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Sixfold: Wiener Logistik-Startup wird von deutscher Transporeon übernommen

Das Team von Sixfold. © Sixfold
Das Team von Sixfold. © Sixfold

Sie tracken LKW auf ihrem Weg durch Europa und können durch die Optimierung auf Basis dieser Daten für die Reduktion von CO2 und Leerkilometern sorgen: Das in Wien gegründete Startup Sixfold rund um CEO und Mitgründer Wolfgang Wörner ist ein Geheimtipp unter den Logistik-Startups. Gemeinsam mit seinen vier estnischen Mitgründern hat Wörner es geschafft, mittlerweile Waren im Wert von 500 Millionen Euro pro Tag zu tracken.

Das hat nun den langjährigen Partner Transporeon aus Deutschland davon überzeugt, Sifxold zu übernehmen. Das Wiener Startup wird ein eigenständiges Unternehmen bleiben und künftig alle 20 Millionen Transporte, die über Transporeon vergeben werden, tracken. Die neue deutsche Mutter ist mit seinen 700 Mitarbeitern einer der wichtigsten Logistiksoftware-Anbieter weltweit.

Im Interview mit Trending Topics spricht Wörner über die Übernahme seines Startups, was man mit den Logistik-Daten alles anfangen kann und wie die Brücke des Unternehmens nach Estland funktioniert.

Trending Topics: Sixfold ist 2017 an den Start gegangen. Welche Vision hatten Sie damals und mit welcher Strategie sind sie dieser näher gekommen?

Wolfgang Wörner: Die Transportlogistik ist sehr fragmentiert und hat einen niedrigen Digitalisierungsgrad, wodurch ein hohes Ausmaß an Ineffizienzen entstehen. Beispielsweise 25 bis 30 Prozent aller in Europa zurückgelegter LKW-Kilometer werden leer gefahren. Das bedeutet eine enorme unnötige CO2-Belastung für unsere Umwelt und einen signifikanten wirtschaftlichen Schaden für die Gesellschaft – schließlich werden die entstandenen Transportkosten auf die Produktkosten umgewälzt, die wir alle bezahlen müssen. Diesen Ineffizienzen wollten und wollen wir bei Sixfold durch Digitalisierung und bessere Transparenz begegnen.

Wolfgang Wörner, CEO von Sixfold. © Sixfold
Wolfgang Wörner, CEO von Sixfold. © Sixfold

Wie kann man diese Ineffizienzen konkret beseitigen?

Konkret hilft eine bessere Vernetzung derjenigen, die Güter zu transportieren haben und derjenigen, die Güter transportieren können dabei, Angebot und Nachfrage besser abzustimmen – ähnlich wie Uber es für den Personentransport gemacht hat.

Allein in Europa gibt es fast eine Millionen Unternehmen, die Transport- bzw. Logistikdienstleistungen anbieten. Uns war von Anfang an bewusst, dass wir aufgrund der Fragmentierung und der Größe des Transportsektors einen stark skalierbaren Weg einschlagen müssen. Folglich war für uns klar, dass wir bestehende Systeme und Daten nutzen müssen, um Daten mithilfe eigener Hardware oder eines neuen proprietären Systems selbst zu erheben. Aus diesem Grund haben wir ein Netzwerk aufgebaut, dass Daten von bestehenden Systemen (ERP-Software, Transportmanagement-Software, Flottenverwaltungssoftware, Telematik, etc.) mittels moderner Schnittstellen aggregiert, bereinigt, standardisiert und interpretiert. Der Schlüssel zum Erfolg liegt also in der Vernetzung und in Partnerschaften mit einer Vielzahl anderer Systemanbieter.

Zudem war und ist es Teil unserer Strategie uns auf welt- oder europaweit tätige Großkunden zu fokussieren. Nur sie haben in einem Sektor, der in den letzten Jahrzehnten wenig Innovation gesehen hat, die Größe, Marktmacht und Innovationskraft, um für Veränderung zu sorgen. Auch dafür war es essenziell für uns schon früh Partnerschaften mit anderen Systemanbietern einzugehen, um als junges Unternehmen Fortune 500 Konzerne als Kunden gewinnen zu können.

