Österreich

„Mandantenbasis verbreitern“: Warum sich immer mehr Anwaltskanzleien auf Start-ups stürzen

Sharing is caring:

© Fotolia/Gina Sanders

Datenschutz, Mitarbeiterbeteiligungen, Schutz des geistigen Eigentums, Investorenverträge, Verkaufsverhandlungen: Von Gründern wird nicht nur erwartet, dass sie neuartige Technologien entwickeln, ihre Ideen beim Pitch auf den Punkt bringen und sich Kunden und Business Angels angeln, im Optimalfall sind sie auch in rechtlichen Belangen sattelfest. Den boomenden Start-up-Markt in Österreich haben deswegen auch Anwaltskanzleien für sich entdeckt.

Unter den Vorreitern hierzulande sind Herbst Kinsky Rechtsanwälte, die nicht nur eine ganze Reihe von in Wien ansässigen Start-ups wie Hitbox, zoomsquare, hokify oder TourRadar im Zuge von Finanzierungsrunden beraten haben, sondern im Rahmen des „HK Incube“ Gründern neben Rechtsberatung zu privilegierten Konditionen ein 18-monatiges Mentorenprogramm anbieten. Partner Philipp Kinsky ist zudem selbst als Business Angel tätig und ist in vier österreichischen Start-ups investiert.

Durch alle Phasen

Die Konkurrenz schläft aber bekanntlich nie. Mit dem BTP Nährboden hat die Wiener Anwaltskanzlei Brandl & Talos ein eigenes Start-up-Förderprogramm ins Leben gerufen. „Für Rechtsanwaltskanzleien ist die Beratung von Start-ups ein sehr interessantes und abwechslungsreiches Betätigungsfeld“, sagt Roman Rericha, Partner bei Brandl & Talos. „Durch die Begleitung der Jungunternehmer von der Gründung weg können langfristige Kooperationen aufgebaut werden und so die Mandantenbasis nachhaltig verbreitert werden.“

Rechtsberatung bräuchten Start-ups in allen Phasen des Unternehmens, so Rericha – von der Wahl der Rechtsform bei der Gründung über Investoreneinstiege und der Einräumung von Mitarbeiterbeteiligungen bis hin zu den Exitverhandlungen mit potenziellen Käufern. Beim BTP-Nährboden würde man mit ausgewählten Jungfirmen zusammenarbeiten, für die man sich als Stammberater etablieren will. „Wir sehen unsere reduzierten Konditionen und unser Engagement als Investitionen in die nachhaltige Vergrößerung unserer künftigen Mandantenbasis. Deshalb müssen die Start-ups in unserem Programm weder Anteile abtreten noch sonst erfolgsabhängige Prämien zahlen“, so Rericha.

Rechtliche Grauzonen

„Gerade weil innovative Start-ups über den Tellerrand hinaus denken, stoßen sie mit ihren Geschäftsideen auch oft auf speziell zu beachtende Gesetze und rechtliche Grauzonen“,sagt Sophie Tschöp, Rechtsanwaltsanwärterin bei Höhne, In der Maur & Partner Rechtsanwälte. „Um einige Beispiele zu nennen: FinTech-Start-ups müssen oft kapitalmarktrechtliche Hürden überwinden, Gewinnspiel-App-Betreiber müssen das Glückspielgesetz beachten, neue Ideen in der Lebensmittelbranche können eine Prüfung des Lebensmittelrechts erfordern.“

„Start-ups sind innovativ, das führt dazu, dass die Bereiche, in denen sie tätig sind, oft gar nicht oder aus einem alten Blickwinkel geregelt sind, der nicht mehr passt“, sagt auch Gregor ­Famira, Partner und Leiter der Start-up-Initiative bei CMS Reich-Rohrwig Hainz in Wien. „Meist geht es um regulatorische Fragen inklusive Datenschutz sowie Vertragsgestaltung, insbesondere für die Bereiche Finanzierungen und den Exit.“

Risiko für die Kanzleien

Wie für alle anderen, die mit Start-ups zusammenarbeiten, sind sie auch für Anwälte ein Wagnis. „Öfter als sonst gehen Berater hier ein Risiko ein und machen einen Teil des Honorars vom Erreichen bestimmter Meilensteine abhängig, vor allem von Finanzierungen oder tatsächlichen Umsätzen mit dem neuen Produkt“, so Famira.

„Wir sehen in unserer täglichen Beratung, dass viele Start-ups den Weg zum Rechtsanwalt vermeiden, weil sie die hohen Kosten, die oft damit verbunden sind, scheuen. Um den Jungunternehmern entgegen zu kommen, bieten wir unsere Rechtsberatung auch zu ermäßigten Honoraren an“, sagt Sophie Tschöp von Höhne, In der Maur & Partner. „Darüber hinaus gehen auch wir in vielen Fällen mit ins Risiko und stunden einen guten Teil unseres Gesamthonorars bis zu einem Zeitpunkt, in dem das Start-up diese Kosten wirtschaftlich tragen kann. Beispielsweise rechnen wir dann einen Teil unseres Honorars erst nach Erreichen gewisser Umsatzzahlen, oder nach einer erfolgreich abgeschlossenen Finanzierungsrunde, etc. ab.“

Springe zu:

Mehr Stories

Be smart and nice ;)

Ganzen Artikel lesen