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E-Health-Experte Meryn: „Wir verlieren bei der Digitalisierung v√∂llig den Anschluss“

Univ-Prof. Dr. Siegfried Meryn. © fotografiefetz
Univ-Prof. Dr. Siegfried Meryn. © fotografiefetz

Universit√§tsprofessor und E-Health-Experte Siegfried Meryn hat bereits gesehen, wie die Zukunft der Medizin aussehen k√∂nnte. „Ich habe das erste virtuelle Spital gesehen, das gar keine Patienten mehr hat“, sagt der bekannte Arzt im Gespr√§ch mit unserem Podcast-Host Martin Giesswein. Allerdings nicht in √Ėsterreich. In der neuesten Folge des Trending Topics Podcasts spricht er mit Martin Giesswein √ľber die Zukunft der Medizin, √ľber den Umbruch durch die Digitalisierung und wieso √Ėsterreich im E-Health-Bereich ganz sch√∂n nachhinkt.

Startups, Innovatoren, Neudenker: Im Trending-Topics-Podcast sprechen wir mit herausragenden Pers√∂nlichkeiten √ľber ihre Unternehmen und Challenges. Eine Couch, ein Mic ein Thema – wir blicken mit Experten hinter Kulissen. Von und mit den beiden Hosts Martin Giesswein und Max Lammer. Abonniere uns auf Spotify oder YouTube!

Martin Giesswein: Medizin und Digitalisierung, worin liegt hier der Nutzen und die Zukunft?

Siegfried Meryn: Das ist vielen Medizinern in Europa noch nicht so bewusst, aber es beginnt eine v√∂llig neue √Ąra der Medizin. Das klingt pathetisch, ist aber so. Wodurch kommt das zustande? Es ist die Konvergenz zwischen Informationstechnologie und Biotechnologie. Wir kommen in Situationen, die bis vor kurzem undenkbar waren, weil es nicht m√∂glich war, eine F√ľlle von unterschiedlichsten Daten zu analysieren und miteinander in Verbindung zu bringen. Im Jahr 2000 ist das Genom, also die Genstruktur des Menschen, entschl√ľsselt worden. Aber erst heute beginnen wir zu verstehen, was das bedeutet, wie komplex und differenziert das ist und was das alles f√ľr den menschlichen Organismus bedeutet. Jetzt sind wir dank der Informationstechnologie so weit, solche komplexen Daten in Beziehung zu anderen medizinischen Daten zu setzen. Ich bekomme dadurch Informationen, das ist atemberaubend. Das wird die Medizin in K√ľrze total ver√§ndern.

Ein simples Beispiel aus der Praxis: Es gibt von Google eine App, mit der ich unterscheiden kann, ob das auf meiner Haut ein harmloses Muttermal ist oder der gef√ľrchtete Hautkrebs, den man als Melanom bezeichnet. Diese Aussagekraft wurde gegen Top-Haut√§rzte in den USA getestet. Hunderttausende Bilder wurden verglichen und die Aussagekraft war besser. Das erm√∂glicht Menschen, die sich solche Untersuchungen nicht leisten k√∂nnen, die nicht in einer westlichen Gro√üstadt leben, eine qualitativ hochwertige Diagnose zu bekommen. Die Skandinavier sind sehr weit auf dem Gebiet. Patienten, die chronisch krank sind mit klassischen Zivilisationskrankheiten wie Zucker und Bluthochdruck, kann man mit einer einfachen App betreuen. Die Qualit√§t geht dabei oft dar√ľber hinaus, was derzeit in √Ėsterreich geschieht.

Wird der Arzt, die Vertrauensperson, durch eine Maschine ersetzt oder verdrängt?

Das ist eine ganz wichtige Frage, die viele bewegt. Der Arzt wird, denke ich, nicht ersetzt, aber wir m√ľssen die Rolle des Arztes und des Patienten v√∂llig neu definieren. Der US-Mediziner Eric Topol ist seiner Zeit da stark voraus und sein letztes Buch hatte den Titel: The patient will see you now. Bis jetzt hei√üt es im Wartezimmer ja immer ‚Äěthe doctor will see you now‚Äú. Die Patienten werden nicht verschwinden oder zuhause bleiben und auch der Patient muss sich nicht sorgen, nur noch mit einem Bot zu sprechen. Aber wir m√ľssen offen sein und die sinnvollen Dinge aus dieser Entwicklung herausfiltern. Die Qualit√§t der Medizin bekommt eine v√∂llig neue Dimension. Die Medizin von morgen wird durch drei Ps gepr√§gt sein: Sie wird pr√§zise sein, sie wird pr√§ventiv sein und sie wird personalisiert sein. Wenn wir beide Kopfschmerzen oder Bluthochdruck haben und ich gebe uns beiden in dem Augenblick das gleiche Medikament, greift das beim einen aber nicht unbedingt beim anderen. Es macht einen Unterschied, welche Rezeptoren man an der Zelle hat wie das Pr√§parat verstoffwechselt wird und so weiter.

Das klingt perfekt f√ľr das Gesundheitssystem. Wie sind die internationalen Trends, wie steht √Ėsterreich im internationalen Vergleich da?

