Fremdenfeindlichkeit

Rassistische Hetze auf Facebook: Das Social Network scheint überfordert, Hass-Postings schnell zu löschen

Eher kein lustiger Job: Community-Betreuung bei Facebook in Dublin. © Facebook
Eher kein lustiger Job: Community-Betreuung bei Facebook in Dublin. © Facebook

Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d. h. Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen: Rasse, Ethnizität, nationale Herkunft, religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität oder schwere Behinderungen oder Krankheiten.“ So steht es zumindest in den Gemeinschaftsstandards von Facebook geschrieben. Doch derzeit hat man nicht den Eindruck, dass Facebook den eigenen Regeln nachkommt. Vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich, häufen sich im Zuge der Flüchtlingskrise Hass-Postings, rassistische Beiträge, hetzerische Kommentare und Gewaltaufrufe gegen Fremde – so stark, dass mittlerweile sogar der deutsche Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) Vertreter von Facebook zu sich geladen hat, um „die Effektivität und Transparenz ihrer Gemeinschaftsstandards zu verbessern“.

Hasserfüllte Inhalte werden aber nicht – etwa  von einem Algorithmus – vorgefiltert, sodass sie gar nicht erst veröffentlicht werden können. Stattdessen vertraut die US-Firma „wie bei allen unseren Standards“ darauf, dass „unsere Gemeinschaft uns entsprechende Inhalte meldet“. Heißt im Klartext: Solange sich niemand an einem Inhalt stößt und auf „Melden“ klickt, bleibt ein Hass-Posting online. Auch Seiten oder Gruppen müssen zuerst von Nutzern gemeldet werden, einen vorgelagerten Filter, der z.B. auf bestimmte Wörter anspringt, gibt es laut Facebook nicht.

Komplexes Reporting-System

Was aber passiert, wenn man bei Facebook den Melden-Knopf betätigt? Dann wird ein komplexer Prozess ausgelöst, der teils automatisiert abläuft, teils von Menschen bearbeitet wird. Facebook hat in dieser Infografik aufgezeichnet, was im Hintergrund genau abläuft:

© Facebook
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Dieses Schaubild zeigt unter anderem, dass Hassreden sowie Androhungen von Gewalt oder Vandalismus bei speziellen Community-Operations-Teams (u.a. der Abteilung „Hate & Harassment“) am Bildschirm landen. Diese Teams sind in Menlo Park (Facebooks Zentrale), Austin, Hyderabad in Indien sowie im irischen Dublin stationiert und sollen „hunderte Mitarbeiter“ haben – wie viele genau für den deutschsprachigen Raum zuständig sind, wird nicht verraten.

Wenn in Deutschland oder Österreich der Melden-Knopf gedrückt wird, dann werden in erster Linie Mitarbeiter in Dublin (in Deutschland und Österreich gibt es keine großen bzw. keine Facebook-Niederlassungen) damit befasst, ob ein Posting gelöscht werden muss oder nicht. Facebook verspricht, dass Reports innerhalb von maximal 72 Stunden geprüft werden, doch diese Zeiten können derzeit aufgrund der Masse an Meldungen offenbar nicht immer eingehalten werden (siehe auch dieser Bericht von derstandard.at).

„Bedauernswert, dass Fehler gemacht werden“

Bei Facebook selbst weiß man natürlich um das Problem, formuliert aber gewohnt vorsichtig: „In dem Bemühen, die vielen Reports von Menschen auf Facebook, die wir jeden Tag erhalten, schnell und effizient zu bearbeiten, schaut sich unser Community-Operations-Team jede Woche Hunderte von Tausenden von Reports zu Inhalten an“, so Facebook-Unternehmenssprecherin Tina Kulow. „Unsere Reporting-Systeme sind dafür entwickelt, Menschen vor Missbrauch, Hassrede und Mobbing zu schützen und es ist bedauernswert, dass gelegentlich Fehler gemacht werden, wenn solche Reports bearbeitet werden. Wir wissen, dass dies frustrierend sein kann.“

Für Facebook ist die Causa ein großes Problem, immerhin positioniert man sich schon seit längerem als Nachrichtenquelle Nummer eins für junge Menschen und will Werbern zudem ein freundliches Umfeld für native Ads bieten. Mit einer Anzeige neben einem Hass-Posting aufzuscheinen, wird wohl keinem Marketer gefallen.

