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Prokrastination: Wieso wir alles auf den letzten Drücker machen

Morgen dann aber wirklich © pexels.com
Morgen dann aber wirklich © pexels.com

Aufschieberitis, alles auf den letzten Drücker erledigen, Owezahn: Nennen wir es doch einfach Prokrastination. Die Kunst des Aufschiebens. Jeder von uns kennt es – manche kämpfen täglich damit. Aber wieso prokrastinieren wir eigentlich? Sind wir faul?

Plötzlich ist Staubsaugen voll interessant

Mit Faulheit hat Prokrastination eigentlich gar nicht so viel zu tun. „Es gibt aber so ein Grundelement, das für die Prokrastination als Schuldiger entlarvt werden könnte. Die Impulsivität. Dass es viel lustiger ist, etwas anderes zu machen“, sagt Christina Beran. Sie ist Psychologin und hat sich unter anderem auf Prokrastination spezialisiert. Das ewige Rausschieben hat für sie viel mit Belohnungen zu tun. Die Dopaminausschüttung, die man hat, wenn man etwas anderes, leichteres, erledigen kann. „Normal schiebe ich das auf, was ich mir fest vorgenommen habe. Das, das eigentlich gerade wichtig wäre. Doch eigentlich sollte ich den Impuls aufschieben“, sagt sie.

Und wieso? Weil die anderen Dinge meistens einfacher oder überschaubarer sind. „Es gibt Gründe, warum man Sachen gar nicht erst angehen will. Vielleicht zu kompliziert. Vielleicht kenne ich mich nicht aus“, sagt Beran. Konkret gesagt ist die Machbarkeit einer Aufgabe ausschlaggebend dafür, ob ich sie aufschiebe oder nicht. „Bei schwierigen Geschichten, wo wirklich das Know-how fehlt oder die sehr umfangreich sind, müsste man erst schauen, wie man das macht. Oder sich Hilfe holen. Meistens holt man sich das Erfolgserlebnis aber einfach woanders. Beim Staubsaugen zum Beispiel“, sagt sie.

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Selbsttest: Wie hoch ist mein Prokrastinationslevel?

Eine Studie der Universitätsmedizin Mainz von 2016 besagt, dass vor allem junge Leute von Prokrastination betroffen sind. Unter ihnen sind viele Studenten. „Die Uni Münster hat sogar eine eigene Prokrastinationsstelle“, so Beran. Tatsächlich gibt es diese Stelle an besagter Uni. Und bevor man bis Drei zählen kann, nimmt man auf ihrer Website schon an einem Prokrastinationsselbsttest teil.

Prokrastinationslevel Screenshot von Uni Münster © Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Prokrastinationslevel Screenshot von Uni Münster © Westfälische Wilhelms-Universität Münster

 

Impulsentscheidungen eben. Gut 20 bis 30 Minuten dauert der Test. Abgefragt werden Verhaltensmuster, Gefühle und andere Dinge wie Alkohol- oder Cannabiskonsum. Die meisten Teilnehmer haben ein Prokrastinationslevel zwischen 15,9% und 84,1%. Ab 85% würden die Menschen meistens bei der Prokrastinationsstelle um Hilfe ansuchen.

Von wegen notgedrungene Kreativität

Wann der Moment kommt, bei dem das Aufschieben zu konsequenter Panik wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. „Das ist wirklich individuell. Keiner kann sagen, wann der Moment ist, wo der Stress dieses Euzerl Adrenalin freisetzt“, sagt Beran. In manchen Kreisen ist das Erledigen auf den letzten Drücker sogar etwas Positives. Weil man auf kreative Lösungen zurückgreifen müsste, man weniger Zeit investiert hätte oder das Ergebnis unter Stress sogar besser werden würde.

Für Frau Beran ein Mythos. „Alle Untersuchungen, die wir dazu haben, zeigen eher, dass wenn man die Prokrastination in den Griff kriegt, auch die Ergebnisse besser werden. Für kreative Lösungen braucht es außerdem eine ganz bestimmte Gehirnregion, den präfrontalen Cortex. Eine Gehirnregion, die sehr anfällig für Stress ist. Unter Stress fällt dann wiederum die Kreativität. Da produziert man eher etwas, das man automatisch relativ gut drauf hat. Was man schon mal gemacht hat, was schon einmal funktioniert hat“, sagt Beran.

Warum prokrastiniere ich und wie geht das weg?

Wichtig ist die Ursache der Prokrastination zu finden. Ob man impulsiv oder leicht ablenkbar ist oder ob die Aufgabe beispielsweise zu schwierig ist. Ob man gar nicht erst die Erwartungen an sich selbst hat, dass man diese Aufgabe überhaupt schaffen kann. „Auch wenn sich eine Steuerklärung konkret anhört, ist sie es oft nicht. Weil so viele Schritte oder Dinge dabei sein können, bei denen ich nicht weiß, wie sie funktionieren. Man muss Dinge konkret machen und Stück für Stück herunterbrechen. In kleine Schritte, die wiederum Erfolgserlebnisse sind, zerlegen“, sagt Beran.

Ein weiterer Trick sei sozialer Druck. Sobald man jemanden von einer Aufgabe erzählt, entsteht ein gewisser Druck. Es könnte ja peinlich sein, wenn man etwas doch nicht erledigt. In manchen Fällen prokrastiniert man auch, weil die Aufgabe zu unterfordernd ist. Dann müsse man sie anspruchsvoller machen.

In Zeiten der Digitalisierung ist Ablenkung ein sehr großes Thema. Das nächste Youtube Video ist ja nie weit entfernt. Also kann man eigentlich davon ausgehen, dass der Prokrastinationsbefall immer weiter steigt. Nein. „Schon Aristoteles hat gejammert, dass er etwas nicht fertiggemacht hat, das er sich vorgenommen hat. Es ist ein Phänomen, das wir schon lange kennen“, so Beran.

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