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NOVOMATIC-Personalchef Niedl: „Uns werden die Jobs nicht ausgehen“

Dr. Klaus Niedl, HR-Leiter bei Novomatic © Trending Topics
Dr. Klaus Niedl, Global HR Director bei NOVOMATIC © Trending Topics

„Ich glaube, dass die Digitalisierung ganze Regionen nach vorne bringen kann“, sagt Dr. Klaus Niedl, Global HR Director bei NOVOMATIC. Wir haben uns mit dem Personalchef eines der weltweit größten Gaming-Technologiekonzerne über das eigene Unternehmen, Chancen und Risiken der Digitalisierung, den Wirtschaftsstandort Österreich, Fehler aus der Vergangenheit und iPad-Klassen unterhalten.

Welche Herausforderungen kommen auf die NOVOMATIC AG in Österreich und weltweit zu? Wie sieht die Zukunftsplanung aus?

Klaus Niedl: Ich denke, die Zukunftsplanung hat etwas damit zu tun, was die letzten Jahre bei uns passiert ist. Wir sind sehr stark gewachsen, das heißt, wir haben viele Zukäufe gemacht und derzeit liegt unser Fokus ganz klar auf der Konsolidierung der Unternehmen. Wenn man einige tausend Mitarbeiter dazubekommt, ist klar, dass man hier wieder auf die Prozesse und die Systemintegration achten muss. Auf der anderen Seite gibt es regulatorische Herausforderungen im Online-Bereich. Glücksspiel ist ja strengstens reguliert – fast stärker reguliert als die Bankenaufsicht – aber sehr gesplittet. Alleine in Amerika unterliegen wir mehr als vierzig Aufsichtsbehörden, das ist sehr, sehr kleinteilig. Wenn man erfolgreich sein möchte, muss man hier ganz stark auf diese lokalen Gegebenheiten achten – also technische Lösungen finden, die zu den Vorgaben passen. Im Online-Bereich kommt außerdem das Thema „Responsible Gaming“ immer mehr, auch hier ist es wichtig, dass wir uns weiterhin gut aufstellen.

Unternehmen wie NOVOMATIC sind führend bei der Digitalisierung. Wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

„Führend“ ist ja immer relativ. Gerade, wenn es um Technologien geht, musst du dich immer anpassen. Wir sind in einigen Themenbereichen sicher Vorreiter, beispielsweise bei den von uns entwickelten biometrischen VerfahrenGesichtserkennung, Fingerprint. Diese beiden biometrischen Verfahren werden bereits erfolgreich in Casinos und  Clubs eingesetzt.

Wofür ist das gut?

Die biometrischen Verfahren dienen einerseits der Erfüllung von gesetzlichen Auflagen und unterstützen unsere Operations andererseits bei den Maßnahmen zum Spielerschutz. Früher wurden Mitgliedskarten zur Identifikation eingesetzt, ein Missbrauch kann mit den heute eingesetzten biometrischen Verfahren beinahe zur Gänze ausgeschlossen werden. Zusätzlich erlaubt uns die eingesetzte biometrische Technik, Geld sicher und direkt auf die Maschinen zu übertragen.

Um aber noch fortzusetzen: Vor allem die Kombination aus Gesichtserkennung und Fingerprint ist etwas, das wir entwickelt haben und wo wir auch zwei Patente halten. Wir versuchen aber, nicht nur auf die Produktionsprozesse oder auf die Produkte zu achten, sondern das Gesamtheitliche zu sehen. Wir haben beispielsweise einen Software-Roboter für das Ausfüllen eines bestimmten Formulars entwickelt, um Mitarbeiter auf Reisen ins Ausland schicken zu können. Wir schicken sehr viele Mitarbeiter beispielsweise auf Messen, das heißt, die Zeitersparnis ist signifikant. Pro Person dauert es zehn Minuten, das Formular auszufüllen, der Roboter braucht für 200 Personen eine Stunde. Das ist unser Ansatz.

Interne und externe Suchen

Industrie 4.0 erfordert auch Humankapital, das die Digitalisierung umsetzen kann. Wo und wie findet NOVOMATIC passende Mitarbeiter? Worauf legen Sie wert?

