund unterstützt). Hauser ist damit eine der wichtigsten Figuren des Startup-Cluster in Cambridge rund zwei Autostunden nördlich von London. Es gibt sogar einen BBC-Film namens „Micro Men„, in dem der Tiroler (gemimt von Schauspieler Edward Baker-Duly) eine tragende Rolle zukommt.

Hermann Hauser bei ARM in Cambridge. © Jakob Steinschaden
Hermann Hauser bei ARM in Cambridge. © Jakob Steinschaden

Stolz ist man in der Universitätsstadt Cambridge auf zwei weitere Fakten: Keine andere Universität dieser Welt außer Harvard hat mehr Nobelpreisträger hervorgebracht. Und es sind nicht weniger als 16 Einhörner, also Tech-Firmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar, aus der Stadt hervorgegangen. Die wohl berühmteste: Die Chip-Firma ARM, die 2016 um 28 Milliarden Euro an den japanischen Konzern Softbank verkauft wurde. Weitere Startups bzw. Tech-Firmen mit Milliardenbewertungen: Darktrace, Improbable, CSR oder Autonomy.

Die nächsten Unicorns im Aufbau

Auf den ersten Blick wirkt Cambridge kaum wie ein Hightech-Mekka. Die historischen Gebäude der renommierten Colleges rund um die Universität versprühen Harry-Potter-Flair, die gemütlichen Pubs laden zum Verweilen mit Freunden ein. Doch wer dem 69-jährigen Hauser flotten Schrittes durch Cambridge folgt, der bekommt ein andere Seite zu sehen. Von außen nicht erkennbar, werken Startups in Büros in Seitengassen emsig daran, in die Riege der Unicorns aufzusteigen.

“Die Uni in Cambridge produziert genauso gute Studenten und Studienergebnisse wie die Top-Universitäten in den USA”, sagt John Redford vom Startup FiveAI, das sich auf selbstfahrende Autos spezialisiert hat. Rund 45, hauptsächlich auf Artificial Intelligence und Computer Vision spezialisierte Mitarbeiter sind bei der 2015 gestarteten Firma tätig.

Dass Redford vor vielen Jahren die Firma Element 14, die später um 640 Millionen Dollar an Broadcom verkauft wurde, mitgründete, zieht natürlich auch. Schließlich werden Mitarbeiter in britischen Startups gerne mit Anteilen belohnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Redford und seine Mitstreiter wieder einen Erfolg schaffen, ist groß. Das Team wächst derzeit so stark, dass FiveAI kurzerhand eine Wohnung über der Straße dazu mietete, um dem Platzproblem Herr zu werden.

FiveAI-Mitgründer John Reford. © Jakob Steinschaden
FiveAI-Mitgründer John Redford. © Jakob Steinschaden

“Autonomes Fahren wird billiger sein als ein eigenen Wagen zu haben”, sagt Redford. 2019 will seine Firma, ausgestattet mit 38 Millionen Dollar Wagniskapital, mit selbstfahrenden Taxis in London starten. Zu spät für den Markteintritt sei es nicht. Zwar seien US-amerikanische Firmen bei autonomen Autos schon weit, aber sie würden nur auf den großen Highways testen und nicht in engen europäischen Städten. “Autonomes Fahren in den USA funktioniert anders als in Europa. In Europa sind Städte für Fußgänger gebaut”, sagt Redford, und deswegen würde die hauseigene Software besonders auf die Erkennung von Fußgängern getrimmt. Einen weiteren Vorteil gebe aus auch noch, so Redford: “Wir haben hoffentlich einen besseren Ruf als Uber.”

Lebendiges Ökosystem

FiveAI und die rund 1.500 anderen Tech-Firmen hätten sich nicht in Cambridge angesiedelt, wenn sie dort nicht ein einmaliges Ökosystem vorfinden würden. Neben den gut ausgebildeten Studenten (jährlich etwa 12.000) gibt es 17 Science Parks, in denen die IT-Unternehmen viele ihrer insgesamt 53.000 Mitarbeiter unterbringen können. Mit Amadeus Capital, das Hauser gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Anne Glover vor 20 Jahren ins Leben rief, oder dem Cambridge Innovation Capital (CIC) gibt es große Fonds, die auch größere Finanzierungsrunden stemmen können.

Amadeus Capital hat eigenen Angaben zufolge seit 1997 eine Milliarde US-Dollar aufgestellt, die in mehr als 130 Firmen investiert wurden, viele davon aus Cambridge. Neben FiveAI sind es derzeit die Startups Prowler.io, Graphcore und Improbable, die als besonders heiß gehandelt werden. Graphcore entwickelt einen Chip für Artificial-Intelligence-Anwendungen, der 100 Mal schneller sein soll als aktuelle Prozessoren. Improbable (Trending Topics berichtete) bietet Echtzeit-Simulationen an, die für Game-Hersteller, aber auch fürs Militär interessant sind. Erst dieses Jahr hat das Startup unglaubliche 500 Millionen Dollar Investment (u.a. von Softbank) bekommen.

Herman Narula (CEO) und Rob Whitehead (CTO) von Improbable. © Improbable/Facebook
Herman Narula (CEO) und Rob Whitehead (CTO) von Improbable. © Improbable/Facebook

Und dann ist da Prowler.io, offenkundig derzeit Hausers Liebling. Die Gründer Vishal Chatrath (CEO), Dongho Kim (CTO) und Aleksi Tukiainen (COO) wollen Künstliche Intelligenz dazu nutzen, um Entscheidungen zu treffen. Derzeit rund 50 Mitarbeiter arbeiten an Algorithmen, die auf probabilistische Methoden und Spieltheorie aufbauen. Am Ende sollen Maschinen effizient und schnell Entscheidungen treffen können.

