Speedinvest: 190 Millionen für Startups

Oliver Holle, CEO von Speedinvest, spricht im Interview über den neuen Fonds für frühphasige Startups, den Investment-Fokus, über Klimaklauseln für Jungfirmen und wie es mit der österreichischen Szene weitergeht.

Gepostet von TrendingTopics.at am Donnerstag, 27. Februar 2020
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Oliver Holle: „Es gibt ein halbes Dutzend Startups mit Unicorn-Potenzial in Österreich“

190 Millionen Euro – so groß ist der neue Startup-Fonds für Frühphasen-Investments, den der Wiener VC Speedinvest aufgestellt hat. In den nächsten Jahren wird dieses Geld in Early-Stage-Startups in ganz Europa investiert. Die ersten zehn Deals wurden schon gemacht, eines davon ist hi.health rund um mySugr-Mitgründer Fredrik Debong (Trending Topics berichtete).

Im großen Interview mit Trending Topics erklärt Oliver Holle, CEO von Speedinvest, die Investment-Strategie, wie sein VC das Thema Sustainability sieht, warum Speedinvest N26, Runtastic und mySugr verpasst hat und ob es in Österreich bald Unicorn-Alarm gibt.

Trending Topics: 190 Millionen Euro – das ist deutlich mehr als in den vergangenen Fonds von Speedinvest lagen. Wie ist das Fundraising verlaufen, und warum sind es am Ende dann doch deutlich mehr geworden als die angepeilten 175 Millionen Euro?

Oliver Holle: Das Fundraising hat uns Jahr sehr beschäftigt, ziemlich viele Flugmeilen. Aber es war leichter als das letzte und das vorletzte Mal. Da hat sich schon eine Marke aufgebaut, und es war schön zu sehen wie das funktioniert.

Der EIF, Erste Group, aws sind mit dabei – wer ist noch dabei?

Wir dürfen sehr viele leider nicht nennen, so ist das Spiel. Wir haben eine solide Basis von unseren existierenden Investoren aus den alten Fonds, die alle wieder gekommen sind. Das war wichtiger Rückenwind für uns. Das sind hauptsächlich österreichische Family Offices und Privatinvestoren. Wir haben wieder NEA dabei, der größte amerikanische VC, der auch schon im Zweier-Fonds dabei war und jetzt mit einer viel größeren Summe in den Dreier-Fonds gekommen ist. Die Amerikaner sehen Europa ja mittlerweile anders und haben wesentlich mehr Fokus daraufMit unserer Strategie und Offices von London bis Osteuropa sind wir da ein guter Partner.

Was uns auch gelungen ist, ist institutionelles Kapital wie von einer Erste Group aber eben auch anderen aus Österreich an Bord zu holen, die noch nicht Venture gemacht haben und für die Speedinvest eine gewisse Kontinuität zeigen konnte.

Dieses Geld soll vor allem frühphasige Startups investiert werden. Kannst du uns die Investment-Strategie erklären?

Wir sind und bleiben ein Seed-Fonds, was war und ist unser Markenkern. Im Seed-Bereich ist in Europa noch vergleichsweise viel Platz. Es ist ein immer noch sehr fragmentierter Markt, es gibt viele regionale Player, aber es gibt keinen VC-Fonds, der versucht, eine paneuropäische Plattform aufzubauen. Das ist unsere Chance, eine Marke aufzubauen, die da mitspielen kann. Natürlich braucht man als Seed-Fonds Anschlusskapital, und das ist genau die Chance, die wir mit SI 3 haben. Sehr viel Kapital davon wird verfügbar, um relevant bei diesen Startups beteiligt zu bleiben.

Es ist schon einiges von dem Geld wieder ausgegeben worden. Eines der zehn Startups ist hi.health von mySugr-Mitgründer Fredrik Debong. Gibt es neben hi.health schon andere Startups, die du nennen kannst?

In Österreich ist es (hi.health, Anm.) das bisher einzige Investment. Wir haben in Europa aber schon zehn Investments gemacht, erst vor kurzem haben wir ein Investment in Spanien, zwei Industrial-Tech-Startups, eines in Frankreich. Viele dieser Projekte sind noch sehr zurückhaltend. Wir hatten schon ein Pre-Closing im Herbst und konnten schon aktiv am Markt Portfolio aufbauen.

Bisher waren Fintech, IoT, Marketplaces interessant für euch. Wird es dabei bleiben, oder wird das Spektrum erweitert?

Es bleibt dabei, der vertikale Fokus war für uns ein enormes Erfolgsrezept. Das hat uns wirklich geholfen, um in Europa in die guten Deals hineinzukommen. Wir sind in fünf Investment-Teams organisiert – Fintech, Marketplaces, Industrial Tech, DeepTech und ein Team, das sich um neue Themen kümmert. Da passt Heath sehr gut hinein, Sustainability, aber auch neue Trends, die wir in diesem Team abdecken wollen.

