Reportage

Runtastic: Das Start-up mit den Fitness-Apps entwickelt sich zu einer Big-Data-Firma

Immer sportlich und immer für einen Spaß zu haben: Runtastic-CEO Florian Gschwandtner macht Handstand im Office im oberösterreichischen Pasching. © Jakob Steinschaden
Immer sportlich und immer für einen Spaß zu haben: Runtastic-CEO Florian Gschwandtner. © Jakob Steinschaden

Wer Österreichs erfolgreichstes Mobile-Start-up besuchen möchte, muss in die Paschinger PlusCity fahren. Hat man es an Elektrohändlern, Fashion-Stores und Kaufhaus-Gastro vorbeigeschafft, landet man irgendwann im fünften Stock von Österreichs viertgrößtem Einkaufszentrum – das Reich von Runtastic. Ein Monitor gleich beim Eingang dient der Machtdemonstration: Er zeigt in Echtzeit an, wie viele Apps des oberösterreichischen Start-ups bis dato geladen wurden, bald wird er die 120-Millionen-Marke sprengen. Wobei – Start-up: Runtastic, das sich seinen Namen mit Smartphone-Apps zum Laufen, Radfahren, Liegestütz-Machen oder Messung der Herzfrequenz gemacht hat, ist eigentlich zur Softwarefirma gewachsen.

110 Mitarbeiter, 50,1 Prozent an Axel Springer verkauft, profitabel, und CEO Florian Gschwandtner macht sich weniger Gedanken um neue App-Features als vielmehr um „Strukturen und Prozesse.“ Und er hat eine neue Herausforderung: Er muss aus den App-Käufern, die eine einmalige Gebühr für die Smartphone-Software berappen, monatlich zahlende Abonnenten machen, um Runtastic auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell umzustellen.

Wo die Daten zusammenfließen

„Wir sind keine App-Firma mehr, wir sind schon jetzt breiter. Wir sehen uns als Full-Service-Provider im Fitness-Bereich“, sagt Runtastic-CTO Christian Kaar, der die Firma gemeinsam mit Gschwandtner, René Giretzlehner und Alfred Luger 2009 gegründet hat. Kaars Reich, wenn man so will, sind die Großraumbüros, in denen die Mitarbeiter (etwa 30 Prozent weibliche) in kleinen Teams (zum Beispiel iPhone, Android, Design) an den App-Produkten, der Hardware (es gibt mittlerweile auch Fitness-Tracker, Gesundheitswaagen und GPS-Uhren mit dem Logo der Firma)  und dem zentralen Fitness-Portal tüfteln. Und auch Kaar hat eine neue Challenge: das Data-Warehouse-Projekt. „Die Nutzerdaten sind alle in unserem Datencenter in Wien und nicht irgendwo in der Cloud auf der Welt verstreut“, sagt Kaar.

Das Ziel ist, diese Daten zusammenzuführen und dem Nutzer über eine zentrale App zugänglich zu machen. „Die Runtastic-Me-App soll der zentrale Hub ­werden, in die alle anderen Apps hineinspielen. Sie soll alle eigenen Aktivitäten und die Aktivitäten der Freunde mit Runtastic in einer App abbilden“, so Kaar. Und damit nicht genug: Runtastic, das Daten wie Routen, Alter, Geschlecht, Größe, Gewicht, Herzfrequenz oder Kalorienverbrauch seiner Nutzer verarbeitet, ist dabei, sich zur Big-Data-Firma zu wandeln. „Für uns wird Big Data sehr wichtig. Man kann sehr spannende Informationen aus den Daten ziehen und dem Nutzer zur Verfügung stellen“, sagt Gschwandtner. „Wir sind jetzt stark im Tracking-Bereich verankert, aber die Reise geht in Richtung Predictive Data, wo wir voraussagen können: Wenn du diese Aktivitäten machst, erreichst du in fünf Wochen dieses Ziel.“

Virtueller Fitness-Coach im Monatsabo

Runtastic soll zum ultimativen digitalen Fitness-Coach werden, der dem User Anleitung via Smartphone gibt. So könne man etwa aus den Werten ähnlicher Nutzer berechnen, welchen Trainingsplan eine Person braucht, um 20 Kilo abzunehmen, oder erkennen, ob jemand fitter ist, wenn er täglich eine Stunde mehr schläft. Außerdem könne man aus den Daten ableiten, wo Gemeinden Wasserspender aufstellen sollten, da man weiß, wo besonders viele Menschen joggen gehen. Die Daten sollen aber immer in der Kontrolle des Nutzers bleiben. „Wir würden nie Daten an Versicherungen weitergeben. Wenn aber Apple oder Google eine Schnittstelle dorthin legen, kann der Kunde selber entscheiden, ob er die Daten dorthin überträgt. Es wird immer opt-in sein“, so Gschwandtner. Ebenso wenig wolle man die Daten zu Werbezwecken auswerten.

