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Sepp Hochreiter

AI-Pionier: „Würde es wirklich intelligente KIs geben, die würden sofort die Erde verlassen“

KI-Experte Sepp Hochreiter ist Professor an der Johannes Kepler Universität Linz. © JKU
KI-Experte Sepp Hochreiter ist Professor an der Johannes Kepler Universität Linz. © JKU

Wer in Österreich über Künstliche Intelligenz reden will, der kommt an Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der 1967 in Deutschland geborene KI-Forscher leitet seit 2006 das Institut für Bioinformatik an der Johannes Kepler Universität (JKU) in Linz und gilt nicht nur in Österreich, sondern international als Koryphäe auf dem Gebiet. Bereits in den 1990ern, als noch kaum jemanden das Thema interessierte, entwickelte er das so genannte LSTM-Netz (Long Short-Term Memory), das heute maßgeblich zum KI-Boom beiträgt.

Nicht nur Google, Microsoft, Facebook, Tesla, Amazon, sondern auch Autohersteller und Pharmakonzerne wollen mittlerweile seine Forschungsergebnisse lesen und mit ihm zusammen arbeiten. Hochreiters Ruf ist so gut, dass er 2017 ob guter Angebote überlegte, Österreich zu verlassen ins Ausland zu gehen. Der JKU gelang es schließlich, den KI-Experten zu halten und ihn weiter in Linz an Artificial Intelligence, Machine Learning und Deep Learning forschen zu lassen.

Mit Trending Topics hat Hochreiter über seine Kooperationen mit Pharmakonzernen und Autobauern, die Dystopien rund um Künstliche Intelligenz und Spin-offs der Universität gesprochen.

Trending Topics: Sie forschen schon ziemlich lange an Künstlicher Intelligenz und gelten weltweit als Koryphäe auf dem Gebiet. Wer baut auf Ihren Erkenntnissen auf?

Sepp Hochreiter: Apple, Google, Microsoft, Facebook, die nehmen all meine Technologien her, auch Amazon ist da sehr interessiert daran. Ich bin bekannt wie ein bunter Hund, weil alle großen IT-Firmen ihr Business darauf aufbauen. Das, was ich erfunden habe, hat lange keinen interessiert, bis man draufgekommen ist, dass die Technologie für die Sprach- und Textverarbeitung sensationell bessere Ergebnisse liefert. Wenn wir neue Sachen publizieren, dann sind die Leute sehr interessiert daran. Dann ruft Elon Musk an, und seine Firma Tesla, die  Elektroautos produziert, geht sehr stark in Richtung AI.

Was ist der nächste Schritt für Künstliche Intelligenz, wo wird sie zum Einsatz kommen?

Wir haben mit vielen Pharmakonzernen Partnerschaften, weil die ihre Forschung komplett auf KI umstellen. Bisher hatte man das Problem bei der Medikamentenentwicklung, dass oft Nebenwirkungen auftreten oder ihre Wirksamkeit nicht hoch genug war. Mit KI kann man das in einer sehr frühen Phase vorhersagen. Die Entwicklung von neuen Medikamenten kostet oft Milliarden und dauert viele Jahre. Wenn man da erst sehr spät draufkommt, dass etwas nicht passt, hat man viel Geld und Zeit verloren.

Sie haben Tesla erwähnt. Wie kommt die Branche mit KI und selbstfahrenden Autos voran?

Wir haben mit Audi in Linz ein Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz eingerichtet, und es gibt noch andere Firmen, die anstehen. Etwa die Autozulieferer ZF oder Bosch oder die Deutsche Post. Die stehen gerade unter enormen Druck von Amazon, und deswegen sucht die Post neue Geschäftsmodelle. Die Autozulieferer sind wegen dem Trend zum Elektroauto in großer Panik, weil sie Angst haben, dass etwa ihre Getriebe künftig nicht mehr wichtig sind. Diese Firmen würden alle gerne 50 oder mehr PhD-Stellen einrichten oder Startups ausgründen. Aber in Österreich haben wir gar nicht genug Leute dafür, aber wir wollen neuen Fachkräfte hierher bringen.

Bleiben wir kurz bei der Personalfrage: Finden sie nicht genug Talente in Österreich?

