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Gastbeitrag

Silicon Valley im Lockdown: „Startups sind eine stark betroffene Unternehmer-Risikogruppe“

San Francisco. © Maximilian Hörantner
San Francisco im Lockdown. © Maximilian Hörantner

Der Österreicher Maximilian Hörantner ist Mitgründer des Silicon-Valley-Startups Swift Solar, das für seine Photovoltaik-Technologie Millionen Dollar Investment bekommen hat. Derzeit sitzt auch das Team von Swift Solar zu Hause. Ein Erfahrungsbericht.

Montag der 9. März, ist gerade einmal zweieinhalb Wochen her. Mein Startup Swift Solar hat einen aufregenden Tag: Am Vormittag Onboarding unseres neuen Head of Equipment Operations, der uns als 11. Mitarbeiter beim Aufbau von unserer Solarzellen-Produktionsanlage helfen soll. Am Abend beginnt dann unsere offizielle Firmenstandort Eröffnungsfeier. Von Freunden über Geschäftspartner bis Investoren kommen fast alle eingeladenen Gäste, um endlich unser sonst noch kaum benutztes Großraumbüro zu füllen und um das neue Lab und die Prozesstechnik zu bewundern.

Abgesehen von den Ellbogen-Bumps, die das Händeschütteln abgelöst haben, ist von der Corona-Krise wenig zu spüren. Die Zeiten sind rosig, wir wachsen schnell und machen große Fortschritte bei der Entwicklung unserer Technologie – der baldigen Series A Finanzierungsrunde soll nichts im Wege stehen.

Dann kam der Lockdown

Doch schon zwei Tage danach müssen wir wegen erschreckenden Meldungen aus Italien eine Krisensitzung einberufen, um gut vorbereitet das unangenehmste Szenario für unser Startup zu planen: Der Lockdown und die damit verbundene Stilllegung unserer Labor-Operationen. Ungefähr das Schlimmste, was einem Hightech-Startup im Hardware-Bereich passieren kann. Viele der Bay-Area–Unternehmen im Softwarebereich haben diese Maßnahme schon ein bis zwei Wochen davor vorgenommen, weil es ohnehin nichts Außergewöhnliches ist, dass die Mitarbeiter ihre Arbeit von zu Hause aus erledigen und ihre täglichen Standup-Meetings per Zoom abhalten.

Es ist das Mekka der Digitalisierung und es gibt wohl kaum ein Unternehmen, dass nicht die Dienste von Slack, Zoom, Google Docs oder anderen Remote-Working-Plattformen verwendet. Somit wurde der sonst komplett mit Pendlern überfüllte Caltrain von Tag zu Tag leerer und die normalerweise unmöglich verstopfte 101 Autobahn war sogar zur “Rush hour” frei von Verkehr. Dadurch wurde zumindest der Arbeitsweg für unsere Mitarbeiter erleichtert – einige der stressigsten Tage für unser Team sollten folgen, um noch die letzten guten Ergebnisse für unsere Tech-Milestones zu erhalten. Der tatsächliche Lockdown für alle “Non-essential Businesses” in der gesamten Bay Area wurde dann am darauffolgenden Montag verkündet, an dem wir bis in die frühen Morgenstunden mit der Shutdown-Tasklist beschäftigt waren.

San Francisco im Lockdown. © Maximilian Hörantner
San Francisco im Lockdown. © Maximilian Hörantner

Seitdem ist alles anders

Wie fast überall sonst auf der Welt ist der komplette öffentliche Betrieb auf ein Minimum reduziert. Die Outdoor-liebenden Kalifornier sind aber nur ungern von ihren Strandausflügen und Küstenwanderungen abzuhalten und so kam es letztes Wochenende zu einer öffentlichen Rüge vom Gouverneur von Kalifornien, der zu strengerem “social distancing” appellierte. Was es für die lokale Wirtschaft bedeutet, ist sehr schwer abzuschätzen. Keiner der sonst so zukunftsorientierten Techies im Silicon Valley traut sich über die nächste Woche hinweg zu planen. 

Die Bay Area ist schon länger dabei, einen starken Wandel von Hardware zu Software-Unternehmen zu durchlaufen, und letztere haben zumindest kaum Einbußen bei der Produktivität der Angestellten. Allerdings sinken wegen der krisenhaften Wirtschaftssituation trotzdem die Umsätze fast aller Unternehmen. Das können die großen Tech-Giganten natürlich besser absorbieren als die kleinen Firmen und Startups, die als stark betroffene Unternehmer-Risikogruppen dem Virus zum Opfer fallen könnten.

