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OeNB-Experte: „Blockchain kann eine Inspiration für eine Reform der Organisationen sein“

Geld: In Gold, Plastik und Bits. © Österreichische Nationalbank
Geld: In Gold, Plastik und Bits. © Österreichische Nationalbank

Beat Weber arbeitet in der Abteilung für Integrationsangelegenheiten und Internationale Finanzorganisationen in der Oesterreichischen Nationalbank und ist einer der Experten für Krypto-Währungen. Er hat 2015 die Thesis „Bitcoin and the legitimacy crisis of money“ geschrieben. Wir haben Beat Weber um ein Interview über Regulierungen, die Zukunft der Blockchain und die Preisentwicklung der digitalen Währungen gebeten.

Trending Topics: Seit Beginn des Jahres hat sich der Bitcoin-Preis mehr als verdoppelt. Ethereum stieg von acht Dollar zu Jahresbeginn auf zeitweise 400 Dollar. Wie schätzen Sie diesen Hype ein, Herr Weber? Sind das Zeichen einer Blase? 

Beat Weber, OeNB: Gewöhnliche Währungen haben einen Ausgeber, der die Aufgabe hat, den Wert zu stabilisieren. Krypto-Währungen sind bewusst so konzipiert, dass es keinen Ausgeber gibt. Stattdessen gibt es eine automatisierte Regel, die das Angebot bis zum Erreichen einer Obergrenze schrittweise erhöht. Der Wert ist somit weitgehend von der Nachfrage abhängig. Anders als bei Aktien, die im Zentrum der erwähnten Dotcom-Blase standen, wo erwartete Ertragskraft der betreffenden Unternehmen und mögliche Kursgewinne die Nachfrage bestimmten, gibt es bei Kryptowährungen keine Ertragskraft. Auch für Aufgaben einer Währung (Recheneinheit, Zahlungsmittel, liquides Wertaufbewahrungsmittel) sind sie aufgrund ihrer Volatilität ungeeignet. Die Hoffnung auf Kursgewinne und somit das spekulative Element stehen auf dem Markt im Vordergrund.

Wie interpretiert die österreichische Nationalbank die dahinterliegende Technologie Blockchain? 

Die Blockchain ist eine originelle technologische Innovation. Der Wechsel auf die dezentrale Interaktion verspricht aufgrund der festgelegten technischen Regeln Vorteile gegenüber einer Interaktion mit einem regelunterworfenen Kernverantwortlichen. In diesem Bereich kann die Blockchain eine Inspiration für eine Reform der Organisationen sein. Ob es im Bankensektor und anderswo Anwendungsbereiche gibt, für die das zutrifft, ohne dass die Verlässlichkeit, Verantwortlichkeit und andere zentrale gesellschaftliche Anforderungen gefährdet werden, ist derzeit vielerorts Gegenstand von Versuchen – mit offenem Ausgang.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat kürzlich angekündigt, die „Wild-West-Praktiken“ bei den ICOs zu beenden. Wann erwarten sie europäische Regelwerke? 

Die Europäische Kommission hat dieses Jahr eine Beobachtungsstelle für Blockchain-ähnliche Technologien eingerichtet, um die Entwicklung zu verfolgen und Expertise aufzubauen. Allfällige konkrete Regulierungsvorschläge sind damit zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt nicht unmittelbar verbunden.

Wenn Sie Ihre Fantasie walten lassen: Wie können Sie sich eine Regulierung der ICOs vorstellen? 

Mit dem Alternativfinanzierungsgesetz hat Österreich 2015 einen bedeutenden, im internationalen Vergleich durchaus beachtlichen Schritt gesetzt, um die Rahmenbedingungen für die Finanzierung von jungen und kleineren Unternehmen zu verbessern und gleichzeitig Anlegerschutz zu gewährleisten. Inwieweit sich durch die Idee, im Austausch für Finanzierungsbeiträge von Investoren digitale Jetons auszugeben, die die Nutzer untereinander handeln können, weitere rechtliche Anpassungen ergeben, wird der Gesetzgeber zu klären haben. Wenn, dann sind europäische Lösungen im Kontext des EU-Projekts „Kapitalmarktunion“ sinnvoll.

Kryptowährungen sind Handelswaren. Kann eine Änderung des Status in eine „echte“ Währung ein schnelles Ende bedeuten? 

Kryptowährungen und ihre Kursentwicklung sind globale Phänomene, deren steuerliche und regulatorische Einstufung auf die Geschäftsaktivitäten im Inland Einfluss hat. Maßnahmen des Gesetzgebers in Österreich hätten vermutlich keinen Einfluss auf die Kursbildung.

Was würden Sie Anlegern zu dem Thema raten?

Wichtig ist, dass sich Anleger bewusst sind, dass es sich hier um hochriskante Anlageformen handelt, bei denen im Extremfall das Risiko des Totalverlusts des eingesetzten Kapitals gegeben ist. Selbst im Fall von Kurssteigerungen der eigenen Bestände gegenüber dem Ankaufskurs gibt es für Verkaufswillige keine Garantie, dass sich auf den meist wenig liquiden Märkten für Kryptowährungen ein Käufer findet, der diese Bestände zu kaufen bereit ist.

Währungen funktionieren über Vertrauen. Kann man einem technischen Regelwerk mehr vertrauen als einer ausgebenden Institution?

Das Design von Kryptowährungen ist auf eine Welt ausgelegt, in der das Individuum niemandem vertrauen kann. Deswegen werden hier Kernfunktionen klassischer Intermediäre durch technische Interaktionsregeln und Verschlüsselungstechniken ersetzt. Der Kursanstieg von Kryptowährungen hat zahlreiche Anbieter von begleitenden Dienstleistungen hervorgebracht: elektronische Brieftaschen zur Aufbewahrung von Beständen, Vermittlung für An- und Verkauf, Absicherung gegen Kursschwankungen. Deren Vertrauenswürdigkeit und Gebührenstruktur sollten nicht weniger gut geprüft werden, als Produkte von regulierten Anbietern im traditionellen Finanzsektor.

Smart Contracts sind eine radikale Weiterentwicklung der verschlüsselten Dokumentenübertragung. In welchen Bereichen könnte die Blockchain für Institutionen wie die OeNB interessant sein? 

Ganz grundsätzlich schafft die Idee einer automatisierten Exekution von Kontrakten das Problem nicht aus der Welt, dass Kontrakte zwischen Vertragsparteien immer das Potenzial von Differenzen und unbedachten Eventualitäten bergen, die dann einer Entscheidung bedürfen, bei dem sich die Einschaltung von Menschen schwer vermeiden lässt.

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