„Facebook ist kein Ort für Rassismus“

Dass nun auch die hohe Politik auf die Vorfälle reagiert, nimmt man bei Facebook ernst. „Wir begrüßen das Schreiben von Bundesminister Heiko Maas und nehmen die Bedenken sehr ernst. Facebook ist kein Ort für Rassismus. Entsprechende Inhalte verstoßen eindeutig gegen unsere Gemeinschaftsstandards und wir appellieren an die Menschen, unsere Plattform nicht für die Verbreitung von Hassrede zu benutzen“, heißt es von einem weiteren Facebook-Sprecher zu der Problematik. „Wir verstehen, dass wir als Facebook eine besondere Verantwortung tragen und arbeiten jeden Tag sehr hart daran, die Menschen auf Facebook vor Missbrauch, Hassrede und Mobbing zu schützen. Was wir zudem tun können, ist, dagegen zu halten – mit den vielen einzelnen Menschen, Gruppen oder Initiativen, die sich für die Integration, gegen Nazis und in ihrer Community für Flüchtlinge engagieren – auch auf Facebook.“

Ob die Bemühungen, die Hass-Postings einzudämmen, künftig verstärkt werden, bleibt abzuwarten. Derzeit sieht es so aus: Facebook sucht für seinen Standort in Dublin (der wichtigste und größte in Europa) etwa 20 neue Mitarbeiter für seine Community Operations. Exakt zwei Positionen sind ausgeschrieben, bei denen es um die Community-Betreuung in deutscher Sprache geht. In den anderen europäischen Standorten Amsterdam, Berlin, Hamburg, Mailand, Paris, Madrid, Schweden, Brüssel gibt es keine Ausschreibungen für Community-Mitarbeiter. Vielmehr werden dort neue Mitarbeiter in Bereichen wie Marketing, eCommerce, Agenturen, Sales oder Brands gesucht.

Kritik an Facebook

In einem viel gelesenen Kommentar auf Spiegel Online hat sich auch Buchautor und Blogger Sascha Lobo mit dem Problem der Hasskommentare auf Facebook auseinandergesetzt. „In gewisser Weise ist der Fluch der sozialen Medien, dass Hasskommentare für manche Leute als Anlass und Antrieb für Gewalttaten funktionieren. Hier spielt Facebook eine unselige Rolle“, so Lobo. „Die gemeldeten, aber ungelöschten Hasskommentare sind nur die sichtbare Spitze des Problemeisbergs: Es geht um Entstehung, Organisation und Befeuerung von Hassgemeinschaften in sozialen Medien.“ Für diese Probleme gäbe es zwar keine simple, technische Lösung, aber von einem Unternehmen, das einen Jahresgewinn um die drei Milliarden US-Dollar erwarte, könne man schon verlangen, dass mehr gegen das Hass-Problem getan werde.

Facebook wiederum weist darauf hin, sehr wohl viel gegen im Netz geäußerten Rassismus zu tun. Man arbeite etwa mit no-nazi.net, dem Projekt „361 Grad Respekt“ sowie mit den Initiativen „Laut gegen Nazis“ und „Netz gegen Nazis“ zusammen. Leicht sei die Arbeit mit Inhalten, die von mehr als einer Milliarde Menschen mit den unterschiedlichsten Ansichten gepostet werden, nicht. „Manchmal stoßen wir dabei auf neuartige Inhalte oder Grenzfälle, die unsere Richtlinien auf die Probe stellen“, so ein Sprecher. „In solchen Fällen ist es unser Ziel, unseren Ansatz zu prüfen und entsprechende Schritte einzuleiten, so dass wir die Gratwanderung schaffen und Menschen auf Facebook einerseits die Möglichkeit geben, Informationen, Nachrichten und Inhalte zu teilen – und gleichzeitig die Gemeinschaft als Ganzes schützen.“

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