Derzeit klappt das in Computerspielen ganz gut. Prowler.io hat seine AI gegen den Superrechner Deepmind (ebenfalls aus Cambridge, von Google aufgekauft) antreten lassen. Sie braucht „nur“ 900.000 Versuche, um die Level zu schaffen – Deepmind brauchte aber 8 Millionen. „Wir haben uns in Cambridge wegen den vielen Talenten angesiedelt“, sagt der Chatrath, der früher unter anderem für Nokia arbeitete. Er verweist stolz auf die 28 Professoren, die für Prowler.io arbeiten.

Läuft alles nach Plan, dann wird die AI einmal voraussagen können, wann und wo Taxis gebraucht werden oder wann welche Aktien gekauft werden sollten. Die Gefahren kennt Chatrath auch: “Es gibt diese Ängste, das AI die Weltherrschaft übernimmt. Deswegen muss man eine Plattform bauen, die transparent ist.“ Ob die erst eineinhalb Jahre alte Firma das schaffen wird, bleibt abzuwarten – vorerst wird noch hinter verschlossenen Türen getestet.

Vishal Chatrat (CEO), Dongho Kim (CTO) und Aleksi Tukiainen (COO). © Jakob Steinschaden
Vishal Chatrath (CEO), Dongho Kim (CTO) und Aleksi Tukiainen (COO). © Jakob Steinschaden

Größer denken als die anderen

Der Traum vom Einhorn hat einen besonderen Grund. Mit ARM sitzt ein Milliardenunternehmen in der Kleinstadt, das für mehr als 90 Prozent aller Prozessoren in heutigen Smartphones verantwortlich ist. Kunden wie Apple, Samsung, AMD, Nvidia, Qualcomm oder Infineon lizensieren die ARM-Architektur und fertigen drauf basierend Chips, die auch das iPhone X antreiben. „Alles, was nicht Intel ist, sind wir“, sagt ARM-CTO Mike Muller. Der Ruhm der Firma in Großbritannien ist groß. Die Beteiligung an ARM hat Hauser die Bezeichnung „Steve Jobs von Großbritannien“ eingebracht.

Mit dem Kauf durch den japanischen Konzern Softbank und dessen 100 Milliarden Dollar schweren Vision Fund (Trending Topics berichtete) will ARM jetzt ins nächste Level aufsteigen. 10 Millionen Einheiten 1997, 10 Milliarden 2007, 100 Milliarden ausgelieferte Chips mit 2017 – die Wachstumskurve zeigt steil nach oben. In den nächsten vier Jahren sollen die nächsten 100 Milliarden Units ausgeliefert werden, die Hälfte davon wird in IoT-Geräten verbaut werden.

“In einer erwachsenen Industrie, in der man die Nummer eins ist, wie kann man da noch wachsen?”, fragt Muller rhetorisch und schiebt gleich die Antwort nach. “Machine Learning verändert unser Geschäft. Wir fragen uns nicht: Wie können wir eine Server-Architektur für Machine Learning bauen. Wir fragen uns: Wie können wir Machine-Learning-Kapazitäten in jedes Smartphone packen?” 200 neue Entwickler sollen angestellt werden, die diese Chip-Zukunft ausarbeiten. Viele dieser Developer werden von der hiesigen Universität kommen.

ARM-CTO Mike Muller. © Jakob Steinschaden
ARM-CTO Mike Muller. © Jakob Steinschaden

„Bescheidene Arroganz und skeptischer Optimismus“

“Wir haben uns eine gesunde Respektlosigkeit vor Organisation bewahrt”, sagt ARM-CTO Muller über die Arbeitskultur. Soweit es gelingt, will man Startup-Kultur im Unternehmen bewahren – natürlich auch, um jungen Talenten einen ansprechenden Arbeitsplatz bieten zu können. Trotzdem passiere es regelmäßig, dass Mitarbeiter ausscheiden und ihre eigenen Firmen gründen, so Muller. Das Querdenken hänge stark mit den Universitäten zusammen. “Es gibt eine Kultur hier, die es Studenten erlaubt, Dinge anzugehen, auch wenn die Professoren es nicht gut finden”, sagt Muller.

Einer der Orte, an dem Neudenken forciert wird, ist der ideaSpace, angesiedelt im Hauser Forum. 280 Startups sind durch die Einrichtung der University of Cambridge bereits gegangen. Das berühmteste ist wohl Magic Pony Technology, das 2016 um 150 Millionen Dollar von Twitter gekauft wurde. Der Name? Natürlich eine Anspielung auf das Überwort „Unicorn“.

“Es ist manchmal erschütternd, wie wenig die angehenden Gründer über die Außenwelt wissen”, sagt Stewart McTavish, Direktor des ideaSpace. Sein Job wäre, die angehenden Startup-Gründer aus der geschützten Welt der Universität aufs Business-Leben vorzubereiten. “Die meiste Zeit sitze ich hier und höre mir die Probleme der Startups an”, so McTavish. Mit gutem Rat und vor allem mit Kontakten versucht er zur Seite zu stehen.

Erkennen könne man gute Gründer weniger an ihren Ideen als vielmehr an besonderen Eigenschaften, meint McTavish. Und die wären? „Bescheidene Arroganz und skeptischer Optimismus.“

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