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360 Entlassungen

Pizza vom Roboter: Softbanks 375 Millionen Dollar-Debakel mit Zume

Ein Zume-Truck. © Zume
Ein Zume-Truck. © Zume

Pizza, die von Robotern in Lieferwägen am Weg zum Konsumenten zubereitet werden – was als spannende Idee begann, endet nun in einem wirtschaftlichen Fiasko. Der Fall von Zume Pizza Inc, einem US-Startup, zeigt, wie man es nicht machen sollte. Softbank investierte 375 Millionen US-Dollar in das Unternehmen, zahlreiche Fehlentscheidungen sorgten aber dafür, dass im Jänner 360 Menschen gehen mussten. Zudem ist auch der Umgang mit den Folgen zumindest fragwürdig.

Softbank stand zuletzt schon wegen des WeWork-Debakels regelmäßig unfreiwillig in den Medien. Ganz so teuer wie der Niedergang des Coworking-Startups dürfte das Pizza-Debakel nicht werden, 375 Millionen US-Dollar sind aber auch kein kleines Sümmchen. Bloomberg Businessweek zeichnet den Weg Schritt für Schritt nach – und zeigt damit auf, dass sich ein überzeugter, charismatischer Gründer und strategische Fehlentscheidungen keineswegs ausschließen.

Pizza für Softbank-CEO

Kurz zusammengefasst liest sich der Start wie ein mutiger Versuch, ein Investment zu erhalten: Alex Garden, CEO von Zume Pizza Inc, traf sich vor rund zwei Jahren mit Masayoshi Son, dem CEO der Softbank Group, in dessem Haus – oder besser davor. Im Truck von Garden waren Roboter installiert, die Pizzen zubereiten konnten. Der ungewöhnliche Pitch dürfte funktioniert haben, denn kurze Zeit später erklärte sich Softbank bereit, mindestens 375 Millionen US-Dollar zu investieren. Im Erfolgsfall hätte sich die Summe auch verdoppeln können.

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Dieser Erfolgsfall ist allerdings nie eingetreten. Stattdessen markiert Zume eine der größten jüngsten Enttäuschungen im Portfolio von Softbank. Pizzen werden mittlerweile keine mehr hergestellt und auch über die Hälfte der MitarbeiterInnen mussten Anfang 2020 gehen. Künftig wolle man sich „auf Verpackungs- und Effizienzsteigerungen für andere Lebensmittelversorger konzentrieren“, schreibt Bloomberg. Zume äußerte sich allerdings nicht offiziell zur Geschichte.

Garden: Bekannt aus Gaming-Branche

Das charismatische Auftreten von Alex Garden dürfte ihm einige Türen geöffnet haben. Oder, wie Bloomberg schreibt: „Wenn ein Gründer dreist, charismatisch auftritt und an einen jüngeren Sohn erinnert, scheinen einige der strengen Geschäftsmodelltests von Softbank zu verschwinden“. Das bestätigte Kellie McElhaney, Gründungsdirektorin des „Zentrums für Gerechtigkeit, Geschlecht und Führung“ an der University of California, gegenüber dem Magazin. „Ich habe noch nie Daten gesehen, die darauf hindeuten, dass charismatisches, selbstbewusstes und übermäßig dreistes Verhalten mit einem erfolgreichen Geschäft verbunden ist“.

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Im Falle von Alex Garden war das offensichtlich egal. Er kommt ursprünglich aus der Welt der Videospiele. 2004 verkaufte er seine Firma Relic Entertainment für 10 Millionen US-Dollar und begründete 2015  Zume gemeinsam mit der  Gastronomin Julia Collins. Die Idee: Pizza unterwegs zubereiten, damit sie immer noch heiß und frisch ist, wenn beim Kunden ankommt.

Zume lieferte 2016 die ersten Pizzen – und kam auf Yelp und Co laut Bloomberg durchaus gut weg. Probleme gab es trotzdem einige – oft banaler Natur: So verlief beispielsweise der Käse unkontrolliert, wenn die Lastwagen in Kurven führen oder auf Unebenheiten auf der Straße stießen. Später parkten die „Ofenlastwägen“ nur noch an zentralen Orten, von wo aus Autos oder Mopeds die gekochten Pizzen weitertransportierten.