Sie haben vor kurzem einen Zusammenschluss mit Transporeon bekannt gegeben. Ist das ein Merger bzw. eine Übernahme, und wie sieht die Partnerschaft konkret aus?

Transporeon – eine Plattform, auf der über 1.200 Verlader Transporte an über 100.000 Transportunternehmen vergeben – war der erste und wichtigste Partner für uns, um schon sehr früh Weltkonzerne als Kunden gewinnen zu können. Folglich arbeiten wir schon länger eng zusammen. Der Zusammenschluss – eine Übernahme, bei der Sixfold allerdings ein eigenständiges Unternehmen bleibt – ermöglicht es uns vermehrt gemeinsame und integrierte Lösungen zu entwickeln, ganz im Sinne unserer oben dargelegten Strategie.

Konkret bedeutet die Partnerschaft für uns nun, dass wir alle 20 Millionen Transporte, die über Transporeon vergeben werden, tracken. Dadurch bilden wir gemeinsam das weltweit leistungsfähigste Transportnetzwerk, das end-to-end Tracking ermöglicht und können in Zukunft eine Vielzahl an weiteren Lösungen entwickeln.

 Sixfold verfolgt täglich Waren im Wert von 500 Millionen Euro in Echtzeit. Was wird denn derzeit so durch die Gegend gefahren? Gibt es da Veränderungen über Zeit?

Da wir Kunden aus unterschiedlichen Industrien haben, tracken wir eben auch eine Bandbreite von diesen – ob Transporte von Lebensmitteln, Verpackungsmaterial, Dämmstoffen, Chemikalien oder Automobilteilen. Unsere drei Kernindustrien sind dabei Konsumgüter und Handel (mit Kunden wie z.B. Coca-Cola, Nestlé oder Tesco), Baustoffe und Papier- bzw. Verpackungsmaterial.

Durch unsere breite Kundenbasis gibt es im Normalfall keine großen Veränderungen über einen bestimmten Zeitraum. Schließlich ist es ein Querschnitt der gesamten Wirtschaft. COVID-19-19 und die damit verbundene Herausforderungen an die Supply-Chain hat hier allerdings – zumindest kurzfristig – zu massiven Veränderungen geführt. Während Konsumgüter und Handel insbesondere zu Beginn der Pandemie 20 bis 30 Prozent mehr Transporte durchgeführt haben, um der geänderten Nachfrage entgegen zu kommen, gab es in vielen Industrien massive Rückgänge, nachdem aufgrund des Lockdowns viele Fabriken temporär geschlossen wurden, z.B. in der Automobilindustrie.

Was kann man mit diesen Daten anstellen? Welche Optimierungen sind möglich?

Man kann das ganze grob in 3 Kategorien einteilen:

  1. Schaffung von Transparenz: Heute sind die meisten Verlader blind, sobald ein LKW unterwegs ist. Sie wissen nicht wo sich die Ladung befindet und wann sie am Ziel ankommt. Oft erfahren Verlader erst von einer verspäteten Lieferung, wenn der Kunde anruft, um sich zu beschweren. Das führt zu Unzufriedenheit und einer Vielzahl von manuellen Aufwänden, z.B. „check calls“ beim Transportdienstleister. Wir stellen automatisierte, durchgehende Transparenz her, verbessern damit Kundenservice und reduzieren manuellen Aufwand.
  2. Effizientere Operations: Viele operationale Prozesse sind mit der Transportlogistik direkt verbunden. Wir helfen unseren Kunden z.B. Stand- und Wartezeiten am Lager zu reduzieren, indem unsere Vorhersagen bestimmen welche Waren an welcher Rampe zu welchem Zeitpunkt bereitgestellt werden sollen; oder in dem wir just-in-time Produktionsplanung basierend auf vorhersehbaren Warenströmen ermöglichen.
  3. Reduktion von CO2 und Leerkilometern: Durch unsere Daten können wir ein besseres Matching von Transportangebot und Nachfrage gewährleisten – z.B. Reduktion von leeren Retourfahrten durch Vermittlung von passenden Aufträgen.

