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Buchempfehlung

Wie die Token Ökonomie das Internet retten könnte

Shermin Voshmgir: Token Economy © Voshmgir
Shermin Voshmgir: Token Economy © Voshmgir

„The internet we have today is broken“, schreibt Blockchain-Expertin Shermin Voshmgir in ihrem neuen Buch über die „Token Economy“. Die Lösung sei das „Web3“, das auf der Blockchain-Technologie basiert. Dadurch werde es möglich, dem Internet eine neue Ebene hinzuzufügen, die Daten-Transaktionen von Nutzer zu Nutzer ermöglicht. „Obwohl es das Internet seit 30 Jahren gibt, basiert die Datenarchitektur nach wie vor auf einem Client-Server-Modell“, schreibt Voshmgir. „Wenn wir mit dem Internet interagieren, schicken wir jedes Mal Daten an einen Service Provider (wie Amazon, Facebook, u.ä., Anm.) und verlieren in dem Moment die Kontrolle über diese Daten“. Das Web3 beschreibt die Autorin als Heilmittel für diese viel diskutierte Eigenschaft des Internets. Und Tokens seien die „Killer App“ dieses Internets der Zukunft.

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Bitcoin ist wohl das prominenteste Beispiel für Tokens. Es ist aber nur die Spitze des Eisbergs und das Buch gibt einen umfassenden Einblick, was Tokens leisten können. Denn nur ein Teil der Token-Welt besteht aus „Kryptowährungen“, ein Begriff, den Voshmgir am liebsten überhaupt streichen würde. Er sei irreführend, da diese „fungiblen Tokens“ eben nicht alle Eigenschaften von Geld erfüllen. Viel spannender seien aber ohnehin die „nicht fungiblen“ Tokens.

Von Crypto Kitties zu „fractional ownership“

Dabei handelt es sich um Tokens, die nicht austauschbar sind, da jeder einzelne andere Eigenschaften hat. Ins Zentrum des Interesses sind diese Tokens 2017 mit einem Spiel gerückt: Crypto Kitties. Spieler sammeln Katzen, also genau genommen Tokens mit individuellen Eigenschaften von unterschiedlichem Wert. Nicht fungible Tokens ermöglichen aber unzählige Use Cases, von denen die meisten wohl erst in Zukunft entwickelt werden müssen. Sie können Zugriffs- oder Zutrittsrechte regeln, sie ermöglichen „fractional ownership“, also den Besitz eines vielleicht nur winzigen Anteils an einem wertvollen Gegenstand wie Kunst oder einer Immobilie und sie können beispielsweise eingesetzt werden, um persönliche Dokumente zu repräsentieren.

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Das Buch „Token Economy. How Blockchains and Smart Contracts Revolutionize the Economy“ bietet eine umfassende Einführung auch in die Grundlagen der Blockchain-Technologie, erklärt unterschiedliche Arten von Tokens und in einem umfangreichen Kapitel auch ganz konkrete Anwendungsfälle.

Für wen ist das Buch geschrieben?

Shermin Voshmgir: Die Zielgruppe sind alle an der Technologie interessierten Menschen, egal, welchen Background sie haben. Ich denke vor allem an Meinungsmacher, die aus den unterschiedlichen Domänen kommen: Wissenschaftler, Policy Maker, Unternehmensberater, Entscheider in Organisationen oder auch Studierende. Es ist sehr interdisziplinär und spricht einerseits über die Technologie, andererseits über die sozioökonomischen Auswirkungen und die Anwendungsfälle. Weil das Publikum so breit gefasst ist, war es auch eine Herausforderung, dieses Buch zu schreiben. Die Frage ist ja, ob sich jemand langweit, der sich bereits mit dem Thema beschäftigt hat. Ich denke nicht. Ich habe das Feedback bekommen, dass es dann doch immer etwas Neues gibt, selbst für Leute, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen.

Warum soll sich ein so breites Publikum mit diesem Nischenthema beschäftigen?

Wir haben jetzt die Möglichkeit, in so einem frühen Stadium die Entwicklung dieser Technologie mitzugestalten. Dafür muss man aber wissen, wie das Internet funktioniert und wie das neue Internet funktioniert. Dazu muss ich mich mit der Technologie auseinandersetzen. Deshalb habe ich das Buch geschrieben. Meine Motivation war, dass Menschen informiertere Entscheidungen treffen können. Für die Leute, die verstanden haben, wie das Internet funktioniert, war es keine Überraschung, dass es zu Fällen wie Cambridge Analytica kam. Das war vorhersehbar. Die große Empörung in den Medien war für mich völlig unverständlich. Wir haben 2019 und wir lehren in den meisten Ländern nach wie vor nicht Programmieren in der Schule. Das ist ein großes Problem. Und es ist für mich völlig unverständlich. Jegliche wirtschaftliche und soziale Interaktion passiert heute auf dem Internet, die meisten Menschen wissen aber maximal, wie sie das Internet bedienen und nutzen können und nicht, wie es im Hintergrund funktioniert. Dadurch können sie es nicht mitgestalten und keine Entscheidungen treffen.

Du hast ein Buch über ein Thema geschrieben, bei dem sich quasi täglich die Neuigkeiten überschlagen. Vor welchen Herausforderungen bist du dabei gestanden?