Bei „Bewerbern“ denkt man immer gleich an externe Personen. Wir haben zwei Quellen, wobei eine davon intern ist. Das heißt, wir achten darauf – weil es auch immer schwieriger wird, externe Mitarbeiter zu gewinnen – dass wir unsere internen Potenziale fördern. Wir bilden beispielsweise über einen Lernverbund mit einem anderen Unternehmen unsere Lehrlinge in Robotik aus. Wir haben entsprechende Programme, auch ein „High Potential“-Programm, wo wir Mitarbeiter, die schon länger bei uns sind, fördern.

Bei den externen Bewerbern hat sich der Markt gedreht, das heißt, die warten nicht mehr auf ein Inserat, sondern da müssen wir sehr aktiv werden. Wir arbeiten einerseits über „Active Sourcing“, sprechen also Leute ganz bestimmt an, setzen aber auch Tools wie „Talentwunder“ ein, das uns die „richtigen“ Profile (für das Anforderungsprofil, Anm.) auswirft. Digitale Tools helfen uns, die richtigen Leute zu finden, die wir dann wiederum ansprechen. Außerdem fahren wir ungewöhnliche Formate, wie zum Beispiel Workshops mit Studierenden oder gehen auch als Lehrende in Bildungseinrichtungen.

Ist es schwierig, qualifizierte Bewerber zu finden? Passt die Ausbildung in Österreich im Bereich der Digitalisierung? 

Das hängt immer davon ab, von welchen Technologien wir sprechen. Wir habe beispielsweise jetzt eine Digitalisierungs- oder Automatisierungsstrategie mit SAP. Da fehlen ganz viele Berater, auch in Österreich, die unsere Mitarbeiter unterstützen können. Zum Glück gibt es aber Initiativen, die in die richtige Richtung gehen, beispielsweise die MINT-Kindergärten in Niederösterreich.

Nur: Das ist die Generation, die wir jetzt aufbauen, die dann in ungefähr zehn Jahren auf den Arbeitsmarkt kommt. Wir als NOVOMATIC müssen uns da was überlegen, weil wir wissen ganz genau, dass uns das Personal in bestimmten Bereichen ausgeht – zum Beispiel im Bereich Game Development. Spieleentwickler werden wir in zwei, drei Jahren nicht mehr vom Markt bekommen. Auch darum haben wir die Corporate Coding Academy entwickelt, eine Art Bootcamp, das komplementär zu unserem Bildungssystem läuft. Auf acht Ausbildungsplätze hatten wir 130 Bewerbungen.

Wie wird sich der Online Gaming-Markt in den nächsten Jahren entwickeln? Wo liegen künftige Herausforderungen – auch hinsichtlich Ihrer Mitarbeiter?

Online Gaming ist ein wenig wie Kaffeesud-Lesen. Das Gaming wird sicher weiterhin zunehmen, ist aber auch sehr stark reguliert. Wir orientieren uns an der regulatorischen Entwicklung. Wir arbeiten nur dort, wo auch reguliert ist und treten in keine „grauen Märkte“ein. Wir müssen erkennen, was lokal reguliert wird und müssen dann die technologischen Lösungen anbieten.

Wir wissen, dass mit der weiteren Digitalisierung das Online Gaming zunehmen wird. Da heißt es oft, das terrestrische Casino wird verdrängt. Wir merken das nicht. Einerseits kann man daran arbeiten, Online Gamer durch Loyalty-Programme in Casinos zu bringen, wofür wir sogar eigene Manager haben. Andererseits sollte man nicht unterschätzen, dass man online nicht alles kopieren kann. Beispielsweise die Atmosphäre: Es gehen ganz viele Leute ja gar nicht in die Spielstätte wegen des Glücksspiels, sondern zum gemeinsamen Fußballschauen wegen der Stimmung, für viele ältere Menschen ist es ein sozialer Treffpunkt. Das kann ich online nicht kopieren.

Digitalisierung für alle?

Im Mai dieses Jahres sagten Sie zu uns: „Wir haben eine massive Digitalisierungswelle, die nicht nur Firmen, sondern die gesamte Gesellschaft erfasst.“ – Wo sehen Sie dahingehend Chancen und vor allem Risiken?