Atomico, Northzone, Lakestar – europäische VCs haben kürzlich große neue Fonds geraised, fokussieren sich aber auf die Wachstumsphase, also Series A und B. aber ihr bleibt in der Frühphase.

Das ist ganz klar die Strategie, das ist auch das, was zu uns passt. Wir kommen eigentlich alle aus der Gründerszene. Gleichzeitig ist es auch so, das mit diesen großen Wachstums-Fonds jetzt viel Geld für Anschlussfinanzierungen da ist. Das ist auch ein leichteres Segment, weil sich da schon die Spreu vom Weizen getrennt hat. Im Seed-Bereich ist es viel schwieriger, aber da liegt unser Fokus, um eine Top-Brand zu werden.

Ihr wollt 100 Prozent Fokus auf die Bedürfnisse der Gründer legen. Was bedeutet das im Unterschied zu anderen Fonds? Wie sieht das in der Praxis aus?

Gute Frage. Das sind oft kleine Dinge. Letztlich ist es eine Frage, wo man her kommt. Man kann einen Fonds aus einer Investment-Logik denken, aber das ist nicht unser Zugang. Wir kommen aus einer Geschichte, wo wir selber als Gründer erlebt haben, wie mühsam Venture Capital sein kann, und versuchen, das anders zu denken und uns letztlich auf die Gründer zu fokussieren. Wir bauen eigene HR-Units, Growth-Units, haben ein Büro im San Francisco – immer aus der Idee kommend: was braucht der Gründer? Manchmal passt’s, manchmal nicht, aber zumindest ist das die Idee.

Du hast vorher auch das schöne Wort Sustainability gesagt. In Deutschland hat sich eine Gruppe von VCs formiert, die ihren Startups Nachhaltigkeitsklauseln aufdrücken. Macht ihr bei so etwas mit, oder ist das auch kritisch zu sehen – Stichwort Greenwashing?

Ja und ja. Wenn man bei dieser Initiative mitmacht und sonst nix, dann ist das natürlich Augenauswischerei. Machen wir trotzdem bei der einen oder anderen Initiative mit? Wahrscheinlich schon. Aber ganz wesentlich ist ja, ob man irgendwas ändert. Und das ist schwierig. Wir haben uns das sehr genau angeschaut, haben eine eigene Arbeitsgruppe seit einigen Monaten, die auch versucht, unseren Footprint zu messen. Wir sind ja doch 80 Mitarbeiter, bei uns geht es letztlich um Reisen und Flug. Das ist nicht zu verhindern. Man kann natürlich einschränken, wir machen immer mehr über Zoom.

Aber der wirklich interessante Hebel ist die Investment-Strategie. Wir sehen das im Dealflow. Der hat sich in den letzten 12 Monaten rund um dieses Thema enorm erhöht. Es gibt immer mehr Top-Teams, die das Thema angehen. Da eine Vorreiterrolle zu haben, finde ich viel spannender. Das ist unser Hebel.

Das ist also künftig euer Investment-Fokus neben den anderen?

Genau. Wir haben eben dieses neue Team und haben auch schon ein Startup-Investment gemacht, das wir aber noch nicht announcen können. Man kann darüber streiten, aber Tier Mobility (Micro Mobility-Startup aus Berlin, Anm.) hat eine ganz klare Mission, da wirklich Impact zu generieren. Wir haben Twaice in München gemacht, die an Predictive Maintenance im E-Mobility-Bereich arbeiten, Refurbed in Österreich ist auch ein Super-Projekt. Das sind extrem getriebene, marktorientierte Gründerteams, die mindestens so professionell, wenn nicht sogar professioneller als alle anderen sind und trotzdem Impact machen.

Der Hedge-Fonds Bridgewater hat berechnet, dass Tech-Startups pro Jahr bei Amazon, Google und Facebook mittlerweile 44 Milliarden Dollar für Cloud-Dienste und Online-Advertising ausgeben. Wenn nun europäische VCs europäisches Geld in europäische Startups stecken – fließt dann nicht sehr viel davon zu den US-Tech-Giganten? Nimmst du das als Problem wahr oder ist das einfach der Markt, den man akzeptieren muss?

Das ist die Realität. Man kann argumentieren, dass wir ein Seed-Fonds sind, in dessen Portfolio 80 Prozent in Personal und nur ein kleiner Teil in Ad Spending geht. Aber bei späteren Finanzierungsrunden, die eine Atomico oder eine Lakestar macht, da dreht sich dann das Bild, gerade bei B2C-Cases. Ja, das ist ein Problem. Nicht nur, wenn man die europäische Brille aufsetzt, sondern auch, weil man in Abhängigkeit gerät. Immer wieder sehen wir, wie Business-Modelle kippen, weil plötzlich die Customer Acquisition Costs ansteigen.

Jeder gute Gründer, jeder Growth Marketer muss eine Diversität aufbauen, um genau nicht in diese Abhängigkeit zu geraten. Aber es ist eine große Herausforderung, und ich sehe kaum Licht am Ende des Tunnels.