Existenzängste in der Bay Area

Ein Problem teilen hier nämlich fast alle: Aufgrund der extrem hohen Mieten und Löhne, gibt es kaum einen anderen Ort auf der Welt, an dem die Burn-Rate höher sein könnte. „Was normalerweise durch das enorm rasante Wachstum im Silicon Valley ausgeglichen wird, führt in Zeiten wie diesen schnell zu Existenzängsten wegen eines kürzer werdenden “Runways”. Dementsprechend sind derzeit die Gründer vieler Startups damit beschäftigt, sich Strategien zu überlegen, wie Kosten gespart werden können, um sich lange genug über Wasser zu halten, bis die Krise vorüber geht und die Investoren bereit sind für die nächsten Finanzierungsrunden.

Anfangs wurde noch spekuliert, ob ein Energieprodukte-Hersteller wie Swift Solar als “essential business” gelten könnte, allerdings wurden wir, wie auch Elon Musk darauf hingewiesen, dass dies nicht so sei und auch nicht zielführend für die Einschränkung der Virusausbreitung ist. Auch wir haben deshalb sofortige Sparmaßnahmen veranlasst, um auf keinen Fall Mitarbeiter entlassen zu müssen und um so schnell wie möglich nach der Krise wieder im Vollbetrieb zu sein.

San Francisco im Lockdown. © Maximilian Hörantner
San Francisco im Lockdown. © Maximilian Hörantner

Sandhill Road bestimmt das Schicksal der Startups

Für andere gibt es diese Option leider nicht; schon jetzt haben viele kleine Lokale und Geschäfte den Konkurs angekündigt, was bestimmt zu einer Veränderung der Umgebung hier führen wird. Die amerikanische Regierung hat zwar kürzlich ein riesiges Stimulus-Paket von 2 Billionen (2 Trillion im Englischen) Dollar beschlossen. Zum jetzigen Zeitpunkt sieht es aber so aus, als ob Startups von den staatlichen Krediten nicht profitieren könnten, weil persönliche Haftungen vorausgesetzt würden. Eventuell könnte sich dies noch ändern, aber bis dahin wird das Schicksal allein von den Investoren der Sandhill Road bestimmt werden, die sich nun genau überlegen werden, auf welche Startups sie weiterhin setzen und welche aus dem Portfolio gestrichen werden müssen.

Was das Silicon Valley immer schon ausgezeichnet hat, ist seine unglaublich agile Art, sich an neue Situationen und Trends anzupassen. Die Silicon Valley Blogs verkünden, dass gute Unternehmer gestärkt aus einer Krise herauskommen oder die neue Situation für sich nutzen. Ein paar Gewinner haben sich bereits herauskristallisiert, so zum Beispiel geht es dem Videokonferenz-Anbieter Zoom besonders gut, genauso verzeichnen die gängigen Lieferdienste Rekordumsätze.

Das erst kürzlich aus Y Combinator geborene Startup tandem.chat bietet eine Plattform für die Online-Zusammenarbeit und ist deshalb in aller Munde. Aber auch einige lokale BioTech-Startups können mit ihren Technologien gegen den Virus ankämpfen. Opentrons hat im März bereits 50 COVID-19-Testroboter ausgeliefert, die 2.400 Tests pro Tag durchführen können. Höchstwahrscheinlich werden wir demnächst noch mehrere ähnliche Trendfirmen sehen.

Die hiesigen Technokraten sehen ungern tatenlos zu

Der amerikanische Optimismus und Pragmatismus führt zu rauchenden Köpfen vom Brainstorming über temporäre oder sogar permanente Veränderungen in andere Geschäftsbereiche („pivots“). Denn die hiesigen Technokraten sehen ungern tatenlos dabei zu, wie ihre Welt unkontrolliert zusammenbricht. Auch unser Team hat sich im Kleinen beteiligt, vereinfachte Beatmungsgeräte zu entwerfen, lokalen Geschäften mit ihrer Online-Präsenz unter die Arme zu greifen, oder einfach nur unsere letzten sehr willkommenen Vorräte an Laborhandschuhen, Schutzanzügen und Schutzmasken an die Spitäler zu spenden.

Normalerweise gibt es in unseren komplett durchgetakteten 12-Stunden-Tagen nicht viel Zeit für den weiten Blick abseits der Tech-Milestones, die das Vorankommen unseres Startups definieren. Derzeit gibt es die Möglichkeit die Perspektive zu wechseln, um den weiten Blick nicht zu verlieren und die nächsten Strategien genau zu planen. Natürlich hoffen wir auf eine Post-Corona-Zeit, in der die Karten neu gemischt werden und nachhaltigere Entscheidungen bei Konsumenten und Investoren getroffen werden. Bis dahin bleiben wir zu Hause, um unseren Beitrag zu der Abflachung der COVID-19 Kurve zu leisten.

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