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Interview

Startup-Europa im Investment-Rausch – und die Gefahr des Ausverkaufs

Patrick Ratheiser (Leftshift One) und Wolfgang Lechner und Magdalena Hauser (ParityQC). © Leftshift One
Patrick Ratheiser (Leftshift One) und Wolfgang Lechner und Magdalena Hauser (ParityQC). © Leftshift One

Im Tagesrhythmus darf man derzeit in Europa über neue Unicorns und Rieseninvestments jubeln. Ob Klarna, Northvolt, Revolut, Cinch, Trade Republic oder Celonis – 2021 ist das Jahr der Mega-Investments. Doch Moment mal: Woher kommen denn die vielen Milliarden, die da in Tech-Scaleups quer über den Kontinent fließen? Meistens, zeigt die Statistik, aus den USA, aus dem Mittleren Osten, aus Asien. Kaum eine große Finanzierungsrunde wird von europäischen Geldgebern alleine getragen.

Auch österreichische Gründer setzen sich derzeit intensiv mit diesem Markt-Trend auseinander. Einerseits sehen sie die Notwendigkeit einer „Technology Sovereignty“ gerade bei fundamentalen Zukunftstechnologien wie AI oder Quanten-Computern – doch andererseits immer noch zu wenig Commitment der Politik, etwas dazu beizutragen.

Europas Rennaissance 2.0

Im Interview sprechen Magdalena Hauser und Wolfgang Lechner, Gründer des Quanten-Computer-Startups ParityQC, und Patrick Ratheiser, Mitgründer des AI-Startups Leftshift One, über die Lage bei Investments, die Absicherung vor internationalen Mitbewerbern

Trending Topics: Europas Startups und Scale-ups sehen dieses Jahr eine echte Geldschwemme, noch nie wurde so viel investiert. Holt Europa nun endlich zu den USA und Asien auf?

Ratheiser: Wir orten hier tendenziell einen europäischen Aufwärtstrend, wenngleich auf einem bescheidenen Niveau. Um hier eine nachhaltige Entwicklung sicherzustellen, braucht es aus unserer Sicht ein klares Bekenntnis der EU zu Startups. Dazu müssen nicht nur die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Startups vereinfacht bzw. verbessert werden, sondern auch Themenschwerpunkte präzisiert werden. Heißt: Europa ist dort stark, wo das Vertrauen in die Technologie besonders groß sein muss. Ethik, Datensicherheit – oder aber auch MedTech sind etwa Segmente, in denen sich die EU stärker engagieren müsste.

Hauser: Es wurde im Vergleich zu den Vorjahren mehr Geld in größere Runden – vor allem auch in österreichische Startups – gesteckt, was für uns ein Zeichen ist, dass es langsam einen Umschwung im Denken gibt, wie groß ein Scale-up in Europa werden kann. Allerdings sind wir von Summen wie in den USA vor allem im Quantum Computing noch weit entfernt. Nur als Beispiel: Gerade letzte Woche wurden 450 Mio. Dollar in PsiQuantum investiert, davor 650 Millionen in den SPAC von IonQ.

Auch in Österreich gibt es seit 2021 nun Unicorns zu feiern. Gibt es eine Aufbruchstimmung in der Szene, fühlt ihr das bei euren Unternehmen?

Lechner: Was wir mitbekommen ist, dass bestimmte Themen vor allem im DeepTech-Bereich mehr Aufmerksamkeit bekommen. Angespornt von der Konversation rund um „Technology Sovereignty“ in Europa, gibt es auch in Österreich immer mehr Bestrebung in Technologien zu investieren, die einen längeren Entwicklungshorizont aufweisen.

Ratheiser: Definitiv tragen heimische Unicorns zu einer dynamischeren Entwicklung bei, denn sie begünstigen sicherlich den Weg für andere Unternehmen auf dem Weg zu diesem Status – und lenken den Fokus auf die massive Innovationskraft, die von österreichischen Startups ausgehen kann.

Leftshift One: Die KI soll künftig dynamisch Prozesse automatisieren

Leftshift One bei AI, und ParityQC bei Quanten-Computer – bekommen diese beiden Zukunftsthemen, die man auch als kritische digitale Infrastruktur ansehen kann, genug Aufmerksamkeit von den Investoren?

Ratheiser: Unternehmen nutzen KI, um schneller bessere Entscheidungen zu treffen, um Anomalien zu identifizieren und Schwachstellen zu erkennen – und das branchenübergreifend. Dabei lassen wir auch das implizite Wissen der Mitarbeiter in Schlüsselprozesse wie Predictive Maintenance, Predictive Quality und Data Analytics einfließen. Innerhalb weniger Wochen haben wir mittlerweile funktionsfähige Prototypen mit Mehrwert in Unternehmen im Einsatz.

Was ich damit sagen will: Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein zentrales Zukunftsthema, sondern mittlerweile auch längst in der wirtschaftlichen Gegenwart angekommen. Das spüren wir auch auf Seite der Investoren. Wir sind häufig mit neuen Anfragen konfrontiert. Die Aufmerksamkeit der Investoren für künstlich Intelligenz ist hoch.

