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Richard David Precht: „Die Arbeitswelt der Zukunft wird sein, sich selbst etwas aufzubauen“

Richard David Precht. © Gregor Fischer/re:publica
Richard David Precht. © Gregor Fischer/re:publica

Autonome Killer-Drohnen? Heerscharen von Arbeitslosen? Hightech-Überwachungsregime? Menschen, die zu Cyborgs werden? “Wenn man sich anschaut, was bisher als Utopie im Raum steht – also das Mensch und Maschine miteinander verschmelzen -, dann werden sie von 99 Prozent der Menschen nicht gewählt. Es fehlt das positive Zukunftsversprechen der Digitalisierung, es überwiegen derzeit die Ängste.“ Mit diesen Worten hart der deutsche Pop-Philosoph und Publizist Richard David Precht die Besucher des Digital Dinners beim Europäischen Forum Alpbach gepackt.

Precht, der zuletzt das Buch „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ veröffentlichte, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen der Gegenwart und kommt oft dann ins Spiel, wenn es um eine Folgenabschätzung von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz geht. In Alpbach ist er der Einladung von Wien Holding, Erste Bank, GroupM, WH Media, Wirtschaftskammer Wien und Google Austria gefolgt, um dem Publikum seine Ansichten zum Bedingungslosen Grundeinkommen, der Zukunft der Bildung und der Besteuerung von Arbeit darzulegen.

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“Man muss positive Bilder einer Zukunft entwerfen”

“Mit dem Thema Digitalisierung macht man den Menschen mehrheitlich Angst”, sagte Precht im Gespräch mit Gerold Riedmann, Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten (VN). Es mangele in der aktuellen Diskussion rund um AI um optimistische Zukunftsbilder. “Man muss positive Bilder einer Zukunft entwerfen”, so der Philosoph, der als einer der wenigen Mitteleuropäer vom Bücherschreiben leben kann.

Hightech und AI würden in Zukunft dafür sorgen, dass Menschen von „blöder, langweiliger Büroarbeit“ befreit werden würden. Die Folge, die nicht jeder so sehen will: “Es wird natürlich Menschen geben, die ihre Arbeit verlieren werden und denen wir nichts anbieten können.” Dazu komme eine immer älter werdende Gesellschaft, allesamt mit erheblichen Folgen für das Steuersystem. “Wir werden über die Besteuerung von Arbeit diejenigen, die nicht arbeiten, nicht mehr bezahlen können. Das Umlagesystem muss komplett verändert werden”, so Precht.

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Als Antwort darauf gilt vielen das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). “Mit dem Grundeinkommen ist die Sache nicht gelöst“, so Precht. Denn neben einer Grundversorgung käme es dann auch drauf an, den Menschen die Tools zu geben, um etwas aus der neu gewonnenen Freizeit zu machen. „Wie wird ein sinnerfülltes Leben aussehen für jene Menschen, die von ihrer langweiligen Büroarbeit befreit werden? Das ist eine zentrale Frage.”

Prechts Antwort darauf ist folgende: ein anderes Bildungssystem. Und zwar nicht notwendigerweise eines, das immer mehr Informatiker, Programmierer oder Techniker hervorbringt. “Die Zahl der benötigten Informatiker wird langfristig nicht stark steigen. Ein entscheidender Punkt der Künstlichen Intelligenz liegt in der Selbstprogrammierung. Außerdem wird das Niveau der Programmierung immer höher”, so der 54-Jährige. “Man kann nicht aus allen Kindern möglichst Maschinen machen.”

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Sich selbst etwas aufbauen können

Wichtiger sei, ein Bildungssystem zu schaffen, bei dem “Selbstbefähigungsfähigkeiten“ und Skills stehen, die ein Computer nicht hat. “Arbeitswelt der Zukunft wird sein, sich selbst etwas aufzubauen oder sich etwas zu schaffen”, so Precht. “Die Fähigkeit, sich selbst einzuschätzen, Pläne für die Zukunft zu machen, Stress-resistent zu sein, seine Neugier zu bewahren, sich gut zu verkaufen” – das alles werde viel wichtiger sein als lediglich die Fähigkeit, Programmieren zu können.

Aktuell sieht Precht viele Parallelen zur industriellen Revolution. Damals wie heute würden sich viele nicht vorstellen können, wie dramatisch Maschinen die Welt verändern. “Damals haben die Leute auch gedacht, dass alles irgendwie so wie jetzt weitergeht, vor allem in Frankreich und in Deutschland”, so der Philosoph. Man hätte sich etwa nicht vorstellen können, dass die Industrialisierung auch das Ende der 2.000 Jahre alten Herrschaft von Adel und Kirche bedeuten würde. Ähnlich ist es jetzt: KI einfach als bessere Software zu verstehen, die Menschen assistiert, ist zu kurz gegriffen.

Der Optimist

Doch Dystopien für die Zukunft an die Wand zu malen, das hilft heute niemandem weiter. “Ich weigere mich zu glauben, dass es schlechter wird”, sagte Precht. Und schloss mit einem Mutmacher-Satz: “Ein Optimist, der sich in seinen Idealen getäuscht sieht, hat immer noch ein erfüllteres Leben geführt als ein Pessimist, der sich bestätigt sieht.”

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