Es sind keine guten Leute mehr auf dem Markt. Startups haben mir schon die besten Mitarbeiter rausgekauft, die zahlen mehr als ein normales Professorengehalt. Es ist sehr schwierig, die Mitarbeiter zu halten, auch Google oder Uber sind sehr aggressiv beim Abwerben.

Das klingt so, als würden Sie Forschung und Lehre treu bleiben wollen.

Natürlich, dafür habe ich mich entschieden. Im Silicon Valley könnte ich viel Geld verdienen, aber ich wollte was Interessantes machen und bin deswegen an der Uni geblieben. In meiner Vorlesung mache ich immer den Witz, dass das eine sehr gefährliche Veranstaltung ist, weil die Studenten in der Zukunft sehr viel Geld verdienen könnten, und Geld den Charakter verderben kann.

KI-Experte Sepp Hochreiter ist Professor an der Johannes Kepler Universität Linz. © JKU
KI-Experte Sepp Hochreiter ist Professor an der Johannes Kepler Universität Linz. © JKU

Sie haben offenbar enorm viele potenzielle Kunden. Warum machen Sie nicht ein Spin-off, gründen ein Unternehmen aus der Universität heraus?

Es werden demnächst einige solcher Spin-offs an die Öffentlichkeit gehen. Ich selber habe aber nicht die Zeit, so ein Spin-off zu betreuen, und es gibt hier wie gesagt auch nicht genug Leute, um so eine Firma zu machen. Es gibt aber verschiedene Überlegungen,Spin-offs im Bereich Mobility zu machen, um das selbstfahrende Auto in Europa zu pushen. Die großen Firmen wie Daimler, BMW oder VW sind uns zu langsam. Mit guten Leuten kann man das schneller machen als all diese großen Automobilfirmen. Allerdings gibt es ab Mai eine neue Datenschutzverordnung, das ist ein Hemmschuh.

Wenn Sie auf Spin-offs verzichten, wie verdienen Sie mit Ihren Forschungsergebnissen sonst Geld?

Nachdem wir an der Uni sind, können wir nur Forschung und Lehre anbieten. An Lehre ist kaum jemand interessiert, aber es gibt viele Firmen, die Forschungsprojekte finanzieren. Ich kann es mir erlauben, ziemlich harte Regeln gegenüber den Unternehmen aufzustellen, weil wir in Europa zu den Besten gehören.

Kommen wir zur Künstlichen Intelligenz selbst. Warum ist KI derzeit so ein Trend?

Eine KI ist eine Maschine mit kognitiven Fähigkeiten wie Menschen. sie können ihre Umgebung wahrnehmen, dazulernen, planen, und die Welt manipulieren, um ein Ziel zu erreichen. Das ist ein sehr breites Gebiet, und ich bin im Bereich von Machine Learning. Warum dieser ganze Bereich jetzt so boomt, ist Deep Learning, also das Lernen mit neuronalen Netzen. Diese künstlichen neuronalen Netze werden dem natürlichen neuronalen Netz, also dem menschlichen Gehirn nachempfunden. Diese künstlichen neuronalen Netze gibt es schon lange, ich werde dabei als Pionier des Deep Learning gehandelt. Was heute aber anders ist, sind die schnellen Computer und neuen Grafikkarten, die das berechnen können. Früher hatte ich ein paar hundert synaptische Verbindungen, heute sind es Abermillionen. Früher habe ich vier, fünf Neuronen zusammen geschaltet, heute kann ich Zehntausende zusammenschalten. Und ebenfalls wichtig: Es gibt heute diese großen Datenmengen, Big Data, mit denen man die Rechner füttern und neuronale Netze lernen kann.

Stichwort Big Data und die EU-Datenschutzverordnung, die Sie als “Hemmschuh” bezeichnet haben. Kann man Künstliche Intelligenz dann noch in dem Umfang wie heute betreiben?