Wir reden manches sch√∂n in diesem Land. Die √∂sterreichische Medizin und das Gesundheitssystem sind gut, aber nicht so gut, wie sie von sich selbst behaupten. Wir verlieren bei der Digitalisierung v√∂llig den Anschluss und sind international bestenfalls hinteres Mittelfeld. Die Gr√ľnde liegen in mehreren Ebenen. Wir haben in √Ėsterreich oft nicht die Offenheit technologischen Entwicklungen gegen√ľber. Teilweise haben wir sogar eine Technologiefeindlichkeit oder √ľbertriebene Skepsis. Wir haben in der Politik √ľberhaupt nicht begriffen, was Digitalisierung in der Medizin bedeutet. Die Schlagw√∂rter werden von allen in den Mund genommen, aber niemand ist bereit, die Infrastruktur entsprechend voranzutreiben. Ein klassisches Ph√§nomen in der Gesundheitspolitik aber auch in der Digitalisierung ist, wir wollen international Spitze sein, glauben aber, das geht ohne Investitionen. Es fehlt das Verst√§ndnis, dass man Geld einsetzen muss.

Medizin und Forschung ist nur noch mit Netzwerken auf h√∂chstem Level m√∂glich. Man muss Top-Leute nach √Ėsterreich holen. Warum soll ein Superstar auf dem Gebiet aus Stanford, Oxford, Cambridge oder Harvard nach Wien kommen. Was auch fehlt, ist ein gewisser offener Fluss zwischen Forschung, Industrie und Wirtschaft. Das Akademische schottet sich ab und ist nicht bereit, mit Unternehmen eng zusammenzuarbeiten wie das in anderen L√§ndern funktioniert. Ein Beispiel: Warum sitzt Google in Z√ľrich und kooperiert mit der ETH Z√ľrich und schafft dort 8.000 Arbeitspl√§tze und zieht auch noch andere gro√üe Unternehmen nach? Wir haben in Wien auch die TU und die Meduni, die hervorragend sind. Und Wien ist ein wesentlich spannenderer Ort als Z√ľrich. Was wir aber nicht geschafft haben ist, Voraussetzungen zu schaffen, dass internationale Gro√ükonzerne bereit sind, Geld¬† in die Hand zu nehmen und hier Standorte zu entwickeln.

Wie sieht es mit der Umsetzung in √Ėsterreich aus? Ich kann mir vorstellen, dass dir der Aufbau eines digital health √Ėkosystems in √Ėsterreich am Herzen liegen w√ľrde.

Keine Frage! Ich nenne jetzt aus der Medizin kommend nur einen Namen, Julius Tandler. Ein Gro√üteil des Sozialen in Europa hat vor Hundert Jahren seinen Ausgang von Wien aus genommen. Wien ist eine attraktive Stadt. Bis vor 20 Jahren wurde man √ľberlaufen, wenn man an einer Universit√§t einen Lehrstuhl ausgeschrieben hat. Heute ist das nicht mehr so. Da muss man sich in den Spiegel schauen und fragen, warum? Unsere Universit√§ten sind gut, viele junge Forscher aus √Ėsterreich kommen im Ausland an Top-Universit√§ten in der Forschung unter, kommen aber nicht zur√ľck. Wir haben wirklich helle K√∂pfe, verlieren sie aber. Was m√ľssen wird machen, damit Wien nicht nur die lebenswerteste Stadt ist, sondern auch die Forschungseinrichtungen attraktiver werden?

Das eine ist, Geld zur Verf√ľgung zu stellen, das andere sind Infrastrukturen und das Dritte sind Rahmenbedingungen. Ich muss es leichter machen, dass Top-Forscher mit ihren Familien hierher kommen k√∂nnen und nicht sechs Monate in irgendeinem b√ľrokratischen Wirrwarr die Lust verlieren. Ich sehe auch Chancen, dass wir in einem engen Bereich auch die F√ľhrungsrolle √ľbernehmen k√∂nnen – etwa bei K√ľnstlicher Intelligenz. Die Konkurrenz ist aber gro√ü. In Helsinki gibt es Forschungskooperationen mit Nokia. St√§dte nehmen Summen von 100 Millionen Euro in die Hand, um entsprechende Voraussetzungen zu schaffen.

Wenn wir uns in f√ľnf Jahren wieder treffen und zur√ľckblicken, was wird sich alles getan haben?

Nothing about me, without me – wir werden den ‚Äěrise of the smart patient‚Äú sehen. √úber Wearables kann man jetzt noch l√§cheln. Da wird aber der Schmarren wegfallen und die Leute werden sehr viel mehr √ľber sich wissen. Ich war gerade in Toronto und habe das erste voll digitalisierte Spital gesehen. Ich habe in den USA das erste virtuelle Spital gesehen, das gar keine Patienten mehr hat. Ich erwarte mir hier mit einer gewissen Zeitverz√∂gerung, dass es eine Art Health Hub gibt und dass es das Spital in f√ľnf bis zehn Jahren nur noch f√ľr die akuten schweren Unf√§lle geben wird. Es w√§re sch√∂n, wenn wir mit den √∂sterreichischen Spit√§lern an der Spitze dabei w√§ren.

Es wird auch ein v√∂llig neues √Ėkosystem geben. Das was wir jetzt kennen: Pharmaindustrie, Spit√§ler, √Ąrztekammer, dieses Zusammenspiel ist nicht mehr zukunftstr√§chtig. Da werden sich v√∂llig neue Bereiche entwickeln und neue Konstellationen entstehen. Was √Ėsterreich und Wien in f√ľnf bis zehn Jahren betrifft, bin ich bedauerlicherweise Realist. Ich sehe in einem Gro√üteil der √∂sterreichischen Spit√§ler die Problematik, dass man in einem Land mit neun Bundesl√§ndern und einem derart uneinheitlichen Gesundheitssystem noch nicht verstanden hat, dass es im Digitalen eine Plattform braucht, auf die wir alle drauf m√ľssen. Nicht jeder kann hier ein eigenes √Ėkosystem aufbauen. Nur mit einer einzigen Plattform kommt der Nutzen der ganzen Daten √ľberhaupt zum Tragen. Spit√§ler tauschen Daten heute noch h√§ufig per Fax aus.

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