Das Mimikama-Phänomen

„Ohne Plan, ohne Konzept“: Wie „Zuerst denken – dann klicken!“ fast 600.000 Facebook-Likes schaffte

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Tom Wannenmacher, der Gründer von Mimikama.at und ZDDK.eu. © Jakob Steinschaden
Tom Wannenmacher, der Gründer von Mimikama.at und ZDDK.eu. © Jakob Steinschaden

Die “internationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetmissbrauch” (Selbstbeschreibung) befindet sich in einem Haus im 3. Wiener Bezirk und ist halb Wohnung, halb Büro. Nein, es ist nicht eine Abteilung von Interpol oder des Bundeskriminalamts, die hier logiert, es ist jene Adresse, von der aus eine der populärsten Facebook-Seiten Österreichs betrieben wird. “Zuerst denken – dann klicken!” (oder kurz ZDDK) wird vom Wiener Verein Mimikama gemacht und ist ein echtes Online-Phänomen. Die Seite hat fast 590.000 Facebook-Likes und damit mehr als Ö3, Kronehit oder derStandard.at, gehört in Deutschland zu den Top 30 in Social Media meist geteilten Webseiten und kann pro Monat zwischen drei und vier Millionen Aufrufe auf die verknüpfte Webseite Mimikama.at leiten.

ZDDK bzw. Mimikama ist vielen jener Internetnutzern ein Begriff, die schon einmal eine Warnung zu Phishing-Attacken, Trojanern, gefälschten Direktnachrichten oder zwielichtigen Gewinnspielen auf Facebook gelesen haben. Und sie kennen möglicherweise den “Oberdaumen”. Der “Oberdaumen”, das ist der Spitzname des Grazers Tom Wannenmacher, eigentlich gelernter Web-Grafiker und Zuckerbäcker, der Mimikama.at vor etwa viereinhalb Jahren ins Leben rief. Mimikama wählte er deswegen als Name, weil es “Gefällt mir” auf Suaheli heißt, der Daumen im Logo brachte ihm dann den Spitznamen ein.

Facebook-Seite mit bald 600.000 Likes.
Die verifizierte Facebook-Seite mit bald 600.000 Likes.

“Ich hab einfach mal gemacht”

“Mimikama ist einfach passiert. Ich bin selber Opfer eines Betrugs auf Facebook geworden, das war der Auslöser. Da hab ich mir gesagt: Ich möchte meine Freunde vor diesen Betrügern warnen. Zuerst habe ich auf meinem privaten Profil gepostet, und dann habe ich eine Seite gemacht”, sagt Wannenmacher (46) beim Besuch von TrendingTopics.at. Heute posten er und seine Mitstreiter im Stundentakt Warnungen zu Betrügereien und Fallen im Netz, zuletzt vor allem zu Falschmeldungen über Flüchtlinge, die in dem Social Network kursieren. “Ohne Plan, ohne Konzept, ich hab einfach mal gemacht”, sagt Wannenmacher.

Heute arbeiten nben Wannenmacher der Deutsche Andre Wolf, der extra nach Wien gezogen ist, und eine geringfügig Beschäftigte für den Verein. Und: „Im Hintergrund agiert ein Team, das ist zwischen zehn und fünfzehn Personen groß und kommt aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da sind vom Hartz-IV-Empfänger über die pensionierte Dame bis zum Schweizer Top-Manager viele verschiedene Typen dabei“, sagt Wannenmacher. Die meisten wären ursprünglich Fans seiner Facebook-Seite gewesen, hätten regelmäßig gepostet und seien dann von ihm in eine geheime Gruppe eingeladen worden. Dort werden die Beiträge gemeinsam diskutiert und recherchiert – allerdings nicht so, wie man es in einer herkömmlichen Redaktion gewohnt ist.