 Woher bekommen Sie diese Echtzeitdaten, und für wen sind Sie interessant? Wem können Sie diese Daten anbieten?

Wir bekommen die Daten von unseren Kunden, sprich der verladenden Industrie sowie Logistik- und Transportdienstleistern, beziehungsweise deren Systemanbietern. Konkret geht es hier um Auftragsdaten auf der einen Seite und LKW-Bewegungsdaten auf der anderen Seite. Der Schlüssel ist dabei die Aggregation von Daten aus hunderttausenden Quellen und die intelligente Verarbeitung mittels AI und Machine Learning, um daraus Insights und Wert generieren zu können.

Nachdem sich unser Service auf die Transporte unserer Kunden bezieht, bieten wir unsere Daten exklusiv den respektiven Parteien an, die an dem Transport beteiligt sind: Versender bzw. Empfänger und Transportdienstleister. Schließlich geht es hier um hochsensible Daten. Für andere Stakeholder nutzen wir unsere Daten nur in hochaggregierter Form, wie z.B. unserer Grenzwartezeiten die wir im Rahmen der Covid-19 Pandemie der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

Die Echtzeitbeobachtung von Warenströmen ist sicher auch sehr interessant für Cyber-Kriminelle. Wie Schützen sie das Netzwerk und die Daten vor Missbrauch?

Sowohl Data Privacy als auch Data Security sind für uns aufgrund der Sensibilität der Daten natürlich ausgesprochen wichtige Themen. In Bezug auf Data Privacy gibt die Gesetzgebung (GDPR) einen, meiner Meinung nach, guten und strengen Rahmen vor. Diesen haben wir sowohl in unseren Vertragsbedingungen – mit Partnern und Kunden – als auch in unseren internen Prozessen (Produktentwicklung, Support, etc.) fest verankert. Bezüglich Security arbeiten wir bei uns nur nach den neusten Standards und Best Practices – von unserer Cloud-basierten Infrastruktur, die bei Google gehostet ist, bis hin zur E2E-verschlüsselten Übertragung der Daten.

 Sie haben Sixfold 2017 mit vier Mitgründern in Wien ins Leben gerufen. Das HQ ist nach wie vor in Wien, aber es gibt einige weitere Büros, vor allem in Estland. Warum gerade dort?

Meine vier Mitgründer stammen allesamt aus Estland. Sie hatten schon in der Vergangenheit ein Supply-Chain-Tech Startup gegründet – und wieder geschlossen. Nachdem wir uns über unser gemeinsames Netzwerk kennengelernt haben, sahen wir großes Potential darin gemeinsam Sixfold ins Leben zu rufen. Und zum Glück haben wir damit rechtbehalten.

Estland ist weltweit das Vorzeigeland zum Thema e-Government und generell sehr fortschrittlich, was IT und Digitalisierung betrifft. Es gibt daher – trotz der geringen Größe des Landes – einen großen Pool an Talenten im IT-Sektor. Ein großer Treiber dafür war außerdem der Erfolg von Skype. Zwei meiner Mitgründer sind Ex-Skyper, einer davon war Employee Nummer 7. Der Erfolg von Skype hat der estnischen Tech-Community einen starken Antrieb gegeben und gilt als Ausgangspunkt eines Startup-Booms, der in den letzten Jahren Unicorns wie Transferwise, Bolt oder Starship hervorgebracht hat. Dazu zählt auch ein starkes Ökosystem aus ehemaligen Skype-Mitarbeitern, die selbst gegründet haben.

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