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Interview

Elektroautos: „Tesla ist der Gamechanger“

Roland Ziegler, Sprecher des Bundesverband Elektromobilität (BEÖ). © EVN
Roland Ziegler, Sprecher des Bundesverband Elektromobilität (BEÖ). © EVN

Roland Ziegler ist seit Juni 2017 der Sprecher des Bundesverband Elektromobilität Österreich (BEÖ). Der BEÖ vertritt die Interessen der elf führenden Energieversorger des Landes und will dafür sorgen, dass das Netz an Ladestationen in Österreich weiter ausgebaut und das Thema Erneuerbare Energie weiter vorangetrieben wird.

Im Interview spricht Ziegler über den Status quo der Elektromobilität in Österreich, den Trend zur Induktion beim Laden, die Herausforderungen für das Stromnetz und den Faktor Tesla.

Trending Topics: Laut Verkehrsministerium ist der Anteil von Elektroautos im EU-Schnitt am höchsten. Wie steht es aus Ihrer Sicht um Elektromobilität in Österreich?

Roland Ziegler: Österreich liegt relativ gesehen sehr gut, aber wir sind natürlich noch nicht dort, wo etwa Norwegen ist. Wir holen aber schnell auf und sind in Europa sicher eines der führenden Länder bei der Elektromobilität.

Man hört immer wieder von der Reichweitenangst. Gibt es in Österreich genug Ladestationen?

Ziegler: Wir sind im Vergleich zu anderen Ländern auch bei der Dichte von Ladestationen sehr weit vorne. Natürlich ist das ausbaufähig. Wir haben derzeit im BEÖ-Netz mehr als 1.600 Ladestationen, wo man mit einer Karte oder einer App einer unserer Mitglieder überall laden kann. Es gibt auch andere Anbieter, so haben wir in Summe in Österreich bereits ein sehr gutes Netz. Das Thema wird sich in den nächsten Jahren parallel mit der steigenden Anzahl an E-Fahrzeugen entwickeln. Die kommende Bundesregierung, da plädieren wir dafür, soll auch weiter den Ausbau der Ladestationen fördern.

Wie verändern Ladestationen, die ja nicht wie Tankstellen an der Straße stehen, sondern auch zu Hause, in Garagen, in Einkaufszentren, am Arbeitsplatz oder in Hotels installiert werden, den Markt?

Ziegler: Es wird sich dramatisch ändern. Niemand heute hat eine eigene Tankstelle, aber überall, wo eine Steckdose ist, kann man theoretisch sein Auto laden. Beim Neubau ist es kein Problem, im Wohnbau gibt es noch einige Hürden zu nehmen. Wir fordern das Recht, dass man ein Kabel zu seinem Parkplatz legen darf. In Niederösterreich etwa ist es schon in der Bauordnung drinnen, dass man eine Leerverrohrung machen muss. Wir erleben auch, dass sehr viele Häuslbauer, die heute noch kein Elektroauto haben, sich schon darauf vorbereiten, weil ihr nächstes oder übernächstes Auto elektrisch sein wird.

Wo wird man am günstigsten laden?

Ziegler: Das Laden zu Hause oder in der Firma wird immer günstiger als an öffentlicher Infrastruktur sein, weil diese Infrastruktur eben Geld kostet. Die Errichtung, die Wartung, die Pacht, das alles kostet.

Im Tesla-Land Norwegen kommt die Stadt Oslo wegen der hohen Durchdringung von Elektroautos mit dem Bau von Ladestationen nicht mehr nach. Droht das auch in Österreich?

Ziegler: Da sind wir sicher noch weit davon entfernt. Die Anzahl der Ladestationen und der Elektroautos wird sich parallel entwickeln müssen. Natürlich kann es passieren, dass sich das eine schneller entwickelt als das andere. Da muss auch die Politik die entsprechenden Voraussetzungen schaffen.

Wo werden Menschen im städtischen Raum, die auf der Straße parken und keine eigene Garage haben, laden

Ziegler: Die Städte befassen sich alle damit, wie Bewohner, die keinen festen Parkplatz haben, laden können. Das ist eine rechtliche und eine technische Frage. Es gibt etwa Pläne, einen Lichtmast durch eine multifunktionale Säule mit Ladefunktion zu ersetzen, aber man muss dort auch die nötige Stromstärke haben. Für ein oder mehrere Autos braucht man eine ganz andere Leistung als für einen Lichtpunkt da oben. Das ist eigentlich verzwickt, weil Lampen im öffentlichen Raum, etwa LED, immer effizienter wurden. Wenn man einen neuen Straßenzug baut, kann man das mit planen. Es kommt aber noch ein anderes Problem dazu: Viele Lichtanlagen sind nicht verzählert, haben keinen eigenen Zählpunkt. Das heißt insgesamt, dass auch die technischen Voraussetzungen neben den legistischen geklärt werden müssen.

Es gibt Befürchtungen, dass die Stromnetze bei einer hohen Verbreitung von Elektroautos zu Spitzenzeiten zusammenbrechen könnten. Stimmt das?

Ziegler: Es ist natürlich richtig, dass die elektrifizierte Mobilität mehr Strom braucht. Aber: Man braucht deswegen nicht unbedingt mehr Kraftwerke, weil wir schon eine hohe Kapazität und gerade in der Nacht einen Überschuss haben. Diese Fahrzeuge werden wahrscheinlich vorrangig über Nacht geladen werden, und die Ladung untertags könnte so intelligent gesteuert werden, dass es keine Lastspitzen gibt. Die intelligente Steuerung der Ladezeit wird wichtig werden.

