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Solarstrom via Blockchain mit den Nachbarn traden? Die Sache nimmt Fahrt auf.

PV-Anlage im Viertel Zwei. © Wien Energie
PV-Anlage im Viertel Zwei. © Wien Energie

Nicht verbrauchte Kilowattstunde an der Strombörse handeln, für Stromtankstellen im Grätzl freigeben oder an die Nachbarn verkaufen? Mit Hilfe von Blockchain-Technologien rückt diese Vision, die es bereits seit mehreren Jahren gibt, endlich in greifbare Nähe. In Wien, genauer gesagt im Viertel Zwei in der Wiener Krieau, testen derzeit Rund 100 Bewohner den Handel mit Solarstrom, den Photovoltaikanlagen auf den Hausdächern produzieren.

„Der lokal erzeugte Strom wird je nach Bedarf unter den Bewohnern aufgeteilt. Wenn keiner den Strom nutzt, wird der Strom weiterverkauft oder anderweitig verwendet“, sagt Wien Energie-Geschäftsführer Michael Strebl. Mit Blockchain könne das künftig vollautomatisch über ein Energiemanagement und nach ökonomischen oder ökologischen Kriterien passieren, und es könnten so Energiegemeinschaften in Stadtvierteln entstehen, die sich Solarenergie teilen. „Oberstes Ziel ist, unsere Stadt langfristig so gut es geht CO2-frei zu machen.“

Millionenprojekt in Wien

Wien Energie investiert in das Projekt über eine Laufzeit von etwa fünf Jahren insgesamt mehr als zwei Millionen Euro. Nach dem Sommer soll so eine der ersten Energiegemeinschaften Europas entstehen. Das Projekt wurde 2018 gestartet. Die Bewohner teilen sich dabei den Strom von der quartierseigenen Photovoltaik-Anlage. Ein Anteil von jeweils 1kWp steht dabei einzelnen Kunden zur Verfügung. Die nicht selbst verbrauchte Energie kann künftig über die Plattform gehandelt werden. Ist man etwa im Sommer auf Urlaub, dann kann der dann nicht gebrauchte Sonnenstrom an die Nachbarn verkauft werden – eine App erlaubt dabei die Steuerung des Strombezugs.

Auch Ladestationen von Elektroautos sowie ein Stromspeicher der Wien Energie sollen an das System angeschlossen werden. Umgesetzt wird die Blockchain-Technologie, über die die Transaktionen laufen, gemeinsam mit dem Wiener Startup Riddle & Code. Derzeit werde die Benutzerfreundlichkeit der Plattform getestet, ab Herbst startet dann der Energiehandel im Viertel. Riddle & Code gilt als ein wichtiger Player in der Token-Ökonomie und wurde von  Thomas Fürstner gegründet (Trending Topics berichtete).

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In ganz Europa entstehen Blockchain-Projekte

Die Idee, das mit Hilfe von Blockchain Solarstrom im Viertel gehandelt werden kann, nimmt in Europa Fahrt auf. Dabei haben immer wieder Startups die Finger im Spiel. Die Energie Steiermark hat vergangene Woche bekannt gegeben, mit dem australischen Startup Power Ledger zu kooperieren, um in einem ersten Schritt Haushalten in Graz den Handel mit Strom, der in eigenen Photovoltaik-Anlagen produziert wird, mit Nachbarn zu ermöglichen.

Dann startete mit der Energy Web Chain (EW Chain) eine Blockchain-Plattform, die ermöglichen soll, erneuerbare Energien zu handeln oder das Bezahlen von Ladevorgängen bei Elektroautos einfacher abzuwickeln. Hinter der EW Chain steckt die Energy Web Foundation (EWF), die 2017 vom Rocky Mountain Institute und dem Berliner Startup Grid Singularity ins Leben gerufen wurde. Als Partner der EW Chain sind etwa der Stromversorger Elia aus Belgien, Singapore Power oder Engie aus Frankreich mit an Bord.

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Energieversorger als Backbone

„Der Energiemarkt hat sehr viele einzelne Teilnehmer, und hier eine Vernetzung abzubilden, scheint auf den ersten Blick ein guter Anwendungsfall für Blockchain zu sein. Ein Usecase ist die verteilte Energieproduktion und die Möglichkeit für Privatkunden, Strom direkt an andere Marktteilnehmer zu verkaufen“, sagte etwa auch Martin Wagner, Managing Director der VERBUND Solutions, im Gespräch mit Trending Topics. Im KMU-Umfeld in Auhof testet auch der Verbund, wie Unternehmen untereinander produzierten Solarstrom traden können.

Energieversorger sehen sich heute nicht der Gefahr ausgesetzt, von dezentralen Stromproduzenten, die untereinander Energiehandel betreiben, ersetzt zu werden – sondern als der Backbone, der die Hauptlast des Netzes trägt. „Was man nicht vergessen sollte ist, dass nicht immer die Sonne scheint, nicht immer der Wind weht und der Kunde ein ziemlich hohes Bedürfnis danach hat, dass er am Abend fernsehen oder sich ein Essen wärmen kann“, so Wagner weiter. „Man muss in der Lage sein, mit solchen dezentralen Systemen die Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten.“

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