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Interview

Warum ProSiebenSat.1 Media ein R&D-Zentrum in Bulgarien eröffnet hat

Stefan Atanassov, Chief Product Officer bei ProSiebenSat.1 © Stefan Atanassov
Stefan Atanassov, Chief Product Officer bei ProSiebenSat.1 © Stefan Atanassov

Welche Bedeutung hat ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Bulgarien für einen deutschen Medienriesen mit über 4 Mrd. Euro Umsatz im Jahr 2018?  Wie tickt so ein Unternehmen bei Produktentwicklung und digitale Transformation?

Wenige Tage vor der fünften Ausgabe von js.talks, bei der ProSiebenSat.1 Media SE offiziell die Eröffnung einer R&D-Hub in Sofia bekannt gab, hatten wir Gelegenheit, die Perspektive von Andrey Bachvarov zu hören, General Manager von BICA Services, der dazu beitrug, die Mediengruppe nach Südosteuropa zu bringen. Wir haben die Verantwortlichen  bei ProSiebenSat.1 – Stefan Atanassov, Chief Product Officer, und Markus Kleinhenz, Engineering Manager Consumer Experience Domain – zum Interview getroffen.

TrendingTopics: Welche Rolle und welchen Platz hat die neue R&D-Zentrum in der Organisationsstruktur von ProsiebenSat.1?

Stefan Atanassov: Unser Team entwickelt die Produktstrategie für digitales Entertainment und alles, was mit dem Aufbau eigener Produkte und Anwendungen zusammenhängt. Das Produktmanagement und das Technologie-Engineering ist eine Einheit innerhalb von ProSiebenSat.1. Das F&E-Zentrum hier in Sofia wird von dieser Einheit geleitet.

Können Sie Ihre Hauptziele und KPIs für das Team in Sofia erläutern? 

S.A.: Das Hauptziel ist natürlich, großartige Produkte zu entwickeln, die unsere Kunden lieben. Das ist unsere Mission. Wir wollen großartige Unterhaltungserlebnisse schaffen, und es gibt verschiedene Möglichkeiten, dies zu messen. Zunächst einmal muss das Produkt relevant sein, also die Anzahl der Benutzer. Dann müssen diese Benutzer mit ihm interagieren, so dass wir verschiedene Arten von Engagement-Metriken haben. Für das Team ist es das Hauptziel, neue kreative Ideen zu entwickeln, um unsere Strategie voranzutreiben.

Interaktivität ist super wichtig. Es gibt heute so viele Inhalte – auf YouTube, auf Netflix, auf Amazon, auf unseren eigenen Plattformen. Man muss etwas Besonderes bieten und sich differenzieren. Wir wollen Unterhaltungserlebnisse schaffen, die Interaktion beinhalten. Plattformen wie Netflix bieten hervorragend kuratierte Inhalte, sind aber nicht interaktiv. Soziale Netzwerke wie Instagram bieten ein interaktives und ansprechendes Erlebnis, aber dort gibt es meist User Generated Content. Und wir wollen sowohl die Qualität als auch die Interaktivität liefern. 

Als Medienunternehmen besteht der Kern unseres Geschäfts darin, großartige Inhalte zu haben. Wir arbeiten mit vielen Kreativen zusammen, die viele unterhaltende Inhalte von hoher Qualität produzieren. Nun besteht die Rolle des Teams in Sofia darin, Unterhaltungselemente zu nehmen und die Infrastruktur für Interaktion aufzubauen.

Wie ist es, bei ProSiebenSat.1 zu arbeiten? Haben Sie Unterschiede zwischen der bulgarischen und der deutschen Unternehmenskultur festgestellt?

S.A.: Bei ProsiebenSat.1 wollen wir autonome Teams haben, die zusammenarbeiten, die proaktiv sind, die in der Lage sind, neue Ideen zu entwickeln. Auch wenn man behaupten könnte, Deutsche und Bulgaren sind etwas unterschiedlich, denke ich, dass beide Kulturen im digitalen Bereich sehr ähnlich arbeiten. 

Markus Kleinhenz: Dabei muss ich betonen, dass wir in der Regel hauptsächlich produktorientierte Ingenieure beschäftigen. IT-Profis, die unser Geschäft verstehen und die sich auf die Bedürfnisse der Benutzer konzentrieren, damit sie die Produktverantwortlichen bei der Entwicklung der richtigen Produkt unterstützen können. Wir arbeiten zusammen und wollen zusammen etwas Wertvolles zu entwickeln. Es ist nicht so, dass die Produktmanager den Ingenieuren sagen, dies oder jenes zu tun zu haben.

