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Phänomen Gorillas: Wie Dark Stores das klassische Supermarkt-Modell angreifen

Gorillas-Fahrer beim Foto-Shooting. © Gorillas
Gorillas-Fahrer beim Foto-Shooting. © Gorillas

Same-Day Delivery war gestern. Wer als E-Commerce-Gründer etwas auf sich hält, der bietet Lieferung in zehn Minuten an. Kunden sollen nicht ein paar Stunden auf der Couch auf ihre Ware warten, sondern quasi mit dem Finger schnippen, um sich Bier, Chips, Olivenöl, Bananen und Co. herbei zu zaubern. Möglich gemacht wird der Trick durch Apps, hinter denen Flotten an Fahrradboten und ein Netz aus so genannten Dark Stores arbeiten. Bei letzterem handelt es sich um Mikro-Lager für die Produkte, die möglichst nah am Kunden eine Auswahl an begehrten Produkten halten und überall dort eingerichtet werden können, wo es Lagerfläche gibt.

In Städten wie Berlin, Hamburg, Paris, London oder Amsterdam (und bald auch Wien) bekommt man von den versteckten Dark Stores, die dem klassischen Supermarkt bald im großen Stil Konkurrenz machen wollen, nichts mit. Und doch sind sie da, damit Fahrradboten in unter 30 Minuten die bestellen Güter zustellen können. Hinter dem Dark Stores stecken gut finanzierte Startups, die den großen Retailern Marktanteile streitig machen. Aushängeschild der (gar nicht so jungen) Branche derzeit ist das Berliner Startup Gorillas, das derzeit in einer Finanzierungsrunde eine Milliarde Dollar (bei einer Bewertung von 6 Mrd. Dollar) sucht.

Europa ist einfach spät dran

Damit sind Online-Supermärkte nach E-Scootern der nächste große Hype, in dem europäische Startups in kürzester Zeit Milliardenbewertungen von Investoren bekommen. Aber warum gerade jetzt? Dass 2021 in Europa die Blitz-Lieferdienste und Mikro-Fullfillment-Zentren um sich greifen, ist sicherlich Folge der COVID-Pandemie. Denn die Idee der superschnellen Lieferung ist bei weitem nichts Neues. Das Startup GoPuff der Gründer Yakir Gola und Rafael Ilishayev ging damit bereits vor vielen Jahren an den Start (anfangs wurden Vaporizern, Grinder und Blättchen zugestellt, später auf Knabbereien etc. ausgeweitet) und gilt mit einer Bewertung von fast 9 Milliarden Dollar als Branchenprimus. Getir in der Türkei (Bewertung: 7,5 Mrd. Dollar) ist ebenfalls seit Jahren tätig und macht nun den Sprung nach Europa. Startups aus Berlin, Paris oder London ziehen einfach nur nach.

Company Investments total Investors Founded in
GoPuff 2,4 Mrd. Dollar D1 Capital Partners, Fidelity Management, Accel, Softbank Vision Fund Philadelphia, 2013
Getir > 1 Mrd. Dollar Sequoia Capital, Tiger Global, Silver Lake, DisruptAD, Mubadala Investment Company Istanbul, 2015
Gorillas ca. 335 Mio. Dollar Coatue, DST Global, Tencent, Atlantic Food Labs Berlin, Mai 2020
Flink ca. 300 Mio. Dollar Prosus, BOND, Mubadala Capital, REWE, Target Global, Northzone, Cherry Ventures, TriplePoint Capital Berlin, Dezember 2020
Weezy 21. Mio. Dollar Left Lane Capital, Heartcore Capital London, 2019
Dija 20 Mio. Dollar Blossom Capital London, November 2020
Cajoo 6 Mio. Dollar Frst, XAnge Paris, 2020

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Die Versprechen

Die Blitzlieferdienste punkten bei Kunden wie bei Investoren in mehreren Feldern. In Deutschland ist der Retail-Riese REWE sogar eine strategische Partnerschaft mit dem Startup Flink (siehe oben) eingegangen. Das zeigt, dass das Geschäftsmodell von Betreibern klassischer Supermärkte ernst genommen wird.

  • Kundenbedürfnis: Klar, wer will nicht in zehn Minuten seine Einkäufe erledigen, anstatt sie selbst nach Hause zu tragen?
  • Green Delivery: Durch die Dezentralisierung der Lager entfallen lange Lieferstrecken, es können Fahrer mit E-Bikes oder Fahrrädern eingesetzt werden. Nicht vergessen sollte man dabei aber, dass die Lager selbst per LKW beliefert werden, und die fahren gerne mit Diesel
  • Bewussterer Konsum: Die Zustellboten können Bestellungen von bis zu zehn Kilo liefern. Im Unterschied zum großen Wocheneinkauf könnten Konsumenten so über die Woche in kleineren Einheiten bestellen, und zwar nur das, was sie wirklich brauchen. Volle Einkaufswagerl im Heißhunger-Shopping-Wahn gibt es in dem Modell nicht
  • Geringere Kosten: Im Unterschied zum klassischen Supermarkt braucht es weniger Fläche, Energie, Personal etc. für die Lagerung der Produkte
  • Kleineres Sortiment: Weniger ist manchmal mehr. Eine beschränktes Sortiment bietet den Betreibern durch künstliche Verknappung auch die Möglichkeit, Werbung für Produkte in ihren Apps zu verkaufen oder für das Listing von Produkten zusätzliches Geld zu verlangen. Am Ende zählt der Kundenkontakt und eröffnet so neue Marketing-Kanäle
  • Ausweitung des Geschäftsmodells: Spezialisierte Blitzlieferdienste für Medikamente, alkoholische Getränke, Zigaretten, Elektronikzubehör usw. sind denkbar, Steht einmal die Infrastruktur, kann man alles liefern, was in einen Fahrradboten-Rucksack passt.

Die Kritiker

Wie bei allen neuen Geschäftsmodellen gibt es viele Punkte, die kritisiert werden. Wie bereits berichtet sorgen die Dark Stores bei Anrainern rund um die Standorte für Ärger und Proteste. Lärm, Stau und verstopfte Gehsteige zählen zu den Problemen, die die Mikro-Logistikzentren und die Fahrradflotten verursachen. Auch die Arbeitsbedingungen stehen in der Kritik. Unter Gorillasriders.com haben sich Fahrer des Berliner Milliarden-Startups formiert und fordern.

  • Pünktliche Gehaltszahlungen mit genauen Trinkgeldbeträgen
  • Ordnungsgemäß desinfizierte Schutzausrüstung für Mitarbeiter zum Schutz vor COVID
  • Vollständige Einhaltung aller arbeitsrechtlichen Vorschriften in den jeweiligen Ländern
  • Ordnungsgemäße Prüfung von Beschwerden und Anregungen der Mitarbeiter durch das Unternehmen
  • Freie Entfaltung von Arbeitnehmerrechtsorganisationen und Gewerkschaften ohne Angst vor Gewerkschaftszerschlagung oder unrechtmäßiger Entlassung

Damit sind die Online-Supermärkte sehr schnell dort angekommen, wo börsennotierte Lieferdienste wie Delivery Hero bereits sind: bei den ganz analogen Problemen der Gig Economy.

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