Interview

Starinvestor Tim Draper: „Jeder sollte zehn, fünfzehntausend Dollar im Jahr bekommen“

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Tim Draper am Wiener Pioneers Festival. © Jakob Steinschaden
Tim Draper am Wiener Pioneers Festival. © Jakob Steinschaden

Wenn Software und Roboter Immer mehr Jobs von Menschen übernehmen, was machen dann die Menschen? Auch der Investorenveteran Tim Draper aus dem Silicon Valley hat sich Gedanken über diese Zukunft gemacht. Er ist einer der Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens, über das in der Schweiz am Wochenende abgestimmt wird und zu dem in Ländern wie Finnland und den Niederlanden Experimente angegangen werden sollen. Die Idee: Menschen sollen ihre Grundbedürfnisse unabhängig von Arbeit decken können und dann entweder zusätzlich im Job Geld verdienen oder die Freizeit mit kreativen Tätigkeiten verbringen können.

Sie sind ein Monat lang zu Besuch in der alten Welt. Wie erleben Sie Europa? Hier sieht man sich immer als Nachzügler hinter dem Silicon Valley und China.

Es gibt hier unglaublich gute Technologien, sehr gute Unternehmen, schlaue, gut ausgebildete Menschen. Aber: Die Europäer müssen mehr riskieren. Im Silicon Valley sind die Leute sehr kühn und wollen andauernd ganze Industrien verändern. Das wird in den USA sehr positiv wahrgenommen. In Europa heißt es aber oft: Wir sind nicht so gut. Vergiss das! Man ist immer so gut, wie man ist, man muss die Dinge halt einfach machen und darf nicht schüchtern sein. Außerdem hat Europa einen wichtigen Vorteil: Programmierer kosten hier viel weniger.

Was muss ein Start-up haben, damit Sie Ihr Geld investieren?

Ich suche Unternehmer, die neue Technologien haben und diese in einen alten Markt bringen, der aufgeblasen und monopolistisch ist. Also Industrien, in denen Konsumenten für schlechtes Services einen zu hohen Preis zahlen.

Geben Sie uns mal ein Beispiel.

Die Finanzbranche etwa. Das betrifft zum Beispiel Banken, wo man viel zahlt und wenig bekommt. Aber es kommen neue Technologien, die das verändern können. Bitcoin etwa kann völlig verändern, wie wir in Zukunft zahlen. Auch der Gesundheitssektor wird derzeit von neuen Firmen wie Theranos (Blutanalysedienst, gegen den Behörden ermitteln, Anm.) angegriffen. Die sollten sich lieber an diese neue Welt anpassen. Genauso brauchen das Bildungswesen, Versicherungen und Behörden Transformation. Ja, selbst Regierungen müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Die Menschen heute sind mobiler als je zuvor, können auf der ganzen Welt ­arbeiten. Staaten müssen eben die ­besten Arbeitsplätze, das beste Gesundheitssystem, die besten Ausbildungsstätten anbieten, ansonsten werden die Leute wegziehen.

Sie predigen seit langem die Vorzüge von Bitcoin, allerdings hat sich das noch überhaupt nicht durchgesetzt.

Sie kennen sicher den Abspann nach einem Star-Wars-Film. Die Leute, die in den Credits stehen, bekommen jedes Mal, wenn ein Film gezeigt wird, Tantiemen. Das sind aber Kleinbeträge. Lucasfilm kostet das pro Scheck und Quartal sieben US-Dollar, um dieses Geld auszuzahlen. Mit Bitcoin hingegen kann man auf Knopfdruck das Geld in Echtzeit überweisen, und zwar viel billiger. Es gibt so viele Entwickler, die an Bitcoin-Produkten arbeiten, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das durchsetzt.

Investoren wie Sie sind immer auf der Suche nach dem nächsten Einhorn (Bezeichnung für ein Start-up, das mehr als eine Milliarde US-Dollar wert ist, Anm.). Wird hier nicht eine Blase herangezüchtet, die bald platzen wird?

Nun, die Bewertungen einiger dieser sehr populären Firmen sind ein wenig gesunken. Aber alles in allem ist die Branche gesund, Tech wird nicht mehr verschwinden. Die Dotcom-Blase von 2001 wird sich nicht wiederholen. Der Fortschritt wird weitergehen, und das ist für alle, für die Unternehmen und die Konsumenten, am Ende besser.

Wirklich für alle? Es gibt nicht wenige Start-ups, die der Old Economy das Geschäft wegnehmen wollen.

Viele fühlen sich instinktiv bedroht, wenn sie das Wort Disruption hören. Die Musikindustrie hat gegen Napster mobil gemacht, Taxifirmen wettern gegen Uber, Telekoms blockierten Skype, die Pharmaindustrie geht gegen Theranos vor, die Autoindustrie jagt Tesla. Sie bedenken dabei aber nicht, dass neue Technologien ihr eigenes Geschäft besser machen können, wenn sie sich anpassen können.

Technologie bringt sehr oft Automatisierung mit sich, verspricht Effizienz und Einsparungen. Wird das nicht ziemlich viele Jobs kosten?

Aber Technologie schafft auch neue Jobs. Menschen sind kreativ, wenn sie einen Job verlieren, dann werden sie sich einen neuen suchen, einen, der besser zu ihnen passt. Wenn ein Computer eine Tätigkeit übernimmt, dann ist der Mensch frei, etwas anderes zu machen. Die Maschinen sollen ruhig unten in der Kohlemine arbeiten, die Menschen können sich eine andere Beschäftigung suchen.

Da kommt die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ins Spiel, die Sie unterstützen.

Ja. Jeder sollte zehn, fünfzehntausend Dollar im Jahr bekommen, um seine Grundbedürfnisse decken zu können. Egal, ob man arbeitslos ist oder eine Milliarde Dollar im Jahr verdient.

Zur Person:

Timothy Cook Draper, geboren 1958, ist nach seinem Großvater und seinem Vater Risikokapitalgeber in der dritten Generation. Sein Vater Bill investierte früh in Skype, und Tim Drapers Investmentfirma DFJ stieg 2004 ein. Nachdem Skype 2005 um etwa vier Milliarden US-Dollar an eBay verkauft wurde, investierte DFJ in große Namen der Tech-Branche wie Baidu (führende Suchmaschine in China), Twitter, Hotmail, Tesla Motors oder Box (börsennotierter Cloud-Speicherdienst). Draper ist bekannt dafür, Firmen, die mehr als eine Milliarde US-Dollar Bewertung schaffen, einen goldenen Frisbee zu schenken.

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