Ich habe versucht, das Buch in sehr kurzer Zeit zu schreiben. Ich habe natürlich gesehen, dass sich die Ereignisse überschlagen. Die grundsätzlichen Mechanismen, wie man über das Internet agiert und wie man Tokens verwendet, werden aber glaube ich halten. Es bleibt also dennoch eine Inspiration, auch, wenn es vielleicht die eine oder andere Firma nicht mehr geben wird oder der eine Mechanismus mit dem anderen Mechanismus ersetzt wird. Blockchain und Tokens als Anwendungsfall der Blockchain sind ein sozioökonomischer Gamechanger. Ich habe versucht, das so neutral wie möglich über unterschiedlichste Beispiele zu vermitteln. Es war aber tatsächlich eine Herausforderung und es wird relativ rasch eine neue Auflage geben. Drei Tage nachdem das Buch in den Druck gegangen ist, hat Facebook den Libra Token angekündigt. Die Version, die du gelesen hast, hat den Libra Token noch nicht drinnen, aber weil ich auf Amazon mit „print on demand“ publiziere, habe ich bereits eine modifizierte Version hochgeladen. Dort ist im Anhang schon ein kleines Kapitel über Libra zu finden. Durch „print on demand“ kann ich Updates relativ rasch publizieren.

Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, die Macht zentraler Plattformen wie Amazon, Airbnb und Co. ein wenig zu zerstreuen. Diese Plattformen sind aber so erfolgreich, weil sie so bequem sind. Kann ein dezentrales Internet bequem genug sein, um massentauglich zu werden?

Es stimmt natürlich, dass es noch Hürden zur Verbreitung der Technologie gibt und eine davon ist die Usability. Es muss ganz einfach zu nutzen sein. Letztendlich sollte es für den User keinen Unterschied machen, welche Datenstrukturen im Hintergrund ablaufen. Nur dann wird sich die Technologie auch weit verbreiten. So weit sind wir noch nicht und es fehlt noch an vielen Netzwerkeffekten. Aber Libra ist ein Zeichen. Wenn ein Internetgigant wie Facebook sich auf das Thema setzt und eigene Wallets programmiert, wird das auch mit einer guten Usability einhergehen. Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit. Die Internetplattformen werden nicht gänzlich abgeschafft, nur viele ihrer Funktionen werden obsolet. Und dann stellt sich natürlich die Frage, womit sie Geld verdienen. Die Suchmaschinenfunktion wird von der Datenverwaltungsfunktion entkoppelt. Damit kann jeder eine Suchmaschine auf öffentlichen Daten bauen. Ein Beispiel dafür ist Steemit. Die Leute, die die Daten verwalten, haben nicht mehr das Monopol auf diese Daten. Ich werde in Zukunft also leichter von Amazon zu einem Konkurrenten switchen können, weil meine ganzen Daten nicht auf deren Servern sind. Die nächsten Jahre werden spannend. In den nächsten zwei drei Jahren wird das Thema sicher an Fahrt aufnehmen, wenn gewisse Netzwerkeffekte bereits da sind.

Können wir die aktuell größten Probleme des Internets, Privacy und Fake News, mit Tokens lösen?

In der nächsten Auflage des Buches wird es ein eigenes Kapitel zu Privacy Tokens geben. Privacy hängt davon ab, welche Verschlüsselungsverfahren wir in diesen Protokollen verwenden und wie das Datendesign in den Anwendungen umgesetzt wird. Das sind wichtige Fragen, die man im Detail klären muss. Wichtig sind Zero-Knowledge-Proof-Verfahren, auf die ich im Buch hinweise. Die ermöglichen Big Data mit verschlüsselten Daten. Damit bleiben die vielen tollen Internetanwendungen möglich, aber ohne auf die privaten Daten zuzugreifen. Es sieht so aus, als würde das neue Internet genau in diese Richtung gehen. Sehr viele neuere Blockchains setzten bereits auf diese Art der Verschlüsselung. Es geht in die richtige Richtung, aber man muss sich dafür einsetzen. Reputation ist auch ein wichtiges Thema. Das ist allerdings auch der heilige Gral von verteilten Systemen. Angriffsresistente Reputationssysteme sind sehr schwierig zu lösen. Das ist ein sehr großes angewandtes Forschungsfeld. Wenn wir das lösen, dann könnten wir dazu beitragen, Fake News zu verhindern.

Du schreibst, dass Blockchain zu einer „sharing economy on steroids“ führen könnte. Welche konkreten Herausforderungen der Sharing Economy könnten gelöst werden?

Ich brauche derzeit einen Provider, der mir diesen Sharing-Economy-Dienst zur Verfügung stellt. Wie zum Beispiel die Firma Uber. Indem ich diesen Intermediär brauche, der diesen aufwändigen Verwaltungsprozess im Hintergrund hat, sind die Kosten auch sehr hoch. Viele Anwendungsbeispiele sind auch gar nicht machbar. Die Datenstrukturen im Hintergrund müssen sich ändern. Dann wird zum Beispiel ein Sharing von Nachbar zu Nachbar möglich. Ein Beispiel wäre die Bohrmaschine. Wie oft brauche ich in meinem Leben eine Bohrmaschine? Trotzdem hat jeder Zweite eine Bohrmaschine zuhause.

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