Gastbeitrag

Peter Schmidt von Logiscool.at: „Digitaler Konsum ist nicht gleich digitale Kompetenz“

Peter Schmidt, Geschäftsführer von Logiscool Austria. © P. Schmidt
Peter Schmidt, Geschäftsführer von Logiscool Austria. © P. Schmidt

Die Bundesregierung will im Rahmen der „Digital Roadmap“ Österreich zum Innovations-Leader in Europa machen und die Digitalisierung nutzen, um den Wirtschaftsstandort zu stärken. Im Rahmen einer Online-Diskussion sind alle Bürger bis 30. März (die Frist wurde verlängert) gefragt, sich mit ihren Vorschlägen einzubringen. Vertreter der österreichischen Start-up-Szene und mit Neugründungen befassten Experten veröffentlichen hier ihre Ideen – heute ist Peter Schmidt, Geschäftsführer von Logiscool Austria, einer Programmierschule für Kinder, an der Reihe:

Medieninnovationen machten uns immer schon Angst. Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. warnte Sokrates vor der Verdummung durch die Einführung der Schrift. Nicht viel anders verhielt es sich beim Buchdruck, oder der Erfindung des Rundfunks. Neues macht nun mal Angst – so tickt der Mensch. Genau diese Erfahrung mache ich heute beim Thema Digitalisierung. Als Unternehmer ist es mein Ziel  SchülerInnen Programmieren/Coding beizubringen, d.h. digitale Schreibfähigkeit zu vermitteln. Ich merke in der täglichen Praxis, dass Eltern und Lehrer dem Thema sehr oft mit Angst begegnen, anstatt die Chancen hinsichtlich Berufsaussichten und gesellschaftlicher Teilhabe zu erkennen.

Man kann von der derzeit laufenden Digitalisierung halten was man will. Eines ist dabei aber sicher: Sie ist nicht mehr zu stoppen und wird unser Leben verändern – schneller als wir uns das jetzt vorstellen können. Bis 2020 werden europaweit 825.000 unbesetzte Stellen im Bereich IKT entstehen, schätzt die EU-Kommission. Angst ist auf diesem Weg kein guter Begleiter. Bei diesem Problem muss die Digital Roadmap Austria ansetzen. Kindern muss ehestmöglich die notwendige digitale Kompetenz vermittelt werden.

Eltern sind überfordert

Ich treffe laufend Eltern, die mit dem Medienkonsum der Kinder überfordert sind, Lehrer, denen von Eltern der Ball zugespielt wird “macht ihr doch was” und Kinder, für die Internet, Apps, Smartphones, VR das natürlichste auf der Welt sind. Die alle Gadgets wie im Schlaf bedienen können, aber nur selten die Zusammenhänge der digitalen Medienwelt verstehen. Leider wird oft eines verwechselt: digitaler Konsum ist nicht gleich digitale Kompetenz. Wir sehen Kids Tablets und Smartphones bedienen, als wäre die Bedienungsanleitung in ihre DNA eingebrannt. Eltern verfallen oft dem Aberglauben, die Kinder würden bewusst, selbstgesteuert und wissend mit der Technik umgehen… Dem ist nicht so! Oft ist es ein bloßes Nachahmen, Befehle ausführen, sich mit der Bedienung einer App mit fünf Buttons, oder vielleicht nur legeres links-rechts Wischen. Fakt ist: Passiver Konsum herrscht vor.

Was kann also getan werden? Die Frage ist nicht, wie kann ich mein Kind und mich vor dem Konsum schützen, sondern: Wie machen wir das Beste daraus? Wie schaffen wir es, Kinder durch die Digitalisation als mündige Bürger, die kritisch an der Gesellschaft partizipieren, auszubilden.

Folgende Anknüpfungspunkte sehe ich konkret in Schule/Bildung:

  • Erhöhung der Praxisorientierung: wirtschaftliche Kompetenz und digitale Kompetenz erhöhen.
    Das heißt gleichzeitig aber auch: nicht immer nur obendrauf, es muss auch was weg vom Lehrplan, sonst kommt die Überforderung bei Lehrern und Kindern.
  • Im Klassenraum muss eine 2-Wege-Kommunikation möglich sein. Weg von alten Mustern wie: Lehrer vorne – vermittelt Wissen – SchülerInnen saugen Wissen auf und spucken bei der nächsten Schularbeit aus. Lehrer müssen es vielleicht in Zukunft aushalten, dass SchülerInnen sich bei gewissen Themen sogar besser auskennen als sie selbst.
  • Stärkerer Fokus auf Methodenkompetenz statt Wissensvermitlung. Große Zusammenhänge verstehen aber nicht unnötiges Auswendiglernen von Zahlen, Daten, Fakten, die man in Sekundenbruchteilen online bekommt. Wichtig ist zu wissen, wo sind vertrauenswürdige Quellen, wie komme ich zu qualitativ hochwertigen Wissen.