Aber das ist auch für die ProSieben-Mediengruppe eine neue Denkweise, nicht wahr? Sie befinden sich noch im digitalen Transformationsprozess. Wie haben Sie es geschafft, die alten Gewohnheiten der Menschen zu brechen? Vor welchen Herausforderungen stehen Sie gerade?

S.A.: Der Übergang von einem Medienunternehmen, das seit vielen Jahren an traditionellen Übertragungen wie dem Fernsehen arbeitet, in die digitale Welt ist sehr spannend. Es fängt alles dabei an, eine gemeinsame Basis dieser zwei ganz unterschiedlichen Welten für alle Beteiligte in der Organisation, eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Essenz dessen, was wir als ProSiebenSat.1 sind, besteht wirklich darin, großartige Unterhaltungserlebnisse zu schaffen, Begeisterung und positive Emotionen bei unserem Publikum zu erzeugen. Alle müssen sich in der Organisation einig sein, egal ob es sich um Fernsehen oder digital handelt. Dann ist es nur eine Frage des „Wie“ – wie wie bringen wir diese positive Emotionen durch den Einsatz der richtigen Technologie zum Verbraucher?

Die größte Herausforderung besteht darin, die Kollegen dafür zu begeistern, was man tut. Vor allem, wenn es um etwas Unbekanntes und Andersartiges geht. Menschen haben oft Angst vor Veränderungen – es könnte manchmal unangenehm oder ärgerlich sein und es könnte viel Mühe erfordern. Wenn aber die Menschen einen gemeinsamen Mindset haben, ist es viel einfacher. Bei ProsiebenSat.1 nehmen wir uns die  Zeit, die Mitarbeiter dafür zu begeistern, was wir tun.

Erzählen Sie uns etwas mehr über den Produktentwicklungsprozess von ProSiebenSat.1. Verwenden Sie z.B. Frameworks wie Design Thinking, Customer Travel Mapping oder das Kano-Modell der Kundenzufriedenheit?

S.A.: Ja, eigentlich alle. Aber wir halten uns nicht so sehr an das Lehrbuch. Im Wesentlichen wollen wir uns zu einem agilen Unternehmen entwickeln. Aber Agilität ist für mich eine Denkweise und nicht ein Werkzeug. Es geht also nicht darum, ob Sie Scrum oder Kanban verwenden oder Design Thinking. Sie sind gut und wichtig, aber die Denkweise macht den Unterschied. 

Wir versuchen, sehr schnell zu iterieren. Wenn wir ein neues Produkt entwickeln, reden wir immer unbedingt auch mit den Verbrauchern, da die Verbraucherorientierung äußerst wichtig ist. Wir haben eigene Teams, die zuerst Prototypen bauen und testen, bevor wir eine einzige Zeile Code schreiben. Sicher verwenden wir Design Thinking und das „Jobs-to-be-done“-Rahmenwerk, aber für uns sind sind nur die Werkzeuge, die uns helfen, unsere ultimativen Ziele zu erreichen.

M.K.: Außerdem versuchen wir in der Product-Discovery-Phase so früh wie möglich einen Technical Lead aus dem Software- Engineering-Team zu haben, damit wir ganz eng ins Product Development eingebunden sind und im Detail wissen, was am Ende daraus entstehen soll. Wenn das Produktteam und das Experience-Team zusammenkommen, kommt der Tech Lead dazu. 

Das ist in zweierlei Hinsicht hilfreich – zum einen wissen wir aus erster Hand, was wir bauen sollten. Zum anderen können wir frühzeitig die notwendigen Machbarkeitsprüfungen durchführen und den Produktmanagern sofort Feedback geben, ob es überhaupt möglich ist, eine bestimmte Funktion zu bauen oder nicht. Wir wollen keine Zeit damit verschwenden, in die falsche Richtung zu gehen. 

Was sind Ihre aktuellen Prioritäten für das R&D Center in Sofia?

S.A.: Wir suchen aktuell nach Mitarbeitern, weil wir hier weitere Produkte und noch mehr Produktentwicklung in das R&D Center bringen wollen. Wir wollen Produktteams aufbauen – wir wollen also keine fünf IT-Engineers in Sofia und den Rest in Deutschland haben. Deshalb sind wir auf der Suche nach allen möglichen Talenten – Software-Entwickler, Scrum-Master, Product-Owner, UX-Designer, QAs. Wir glauben fest daran, dass man das ganze Team am selben Ort haben muss, damit sie auch gut und produktiv zusammenarbeiten können. 

Wir sind auf der Suche nach Menschen, die etwas Neues schaffen und über den Tellerrand hinausschauen wollen als einfach nur Entwickler oder Product-Owner zu sein. Wir wollen Menschen, die offen und bereit sind, mit uns ein tolles User Experience zu schaffen.

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