Wir sind ja in Österreich in vielen Bereichen ein Nischenanbieter und haben nur ganz wenige richtige globale Player. Das ist aber kein Österreich-Phänomen, sondern europaweit so. Ich glaube aber, dass die Digitalisierung ganze Regionen nach vorne bringen kann. Ich hatte bereits mit Denkmodellen zu tun, wo es beispielsweise darum gegangen ist, dass sich Niederösterreich künftig als eine Art „Green Tech“-Hub positioniert. Es entstehen künftig auch viel mehr Daten, auch da könnte sich Niederösterreich einen Namen machen – und damit eine ganze Region entwickeln. Das sind natürlich Denkmodelle, aber sie zeigen eindeutig, wenn ich mir eine Strategie zurechtlege, dann kann ich auch als Region mit der Digitalisierung Vorteile erzeugen.

Das hätte auch weitreichende regionale Auswirkungen: Wenn ich mich mit Datenanalyse beschäftige, muss ich nicht unbedingt in einer Hauptstadt wohnen. Das heißt, ich kann wieder zurück ins Dorf, dort eine Infrastruktur aufbauen und wieder mehr besiedeln. Ich habe keine konkrete Lösung, sehe dort aber Chancen.

Digitalisierung hat aber natürlich auch Risiken. Was vielleicht schon passiert ist, ist, dass eine Spaltung der Gesellschaft eintritt. Auf der einen Seite habe ich Menschen, die mitkommen, weil sie qualifiziert und motiviert sind, auf der anderen Seite aber auch Menschen, die nicht mitkönnen oder –wollen. Es gibt „Horrorstudien“, die sagen, 50 Prozent der Arbeitsplätze fallen weg – das ist nicht richtig. Es werden ca. 10 bis 15 Prozent der Jobs wegfallen. Warum? Weil sich die gesamte Gesellschaft in Richtung Technologie umstellt. Das ist aber für Firmen genauso, es kann also sein, dass das Ganze wirklich auseinanderdriftet.

Kann man dem vorbeugen? 2025 bis 2030 sollen beispielsweise autonome Busse kommen – spätestens dann fallen Jobs weg.

Klar. Ich muss meine Leute dahin bringen, dass sie sich stärker mit Digitalisierung auseinandersetzen, dass sie fachliche Schulungen besuchen. Das System, also der Bus, muss irgendwann auch gewartet werden – es wird also einen Qualifizierungsschub geben. Uns werden aber die Jobs nicht ausgehen.

Nicht jeder Busfahrer oder Schweißer kann und will aber Ingenieur werden.

Richtig. Da muss man dann schauen, wie man umschichtet. Uns kommt auch hier der Trend der demografischen Veränderung entgegen. Wir bekommen weniger junge Menschen nach. Grob gerechnet werden die Jobs, die durch die Digitalisierung wegfallen, nicht ins Gewicht fallen, weil es auch weniger junge Menschen gibt. Das wird sich in etwa die Waage halten.

Die Rolle Österreichs

Was bedeutet Industrie 4.0 für den Wirtschaftsstandort Österreich? Wie stehen wir Ihrer Meinung nach im internationalen Vergleich da?

Es gibt von der EU-Kommission jedes Jahr einen Index, den DESI-Index, wo es darum geht, wie sehr die 28 EU-Staaten auf das Ganze vorbereitet sind. Österreich ist da immer im Mittelfeld, auch 2019. Schaut man auf die Details, sind wir bei der Ausbildung, was Internet-Applikationen angeht, gut, bei den „Advanced Digital Skills“ dann aber weniger. Wenn es um die Technologie-Integration geht, sind wir sehr weit hinten. Im Vergleich dazu sind die skandinavischen Länder sehr weit vorne. Das heißt, wir müssen schauen, wo wir da ansetzen müssen.

Wir als NOVOMATIC waren Teil der Enterprise 4.0-Initiative und werden jetzt auch wieder Teil eines neuen Projekts namens „Digital Champions Network“ (startet im Jänner, Anm.). Da geht es darum, dass wir einen Verbund an Unternehmen geschaffen haben, die miteinander gelernt und ein Ökosystem mit Unis und FH geschaffen haben. Wir haben uns überlegt, was Digitalisierung für uns heißt und aus dieser Überlegung heraus haben dann alle Mitglieder in diesem Ökosystem Forschungsprojekte gestartet. Das sehe ich als eine ganz wesentliche Voraussetzung für die Zukunft. Ich glaube, dieses „Abschotten“, wie es österreichische und europäische Unternehmen gewohnt sind, müssen wir aufgeben. Nur durch Kooperationen und Netzwerkbildung kannst du wirklich zusammenkommen. Digitalisierung hat keine Grenzen. Gerade dieses Netzwerken und Kooperieren ist die Grundlage für unsere Ausbildungsprogramme und die High Potential Netzwerktreffen mit der Österreichischen Post und der Wien Energie. Die jungen Menschen lernen in diesen Netzwerken.