Wenn die Menschen um sechs, sieben am Abend nach Hause kommen, dann könnte es zu solchen Spitzenzeiten zu starken Belastungen der Netze kommen.

Ziegler: Es gibt dieses Fön-Beispiel: Wenn alle Föns in österreichischen Haushalten eingeschaltet werden, hätten wir ein Problem. Werden sie aber nicht, auch wenn viel in den Morgen- und Abendspitzen passiert. Aber: Elektroautos werden zu Hause langsam über Nacht geladen, und es muss nicht immer gleich viel Ladeleistung sein. Man muss das im größeren Kontext sehen: Die Wallbox wird mit einem Energie-Wirtschaftssystem verbunden sein und den Ladevorgang steuern. Das ist auch deswegen spannend, weil ein intelligentes System etwa in der Nacht die Hauptleistung holt, wenn der Strom ein bisschen günstiger ist. Außerdem: Das Auto muss ja nicht immer komplett voll geladen sein, durchschnittliche Strecken pro Tag liegen zwischen 50 und 100 Kilometern. Man fährt den Benziner ja auch nicht immer mit vollem Tank herum.

Ladestation des BEÖ. © BEÖ
Ladestation des BEÖ. © BEÖ

Ein weiteres wichtiges Thema ist grüner Strom. Gibt es die Chance, dass Elektroautos in Österreich künftig zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien geladen werden?

Ziegler: All diese Bemühungen bei der Elektromobilität machen ja nur dann Sinn, wenn mit ökologischem Strom geladen wird. In Österreich liegen wir da bei über 70 Prozent, da sind wir prädestiniert für Elektromobilität. Wir werden aber nicht alle Spitzen mit Ökostrom abdecken können, wir werden in Österreich noch einige Zeit Gaskraftwerke als Backup brauchen. Um das Strom-Thema zu treiben, hilft alles, was den Anteil an E-Autos in die Höhe bringt.

Ist Elektromobilität ein großes Thema für die Stromerzeuger in punkto Absatz? Rechnet sie mit mehr Umsatz und Gewinn?

Ziegler: Für die Stromwirtschaft ist es natürlich ein zusätzlicher Teil, den sie abdecken kann. Sie wird dort sicher dazu gewinnen, aber es gibt viele Bereiche, wo durch höhere Effizienz weniger Strom gebraucht wird, etwa bei  Kühlschränken, Beleuchtung, Unterhaltungselektronik, etc. In Österreich stagniert ja der Stromverbrauch, obwohl es immer mehr Geräte gibt. Die neuen Geräte, von der Waschmaschine bis zu Kühlschrank, sind viel effizienter als die alten.

Wie viel Strom wird Elektromobilität in Österreich brauchen?

Ziegler: Es gibt Berechnungen, dass die Elektromobilität bei 100-prozentiger Umstellung in Österreich grob die Kapazität von zwei bis drei Donaukraftwerken brauchen würde. Aber man muss da nicht wie gesagt neue Kraftwerke bauen, die Kapazität ist zu großen Teilen schon da. Sie wird dann eben z.B. in den Nachtstunden besser genutzt. Der Haushaltsverbrauch verdoppelt sich durch ein E-Auto, aber der Haushaltsverbrauch macht insgesamt bei weitem nicht den größten Anteil am Stromverbrauch aus. Wir brauchen also noch lange nicht Angst haben, dass uns der Strom ausgeht.

Konsumenten bemängeln auch, dass Auswahl und Verfügbarkeit von E-Autos noch zu wünschen lässt. Außerdem sind die Fahrzeuge noch vergleichsweise teuer.

Ziegler: Die Hersteller müssen da endlich in hohen Stückzahlen produzieren. Theoretisch ist ein Elektroauto ja billiger in der Produktion als ein Auto mit Verbrennungsmotor. Es würde helfen, wenn der öffentliche Fahrzeug-Pool auf Elektro umgestellt wird, das hätte Vorbildwirkung. Gerade Ministerien und die öffentliche Verwaltung bzw. Unternehmen könnten da viel tun.

Glauben Sie, dass es Teslas Model 3 braucht, damit die Masse der Konsumenten auf Elektromobilität aufspringt

Ziegler: Tesla ist der Gamechanger. Das Model 3 geht in einen Markt, der den anderen Autoherstellern wirklich weh tut. Die Oberklasse, in der Tesla bis dato unterwegs war, hat den anderen beim Image geschadet, aber in der Mittelklasse wird es wirtschaftlich eine Challenge. Da darf man Tesla nicht unterschätzen, und Tesla ist nicht die einzige Gefahr. Die Chinesen werden sehr schnell so weit sein, E-Autos auf dem Niveau von BMW und VW zu bauen. Vor 30 Jahren wurden die Japaner belächelt, aber da lacht heute keiner mehr. Das Match läuft, aber es wird möglicherweise gar nicht in Europa entschieden.

Anm.: Der Bundesverband Elektromobilität Österreich (BEÖ) vertritt die Interessen von elf Energieversorgungsunternehmen in Österreich und setzt sich für eine flächendeckende Versorgung mit Elektromobilität aus Erneuerbarer Energie in Österreich ein. Die Mitglieder des BEÖ sind: Energie AG Oberösterreich Power Solutions GmbH, Energie Burgenland Wärme und Service GmbH, Energie Graz GmbH & Co KG, Energie Steiermark Kunden GmbH, EVN AG, Innsbrucker Kommunalbetriebe AG (IKB), KELAG-Kärntner Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, LINZ Strom GmbH, Salzburg AG/ElectroDrive Salzburg GmbH, Vorarlberger Kraftwerke AG (VKW), Wien Energie GmbH.

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