Beim Endnutzer sind die Pläne von Runtastic aber noch nicht so richtig angekommen. Der größte Teil des Umsatzes stammt noch aus den Einzelverkäufen der Apps, der Rest verteilt sich auf Einnahmen aus den werbefinanzierten Gratis-Apps, dem Verkauf von Hardware, Kooperationen mit anderen Unternehmen (etwa Universal Music oder die japanische NTT Docomo) sowie Abonnenten, die sich eine Gold-Mitgliedschaft (mit Trainingsplänen, Fitnessberichten, Statistiken, et cetera) ab 2,90 Euro pro Monat leisten. Die „vielen Millionen aktiven Nutzer“ will die oberösterreichische Firma in Folge zu monatlich zahlenden Kunden machen, und aus Big-Data-Analysen abgeleitete Services sollen der Hebel dazu sein.

„Fitness ist zum gesellschaftlichen Trend geworden. Sogar bei „House of Cards“ siehst du, wie Kevin Spacey laufen geht und rudert. Geistig fitte Leute wollen auch körperlich fit ­werden, das war vor 30 Jahren nicht so der Fall“, sagt Gschwandtner über den wachsenden Markt. Runtastic schwimmt ganz vorne auf der Self-Tracking-Welle mit, die von den ganz Großen im Business, Apple und Google, mit neuen Produkten und Software (zum Beispiel Apple Sport Watch, Google Fit) stark vorangetrieben wird. „Ich glaube nicht, dass die Apple Watch floppen wird, da hat Apple zu viele Fanboys. Die Frage ist, ob man diese Informationen ständig  am Handgelenk braucht, da bin ich skeptisch. Ich will nicht die ganze Zeit blinkende Benachrichtigungen bekommen, während wir gerade reden“, sagt Gschwandtner, dessen Firma zu den ersten zählt, die eine eigene App für Apples Computer-Uhr bereit­stellen wird.

Abhängig vom Silicon Valley

Die Plattformen, auf denen Runtastic aufbaut (Apple, Google, Facebook), sind aber nicht nur „Enabler“, sondern auch mit Zwängen verbunden. Wenn Runtastic-Kunden künftig Abos in den Apps abschließen, werden Apple und Google 30 Prozent des Umsatzes bekommen, und „eine große Herausforderung ist auch, die Apps regelmäßig an die Vorgaben von Google und Apple anzupassen, etwa wenn große Design-Umbrüche bei den mobilen Betriebssystemen anstehen“, so Technikchef Kaar. Bis Ende April müsse man auch die Facebook-Integration erneuern, die es Usern erlaubt, ihre Laufstrecken in dem Social Network zu veröffentlichen. Social-Media-Effekte sind immens wichtig für Runtastic, um in Kontakt zu neuen potenziellen Nutzern zu kommen – auch wenn solche Postings von anderen oft als gelebter Narzissmus wahrgenommen werden. „Angeberei spielt sicher mit, aber es ist trotzdem positiv, wenn da jemand gerade 15 Kilometer gelaufen ist, weil es zu seiner Gesundheit beiträgt. Beim Österreicher wird das als Posen angesehen, aber in den USA ist das ganz anders, da wird gerne hergezeigt, was man hat“, so Gschwandtner.

Die USA, aber auch die BRIC-Staaten sind für Runtastic, das sich als Marktführer in Westeuropa sieht, die nächsten Wachstumsmärkte. Das PR-Team setzt zum Bekanntmachen der eigenen Marke stark auf Content Marketing und produziert gebrandete ­Infografiken, nützliche Blog­einträge oder Onlinevideos am laufenden Band. Immer wichtiger wird auch, gute Mitarbeiter in die Zentrale in Pasching zu locken. Bisher gelingt das; das Team setzt sich aus 23 verschiedenen Nationalitäten zusammen. Die Firmenkultur ist für junge Talente attraktiv, es herrscht ein freundschaft­liches Klima, außerhalb der Arbeitszeiten gibt es viele gemeinsame Aktivitäten. Auch der Chef selbst, der derzeit damit beschäftigt ist, Silobildungen in der Mannschaft zu managen, trägt dazu bei. Gschwandtner hat sich zum Ziel gesetzt, jeden Mitarbeiter beim ­Namen zu kennen, bis dato schafft er das auch. „Das ist die totale ­Challenge.“

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