Gibt es eine Nische, die Österreich besetzen kann?

Wir sind ja stark in einigen Bereichen! Schauen Sie auf Quantencomputer, da sind wir wirklich gut. Was wir nicht gut können, ist es, das Ganze zu verwerten. Es gibt hervorragende Forscher zum Thema Quantencomputer in Österreich, die Patente machen aber schon die Chinesen. Es geht nicht so sehr um das Wissen, sondern um diesen Transformationsprozess. Wie kann ich mein Produkt verwerten? Da sind auch die Amerikaner uns Nasenlängen voraus. Diese letzte Meile müssen wir hinbekommen.

Was wäre denn notwendig, um Österreich „digitalisierungsfitter“ zu machen?

Ich glaube, „fitter“ werden müssen wir vor allem bei der Ausbildung und beim politischen Rahmen. Wie schon gesagt: Digitalisierung ist nichts Lokales. Wir tun immer so, dass ein Bundesland oder Österreich im Gesamten so wichtig wäre. Wenn wir es schaffen würden, österreichweit etwas gemeinsam zu machen, hilft das schon – wichtig ist aber vor allem europaweit. Dieser Gedanke, dass es nicht um Österreich geht bei der Digitalisierung, ist ganz wichtig. Dann müssen wir über eine Digitalisierungssteuer nachdenken, damit wieder Geld reinkommt, aber wichtig wäre, zu überlegen, was wir machen können, damit wir in andere Regionen reinkommen.

Wesentlich ist aber auf jeden Fall die Ausbildung. Da gibt es zwar Initiativen, aber es wird noch zu wenig getan. Große Konzerne wie Google oder Apple saugen gute Mitarbeiter ab und dann bleiben nur noch Nischenplayer über. Uns muss es gelingen, Talente auszubilden und auch zu behalten.

Sollen wir Medien & Digitalisierung also schon in der Volksschule unterrichten?

Das wäre ganz wichtig, ja – aber natürlich fähigkeitsbezogen. Nicht jeder ist zum Programmieren geeignet. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem diese Fähigkeiten viel mehr gefördert werden. Es geht darum, in den Schulen Lernräume zu gestalten, damit sich die Kinder selbst etwas beibringen können. Dann sind auch manche Lehrpersonen nicht so schnell überfragt, weil manche davon ja selbst nicht mehr mitkommen bei diesem Technologiewandel. Wenn das pädagogische Konzept nicht stimmt, bringen auch iPad-Klassen nichts – die liegen dann herum und die Kinder schauen sich irgendwas an. Das neue pädagogische Konzept sieht da Besserungen vor, aber das kommt alles viel zu spät. Das sind Versäumnisse aus der Vergangenheit, die uns heute auf den Kopf fallen. Es ist keine Schande, zuzugeben, dass man bei der Technologie nicht ganz vorne dabei ist. Geben Sie Kindern eine Aufgabestellung und die Ressourcen, dann schaffen sie schon ihren Weg. Das ist eine ganz neue Art des Lernens. Darum machen wir mit unseren Lehrlingen auch interdisziplinäre Projekte.

Bedeutet Industrie 4.0 tatsächlich die vierte industrielle Revolution? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen? Manche Experten sprechen auch „nur“ von der zweiten Phase des digitalen Wandels. Wie sehen Sie das?

Erstens bin ich mit dem Begriff Industrie 4.0 sowieso nicht glücklich, weil jeder glaubt, es geht nur um Industrie. Letzten Endes geht es aber um die Digitalisierung in der gesamten Gesellschaft. Wenn man sich anschaut, was heute alles digitalisiert ist, ist das ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Benennung ist da egal. Was ich merke, ist einfach ein umfassender Prozess, der vor Jahren noch nicht da war. Wenn ich an Weihnachten denke und mir überlege, dass eine 50-Jährige heutzutage eine Alexa geschenkt bekommt, um die Gardinen zu bedienen, dann ist das für mich gelebte Digitalisierung. Die vertiefte Digitalisierung beginnt erst.

Dr. Klaus Niedl ist seit 2015 Global HR Director bei NOVOMATIC mit Sitz in Gumpoldskirchen. 

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