Große Visionen

Dennoch glaubte Alex Garden weiter an seine Vision. Er wollte „der Tesla oder das Amazon der frischen Lebensmittel sein“. Seine große Idee wuchs damit immer weiter an. Der neueste Plan: Eine Marke namens „Gigaranch“, die Zume im Jahr 2018 anmeldete. Ziel war, Fleisch und Käse aus pflanzlichen Proteinen hergestellt werden, wie beispielsweise Beyond Meat es macht.

Die von Bloomberg Businessweek überprüften Finanzschätzungen für Mitte 2018 von Zume prognostizierten einen Umsatz von rund 250 Millionen US-Dollar für das letzte Quartal 2020 und von fast einer Milliarde US-Dollar in den letzten drei Monaten des Jahres 2021, hauptsächlich aus der Erbringung von Dienstleistungen für andere Lebensmittelunternehmen.

Zeit für Partys

Im Herbst 2018 kam dann endlich das Geld von Softbank – und damit die erste große Party für die Angestellten von Zume. Passenderweise nannte Alex Garden das Fest „Tag Z“, es hätte ein rauschendes Fest werden sollen. Während die Mitarbeiter im Garten feierten, soll der CEO seinem Führungsteam eine „weitläufige, vage Rede“ über schlechte Werte im Unternehmen gehalten haben. Die Stimmung soll damals schon gekippt sein. Die Mitbegründerin Julia Collins war da bereits weg.

Keine Transporter, aber ein Doppeldeckerbus

Der Schein musste aber offenbar ohnehin schon eine Weile länger gewahrt werden. Während FedEx, UPS und Kroger (die größte Lebensmittel-Supermarktkette der USA, Anm.) Investitionsanträge und Hilfe bei der Anschaffung von 10.000 Transportern ablehnten, kaufte Garden einen Doppeldeckerbus für den Tag Z an und taufte ihn Martha. Martha passte allerdings nicht auf das Partygelände und steht heute zum Verkauf.

Auch andere Ideen, wie beispielsweise die Entwicklung proprietärer Batterien und Ladestationen für die Pizza-Truck, gingen nicht auf. Zuletzt forschte das Team an Sensoren, um festzustellen, wann heiße Lebensmittel für die Lieferung zu stark abgekühlt waren. Auch das führte nicht zum Erfolg. Zume verzeichnete 2019 einen Umsatz von deutlich unter einer Million US-Dollar, schreibt Bloomberg unter Berufung auf Insider.

Der Anfang vom Ende

Der letzte Clou sollte dann im Juni 2019 stattfinden. Damals kaufte Zune eine Firma namens „Pivot Packaging“, mit dem Ziel, fortan kompostierbare Behälter an andere Unternehmen zu verkaufen. Im Oktober fand ein eintägiger Test in einer Pizza Hut-Filiale in Phoenix statt. In einigen Staaten, einschließlich San Francisco, dürfen die Kartons jedoch keine Lebensmittel enthalten, da sie die als „PFAS“ bekannten Chemikalien enthalten, die Menschen schaden können. Alex Garden hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits von Zume distanziert.

Die weiteren Führungskräfte gingen nach und nach im Spätsommer und Herbst 2019. Danach seien rund 360 Entlassungen hierarchisch schlechter gestellter MitarbeiterInnen gefolgt. Garden sei während dieser Entlassungen anwesend gewesen und habe zugesehen, wie seine ehemaligen Mitarbeiter ihre Schreibtische packten.

Bloomberg schließt mit einer passenden Anekdote: Ein abgehender Mitarbeiter fragte im Namen der Belegschaft, ob er das übliche Mittagessen beibehalten werden könne. Könne er nicht, erklärte ein HR-Kollege. Stattdessen soll er – wie die gesamte Führungsriege – zu den nächsten Bars marschiert sein. Die Taschen waren voll mit Abfindungszahlungen – indirekt finanziert von Softbank.

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