China zeigt uns jetzt schon die lange Nase, auch Firmen in Russland sehen die Probleme nicht so, wie wir sie sehen. Die General Data Protection Regulation (GDPR) ist auch gut, um die Leute zu schützen, aber es ist ein Problem, die Entwicklung von KI weiter voranzutreiben. Man hat jetzt sehr viele bürokratische und rechtliche Hürden. Ich sehe Problem bei Medizin und im Krankenhaus, dort wird es gefährlich, diese KI-Methoden zu verwenden. Wenn eine medizinische Entscheidung getroffen wird, will man wissen, warum sie getroffen wurde, aber das Warum ist bei neuronalen Netzen schwierig zu beantworten. Das ist der Trade-off: Wenn man Systeme will, die besser als der Mensch funktionieren, etwa bei der Hautkrebserkennung, dann sind die für den Menschen nicht mehr leicht zu verstehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Forschung nicht total eingeschnürt wird von irgendwelchen Bestimmungen.

Sie haben Elon Musk angesprochen, der immer wieder vor KI warnt. Teilen Sie seine Befürchtungen?

Musk macht sehr viel Propaganda, scheint aber wenig Hintergrundwissen zu haben.

Aber teilen Sie die Befürchtungen?

Es gibt diese Science-Fiction-Filme wie “Terminator” oder “Matrix”, in denen die Maschinen die Menschen versklaven. Aber das ist doch völliger Unsinn! Bei Matrix werden die Menschen als Batterien verwendet. Aber wie bitte kann etwas, das sich als intelligent bezeichnet, Menschen als Batterien verwenden? Es gibt doch viel bessere Batterietechnologien, so ein Blödsinn. Oder diese Dystopien, in denen sich die Roboter mit den Menschen bekriegen, das ist doch auch völliger Blödsinn. Die Menschen leben in der dünnen Biosphäre, aber für die KIs ist die total schädlich. Die rosten da drinnen, die Biosphäre ist das allerschlechteste für die. Würde es wirklich intelligente KIs geben, die gescheiter sind als wir Menschen, die würden sofort die Erde verlassen und im Asteroidengürtel Mineralien abbauen. Wieso sollten sich die KIs mit Menschen um Ressourcen streiten, die sie gar nicht brauchen? Die brauchen doch keine gelbe Rübe oder Gurke, die brauchen Energie, und die finden sie anderswo besser.

KI-Experte Sepp Hochreiter ist Professor an der Johannes Kepler Universität Linz. © JKU
KI-Experte Sepp Hochreiter ist Professor an der Johannes Kepler Universität Linz. © JKU

Also fürchten wir Künstliche Intelligenz zu Unrecht?

Wir Menschen haben einen ganz starken selektiven Druck auf die KI. Wir haben evolutionär überlebt, weil wir uns anpassen, aber bei KIs ist das völlig anders. Die Menschen bestimmen, welche KI vervielfältigt wird, und wenn eine KI Ärger macht, dann werden wir sie löschen und abschalten. Dass sich die KI ohne Zutun des Menschen vervielfältigt, das sehe ich überhaupt nicht. Die haben ja keinen Überlebensdrang, sie sind nicht aus der Natur hervorgegangen.

Es gibt auch andere Ängste. Werden KIs den Menschen mittelfristig die Jobs wegnehmen?

Das fürchte ich nicht. Wenn eine KI meine Diagnose viel besser als der Arzt macht, dann bin ich dafür, dass sie das übernimmt. Die Therapie muss der Arzt auf jeden Fall in der Hand behalten. Z.B. bei Hautkrankheiten hat eine KI  viele Millionen Fälle von Hautkrebs gesehen, ein Arzt vielleicht nur wenige Hundert. Natürlich fallen Jobs weg, so klassische, repetitive, langweilige Arbeiten. Aber es werden neue Jobs dazukommen. Man wird die Daten für die Maschinen aufbereiten müssen, man wird KIs anlernen und überwachen müssen. Und die neuen Jobs werden auch viel interessanter sein, da Maschenbediener nun zu Lehrern der KI werden und sich auf die interessanten Sonder- und Ausnahmefälle konzentrieren könnne. Maschinen sind besser bei den langweiligen Jobs.

Was wird eine KI niemals können?

Eine Maschine wird nie Empathie haben oder Liebe empfinden, um zu verstehen, wie ein Mensch fühlt, muss man ein Mensch sein. Sie wird nie Hunger empfinden können, weil sie nie Hunger hatte. Die KI wird sich nie in einen Menschen hineinversetzen können. Umgekehrt genauso: Der Mensch wird sich nie in eine Maschine hineinversetzen können.

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