“Die Nutzer machen das Programm”

“Wir passen uns den Usern an, die Nutzer machen das Programm. Wenn es viele Anfragen zu einem Thema gibt, dann kümmern wir uns drum. Wir fangen zu recherchieren an, wenn wir zu einem Thema mehr als 200 Anfragen in kurzer Zeit bekommen. Dann spürt man es, dass da gerade auf Facebook etwas brodelt. Wenn wir was wissen, schreiben wir drüber, wenn nicht, dann nicht, wir haben ja keine Ahnung von Journalismus, wir machen einfach”, sagt Wannenmacher. Wenn einmal ein Thema gefunden ist (kürzlich etwa gab es Artikel über PayPal-Betrügereien, gefälschte Facebook-Profile oder eine Warnung vor einer Fake-Meldung über Flüchtlinge in Magdeburg), dann dauere es zehn bis fünfzehn Minuten, bis man mit einem Beitrag online sei. „Wir gehen ein Tempo, bei dem viele Medien nicht mitkommen. Wenn wir eine Story rausstellen, dann siehst du auf Google Analytics, wie es abgeht. Wuff, und die Servern rattern“, sagt Wannenmacher.

Wie qualitativ diese Meldungen sein, darüber lässt sich streiten. “Fehler haben wir meines Wissens nach noch keinen gemacht. Wo wir aber oft falsch liegen, ist bei der Rechtsschreibung”, lacht der Grazer. Auch das Design der Webseite fällt nicht unbedingt in die Kategorie “Award-verdächtig”. Den “Gefällt mir”-Daumen hat Wannenmacher bei der Micky Maus geliehen, den Slogan “Zuerst denken, dann klicken” von einem Spruch seiner Mutter abgeleitet, und das bekannte Kürzel ZDDK haben die User gewählt. “Ja, bei uns regiert der Zufall.”

3 bis 4 Mio. Seitenaufrufe pro Monat: Mimikama.at
3 bis 4 Mio. Seitenaufrufe pro Monat: Mimikama.at

So zusammengeschustert Mimikama und ZDDK auch wirken, eines können der bodenständige Grazer und sein Team bestimmt: Sie treffen mit Thema und Sprache den Nerv eines breiten Online-Publikums und verfassen die Artikel so, dass sie bei den Lesern ankommen – 400.000 User-Interaktionen auf Facebook (Likes, Shares, Kommentare) bekommen die Beiträge pro Monat, pro Woche wächst die Seite im Schnitt 2500 neue Likes.

Geldgeber Kaspersky, Partner Facebook

Die Reichweite, die Wannenmacher und seine Mitarbeiter aufgebaut haben, sorgen heute dafür, dass zwei volle und eine geringfügige Stelle bezahlt werden können.”Um das Geld würde kein normaler Angestellter arbeiten. Da steckt viel Herzblut mit drinnen, wir haben einfach Spaß an der Arbeit”, sagt Wannenmacher. Wichtigste Einnahmequelle ist der Hauptsponsor Kaspersky, eine bekannte Security-Firma aus Russland, die Mimikama.at auch schon den Auftritt auf der CeBIT-Messe in Hannover ermöglichte (dort lernte Wannenmacher zufällig, eh klar, Wolf kennen).

“Wir bekommen keine Vorgaben von denen. Aber wir veröffentlichen redaktionelle Artikel von Kaspersky, in denen sie als Experte dastehen. Es geht nicht drum, Software zu verkaufen, sondern sie als jene darstellen, die wissen, wovon sie reden”, sagt Wannenmacher. Außerdem hat man Partnerschaften mit der Initiative Saferinternet.at, dem österreichischen Internet-Ombudsmann sowie mit der Mainzer Anwaltskanzlei Gulden Röttger Rechtsanwälte. Mittlerweile sind auch Medienhäuser an den Inhalten und der Reichweite von ZDDK interessiert, und im TV treten Wannenmacher und Wolf bereits regelmäßig als Experten auf (zuletzt u.a. im ZDF).

Beim Thema Facebook und Datenschutz wird Wannenmacher vorsichtig. “Das ist ein Thema, das wir nicht angreifen, wir sind nicht wie der Max Schrems. Wenn jemand auf Facebook ist, muss er akzeptieren, dass es so rennt wie es rennt. Ich als Mimikama kann dagegen ja auch nichts tun”, sagt er. Die Abhängigkeit von Facebook versucht man derzeit aber ein wenig zu lockern, indem man unter www.zddk.eu ein eigenes Forum mit aktuell etwa 8000 Nutzern aufgemacht hat. Und es gibt möglicherweise auch bald Nachwuchssorgen: “Die Kids, die interessiert Facebook nicht mehr, die sind auf Instagram unterwegs. Die 13- bis 18-Jährigen erreichen wir dort gar nicht mehr, wir erreichen dort eher deren Eltern.”

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