Hauser: Der Quantencomputer-Markt ist noch relativ jung. Allerdings sehen wir, dass immer mehr Investments getätigt werden. In 2020 wurden über 670 Millionen Dollar in Quantenhardware und -software investiert. Was es vor allem neben Private Equity fehlt, sind staatliche Aufträge. Der Weg zum voll funktionalen Quantencomputer ist noch lang und um Unternehmen hier langfristig zu etablieren und nachhaltig zu fördern, müssen Staaten Aufträge statt Förderungen vergeben.

Silicon Valley ist zum Beispiel um das NASA Ames Research Center entstanden, welches bereits sehr früh Großrechner in Auftrag gegeben hat, noch bevor diese direkten kommerziellen Nutzen hatten. Dies könnte ein Vorbild sein für die Entwicklung eines Quantum Silicon Valley in Europa.

DeepTech braucht in der Regel mehr Risikokapital und hat viel längere Entwicklungszyklen als etwa Software-Produkte für Konsumenten. Wären die Taschen europäischer Investoren tief genug? Europa ist und bleibt ja eigentlich ein reicher Kontinent.

Lechner: Europa hätte auf jeden Fall das Potential, hier weiter vorne mitzumischen. Ob man das gleiche Kapital wie USA oder China aufwenden muss, glauben wir nicht. Die meisten fundamentalen Meilensteine im Bereich Quantum Computing wurden in Europa gelegt. Wichtig ist es, dass wir dieses Potenzial und Know-How nun auch verwerten. Darin liegt auch unsere Philosophie. Wir halten Schlüsselpatente, mit denen wir mit Quantenherstellern aus der ganzen Welt arbeiten können. Unser Angebot an Europa ist es, von dem bereits etablierten Know-How der Hersteller zu profitieren, sie mit unseren Patenten zu verknüpfen und die Wertschöpfung nach Europa zu holen.

Ratheiser: Eine attraktive Forschungslandschaft, Venture Capital und Innovationskraft wären in Europa definitiv grundsätzlich vorhanden. Was noch fehlt, ist ein wesentlich mutigeres Mindset und ein Commitment von politischen Entscheidungsträgern, Start-ups aus dem DeepTech-Segment als eine der zentralen europäischen Säulen wahrzunehmen. Im Bereich der ethischen AI verzeichnen wir aktuell etwa ein rasantes dynamisches Wachstum, wodurch sich zusätzliche Marktchancen ergeben.

ParityQC: Tiroler Quanten-Startup angelt sich NEC aus Japan als Partner

Auch in Österreich, aber generell in Europa sieht man, dass die großen Runden meistens von US-amerikanischen oder asiatischen Geldgebern abhängen. Droht die Gefahr, dass Europa gerade um seine nächste Innovationswelle leergekauft wird?

Hauser: Ja.

Patrick Ratheiser: Ein aus unserer Sicht durchaus bedrohliches Szenario: Denn Europa verliert nicht nur potenzielle Zukunftsbranchen, sondern gerät bei digitalen Wertschöpfungsketten ins Hintertreffen. Unser Kontinent setzt damit seine Zukunft aufs Spiel. 

Welche Strategien verfolgt ihr, um euch gegen die große internationale Konkurrenz abzusichern? Würdet ihr bestimmten Investoren und Partnern absagen?

Ratheiser: Unser KI-Betriebssystem reduziert nicht nur die Dauer bis zur Projektrealisierung und damit Kosten, sondern gibt Anwendern alle Werkzeuge zur selbstständigen Prozessautomatisierung auf Basis von KI in die Hand. Soll heißen: Nur der stetige technologische Fortschritt sichert uns vor der internationalen Konkurrenz ab. Nur Investoren und Partner, die diese Philosophie mit uns teilen, ziehen wir grundsätzlich in Betracht.

Lechner: Wir sehen uns grundsätzlich immer genau an, mit wem wir langfristig zusammenarbeiten wollen – vor allem auf der Investorenseite. Auf Seiten der Partner sind wir allerdings offener.

Trending Topics: Patente gelten als Mittel, um sich gegen Copycats aus dem Ausland zu schützen. Stimmt das?

Hauser: Es scheint derzeit ein Weg zu sein, sich zumindest teilweise abzusichern. Noch viel wichtiger als Patente ist es, immer zwei Schritte voraus zu sein. Bei uns sieht das z.B. folgendermaßen aus: Wir haben eine fundamentale Architektur entwickelt, auf der mittlerweile Patente auch von anderen Gruppen bzw. Unternehmen weltweit aufbauen. Da wir uns in einem sehr rasch weiterentwickelnden Markt befinden, ist es umso wichtiger für uns, hier als Innovation-Leader dem Markt voraus zu sein. Wir arbeiten sehr eng mit der Universität Innsbruck über Wolfgangs Forschungsgruppe zusammen, in der sich über 15 Personen mit der Grundlagenforschung rund um die ParityQC Architektur beschäftigen.

Ratheiser: Nur bedingt. Das Problem des Kunden vollumfänglich verstehen, innovative KI-Lösungen entwickeln und stets besser als die Konkurrenz zu sein – nur das schützt tatsächlich.

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