Analyse

Manipulationen, Prestige, Geld: Warum Twitter keine Share-Zahlen mehr beim Tweet-Button herzeigt

Der neue Tweet-Button ohne Zähler.
Der neue Tweet-Button ohne Zähler.

Aufmerksame Internetnutzer werden es schon bemerkt haben: Die Share-Knöpfe von Twitter, die in Millionen Webseiten eingebaut sind, zeigen seit dem Wochenende keine Zahl mehr, die darüber Auskunft gibt, wie oft der Link der Webseite bei Twitter geteilt wurde. Auch Zähler, die Share-Zahlen von Twitter, Facebook, Google+ etc. aggregieren (wie z.B. hier auf TrendingTopics.at über den Dienst Mashshare) sind davon betroffen und können keine Twitter-Kennzahlen mehr mitberechnen. Der Grund: Am 20. November hat Twitter wie angekündigt die Count-API abgedreht, über die man die Zahl der Shares und Retweets auslesen konnte.

Offizieller Grund ist, dass man sich im Zuge des Wechsels der Datenbank (von Cassandra auf die hauseigene Manhattan) dafür entschieden habe, aus Zeit- und Kostengründen keine Share-Zahlen mehr anzubieten. Außerdem, so Twitter-Produktmanager Michael Ducker, sei die Funktion sowieso nie offiziell gewesen und hätte zudem falsche Zahlen gezeigt. Weil Replies, Zitierungen und Variationen einer URL nicht mit eingerechnet worden waren, hätte die Zahl keine Aussage über die echte Popularität eines Links und Größe der Twitter-Konversation darüber gehabt.

Die wahren Beweggründe

Diese Gründe kann man Twitter erst einmal glauben, muss man aber nicht. Das Argument, dass die Tweet-Buttons falsche Zahlen zeigen, ist fadenscheinig, da die börsennotierte Firma aus San Francisco es schließlich in der Hand hat, die richtigen Zahlen zu berechnen. Vielmehr dürfte es um andere Dinge gehen. Einer heißt Facebook: Der Tweet-Button (ab sofort ohne Zahl, dafür in hellblau) ist in Millionen Webseiten neben dem Like-Knopf des führenden Social Networks verbaut – und das ist Twitter wohl zu viel der Transparenz. Denn meistens zeigt der Like-Knopf eine viel höhere Zahl der Interaktionen an als der von Twitter, wodurch der Kurznachrichtendienst sehr oft als der kleinere Social-Media-Dienst dasteht, über den sich Inhalte nicht so weit verbreiten.

Dazu muss man aber auch wissen, wie der Like-Knopf von Facebook funktioniert: Die Zahl rechnet nicht nur Likes, sondern auch Shares und Kommentare ein – dadurch wird die Zahl von Facebook künstlich erhöht. Im schlimmsten Fall bedeutet das: Wenn auf einer Webseite (z.B. unter einem Blogpost) 100 Likes angezeigt werden, kann das auch bedeuten, dass der Artikel auf Facebook 100 negative Kommentare bekommen hat. Außerdem ist es, das wissen Kenner, sehr einfach möglich, die Like-Zahl mit Tricks zu erhöhen, damit es nach mehr aussieht. Bei MacNotes.de ist man deswegen der Meinung, dass auch Facebook, Google+ und Co ihre Zählwerke abstellen, weil diese Außenstehende fehlleiten und sie zu falschen Annahmen über die Popularität eines Artikel verleiten würden.

Es geht natürlich ums Geld

Scheinbar kleine, aber eigentlich weitreichende Entscheidungen wie die, die Twitter jetzt getroffen hat, haben immer eine wirtschaftliche Komponente. In diesem Fall heißt sie Gnip. Gnip ist eine Tochterfirma von Twitter, die der Kurznachrichtendienst 2014 um 134 Mio. US-Dollar aufgekauft hat. Ihr Business: Sie analysiert Twitter-Daten und verkauft diese an Firmenkunden, die darauf über APIs zugreifen können. Social-News-Dienste wie 10000flies aus Deutschland und Storyclash aus Österreich haben bis Ende letzter Woche auf die Share-Count-API zugegriffen, um zu berechnen, wie sich Artikel von Online-Medien bei Twitter verbreitet haben.

Wollen sie das auch zukünftig tun, dann müssen sie Kunde von Gnip werden – und das kostet ordentlich. Selbst von kleinen Start-ups verlangt die Twitter-Tochter zwischen 3000 und 5000 US-Dollar pro Monat. „Wir sind derzeit mit Twitter in Kontakt und prüfen die Möglichkeiten. Zusätzlich arbeiten wir an einer Lösung, die weiterhin bestehende REST-API einzubinden. So können wir wieder Twitter-Daten für unsere Insights-Kunden anzeigen“, sagt Andreas Gutzelnig, Gründer von Storyclash. Auch er sieht den den Grund für das Abdrehen der API als Versuch, mehr Umsatz zu machen: „Die API verursacht hohe Serverkosten, diese will Twitter jetzt monetarisieren und Unternehmen zur Kasse bitten. Das bringt Umsätze, die braucht Twitter derzeit auch dringend, die Aktie steht stark unter Druck.“

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