Gibt es eine Lösung dafür, oder muss man abwarten, dass die EU es schafft, eine europäische Cloud aufzubauen?

Das eine ist der Ad Spend. Da gibt es Alternativstrategien, aber es ist letztlich nichts Großartiges in Sicht. Auf der Cloud-Hosting-Seite bin ich viel optimistischer, das ist nicht Rocket Science. Da gibt es ja tatsächlich schon gute Alternativ-Anbieter. Insgesamt ist die Dominanz der US-Player da, und das wird sich in den nächsten Jahren auch nicht ändern. Was ich schon sehe in Europa ist, wie plötzlich Kapital verfügbar ist, dass Finanzierungsrunden in Europa gleich groß sind wie in den USA, also wir bauen hier schon große Companies. Hoffentlich auch in Österreich.

Ich bin vorsichtig optimistisch. Natürlich kann man wieder nach Asien schauen. Aber die Finanzierungslandschaft für ambitionierte europäische Gründer ist unverhältnismäßig besser geworden in den letzten 24 Monaten als zuvor. Da finden wirklich 100-Millionen-Runden statt.

Es gab 2019 viele Ängste, dass eine Rezession in Europa ausbricht. Merkt man das im VC-Geschäft gar nicht?

Würde ich so nicht sagen. In den USA merkt man das sehr wohl. WeWork letztes Jahr hat ganz klar eine Änderung ausgelöst. Die großen Finanzierungsrunden sind viel orientierter an profitablen Geschäftsmodellen, was ja kein Fehler ist. Diesen Trend gibt es. Gleichzeitig gibt es einen großen Trend hin zur Globalisierung des Finanzierungsmarktes. Es sind nicht mehr 80 Prozent im Silicon Valley, es kommt zu mehr verteilten Ökosystemen in den USA, Asien und Europa. Und das hilft. Insgesamt gibt es einfach mehr Kapital in Europa.

Speedinvest ist in Österreich DER VC. Trotzdem habt ihr euch in den letzten Jahren einige Deals entgehen lassen – Runtastic, mySugr, N26. Wie weh tut es, da nicht dabei zu sein? Und: Ist der neue Fonds mit dem stark ausgeprägten Fokus auf Gründer auch ein Weg, um in Zukunft zu verhindern, in Österreich etwas zu verpassen?

Dass man als VC was verpasst, damit muss man leben, alles andere wäre absurd. Wir haben einen eigenen Slack-Channel, der „Anti-Portfolio“ heißt. Da wird jeden Tag ein Startup rein gepostet, das wir gesehen haben, das wir nicht gemacht haben und das dann plötzlich viel Geld holt. Das ist ganz normal. Wir haben N26 gesehen, wir haben es abgelehnt, das tut mir heute noch weh. aber wir leben damit letztendlich wunderbar, wir haben andere Investments gemacht, die andere abgelehnt haben.

Wir haben letztes Jahr 7.000 neue Startups gescreent. Natürlich liegt man da oft falsch. In Österreich haben wir natürlich einen besonderen Anspruch und wollen aktiv bleiben. Die letzten Jahre war ein enormer Fokus darauf, diese Internationalität abzusichern und zu schauen, diese europäische Stellung aufzubauen. Das hat mich sehr beschäftigt.

Das ist auch der größte Wertbeitrag, den wir für das österreichische Ökosystem machen – diese Anbindung an den Rest der Welt gut und glaubwürdig bringen zu können.

In Österreich wird es von eurer Seite also wieder mehr Aktivität geben?

Ja absolut. Ich habe mal den Fundraising-Hut abgelegt und darf jetzt auch wieder Investments machen. Wir haben ja immer noch das mit Abstand größte Team hier in Wien und sind motiviert. Es hat sich in Österreich ja auch etwas gedreht. hi.health ist ein wunderbares Beispiel. Das ist ein schönes Beispiel, wo ein erfolgreicher Serial Founder sich mit einer noch größeren Ambition das nächste Projekt hernimmt. Und solche Projekte lieben Investoren.

Letzte Frage: Hansi Hansmann meinte kürzlich, dass Österreich dabei ist, das Innovations-Rennen zu verlieren. Deine Meinung im europäischen Kontext?

Dass wir in Österreich nicht am Weg zur Startup-Nation Nummer eins sind, ist völlig klar. Dass die Politik die letzten zehn Jahre verschlafen hat, ist auch klar. Hindert uns das daran, tolle Unternehmen zu finden?

Ja, es wird Unicorns in Österreich geben. Wir haben mindestens ein halbes Dutzend Startups, die wir kennen und sehen, die absolut das Potenzial dazu haben. Und zwar nicht irgendwann, sondern in den nächsten paar Jahren. So gesehen: Ich bin überzeugt, dass es Unternehmen geben wird, die wesentlich größer werden als die Benchmark, die Runtastic oder Shpock gelegt haben. Das ist alles gut, aber von einem Talent-Magneten sind wir weit entfernt.

Disclaimer: Speedinvest ist auch Investor von Trending Topics.

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