Wer kennt nicht die Verkehrsübungsplätze, in denen Kinder auf das richtige Verhalten im Straßenverkehr vorbereitet werden? Genauso muss auch das richtige Verhalten in der digitalen Welt früh genug vermittelt werden. Wer würde denn sein Kind auf die Straße lassen, ohne zumindest mal auf Zebrastreifen und Ampeln aufmerksam zu machen?!

Holen wir die Kinder in ihrer Lebenswelt ab! D.h. computational thinking nicht über uralt Datenbanken und boolesche Algebra vermitteln sondern spielerisch und erlebnisorientiert.

Ein Stufenmodell wäre ideal:

ab 1. Schulstufe: Nutzung digitaler Inhalte und interaktiver Umgang diesen (e-books, learning-mangagement-systeme, e-learning,…)
ab 2. Schulstufe: Internet Safety/Datenschutz/Verhaltensregeln
ab 3. Schulstufe: computational thinking/coding: analog und digital vermittelt
ab 5. Schulstufe: Anwenderkenntnisse für die Praxis (Word, Excel, Bildbearbeitung, Videoschnitt, Google und co.)

Den Standort stärken

Wieso das Ganze? Weil es letztlich um unseren künftigen Wohlstand geht. Österreich ist das zwölft reichste Land der Erde. Wir besitzen aber keine Öl- oder Gasvorkommen. Unser wertvollster Rohstoff ist das Wissen, die gut ausgebildeten Arbeitskräfte, die den Wirtschaftsstandort trotz hoher Abgaben zu einem der wettbewerbsfähigsten der Welt machen. Die Schlagworte Digitalisierung, künstliche Intelligenz oder Industrie 4.0 prägen unsere künftige Arbeitswelt. Tun wir etwas, um zukunftsfähig zu sein!

Heutige SchülerInnen werden in ihrem späteren Job häufiger mit Maschinen/Computern kommunizieren als mit Menschen. Es ist also unumgänglich  “deren Sprache” zu sprechen. Der Code ist die Fremdsprache des 21. Jahrhunderts. Oder um es mit Todd Park, U.S. Chief Technology Officer, zu sagen:

“Technology and computers are very much at the core of our economy going forward. To be prepared for the demands of the 21st century — and to take advantage of its opportunities — it is essential that more of our students today learn basic computer programming skills, no matter what field of work they want to pursue.”

Wie vor 20 Jahren Englisch mit Einzug der Globalisierung immer wichtiger wurde, so sind es jetzt Coding-Kenntnisse. Vor meiner Selbständigkeit habe ich acht Jahre in einem multinationalen Konzern im HR-Bereich gearbeitet. Digitale Anwenderkenntnisse zu haben, gehört mittlerweile zu den unabdingbaren Standards einer jeden Bewerbung.

Lasst uns nicht an den Bedürfnissen des Jobmarktes vorbeileben und lasst unseren Kindern relevantes Wissen zukommen! Liebe Wirtschaft: artikuliert euren Bedarf, kämpft um gut ausgebildete Arbeitnehmer, das ist das einzige, was auf den globalen Markt den Unterschied ausmachen wird.

Liebe Eltern! Lasst euch helfen. Es ist keine Schande sich nicht auszukennen, eure Kinder würden auch ganz schön blöd schauen, wenn ihr ihnen eine Kassette und Walkman auf den Tisch knallt mit der Ansage: Und jetzt viel Spaß beim Musikhören!

Es gibt wirklich tolle Plattformen wie saferinternet.at und www.digi4family.at, die euch Kompetenzen vermitteln können. Idealerweise seid ihr in die ersten beiden Punkte des Stufenmodels an Schulen direkt eingebunden. Bringt ja nicht viel, wenn die Kinder ebooks, elearning nutzen und ihr kommt ins Schwitzen, wenn sie euch die Hausaufgaben zeigen. Der digitale Wandel ist da, nützen wir gemeinsam die Chancen und Möglichkeiten, die er mit sich bringt.

Alle weiteren Gastbeiträge zur Digital Roadmap finden sich hier. Wenn auch du dich mit deinen Ideen für Österreichs Digital Roadmap in Form eines Gastbeitrags einbringen willst, dann schreib eine Mail an feedback@trendingtopics.at.

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