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Interview

Wie sorgt No Code für die Demokratisierung des Programmierens, Michael Ionita?

Michael Ionita. © Daniel Willinger | dwphoto.at
Michael Ionita. © Daniel Willinger | dwphoto.at

Hauptberuflich ist er der CTO der Wiener Software-Firma Walls.io, aber nebenbei engagiert sich Michael Ionita leidenschaftlich für ein neues Thema: No Code. Im Kern geht es dabei darum, dass Menschen ohne Programmierkenntnisse mit neuen Tools Software bauen können, um so ihre eigenen Ideen zusetzen. Ionita hat einen eigenen YouTube-Channel und ein eigenes (virtuelles) Meetup namens NoCode Vienna, um das Thema für alle Interessierten besser zugänglich zu machen.

Im Interview mit Trending Topics spricht Ionita darüber, was No Code für Developer bedeutet, wie man einen Einstieg in den Bereich schaffen kanne, welche Tools er empfiehlt und was Minecraft und Roblox mit allen dem zu tun haben.

Trending Topics: Michael, du beschäftigst dich seit längerem mit NoCode. Was fasziniert dich so an dem Thema?

Michael Ionita: Das Thema hat mich sehr gepackt, weil ich gemerkt habe, wie viele Türen es öffnen kann – für Nicht-Entwickler, sogenannte “Citizen Developer”, aber auch für Entwickler selbst. Plötzlich hat es Klick gemacht und ich habe verstanden, dass die Product Management und Prototyping-Ansätze, die ich über die Jahre gelernt habe, perfekt zu NoCode passen.

Im Product Management hat sich der Discovery und Delivery Workflow durchgesetzt. In der Discovery-Phase findet man heraus, was die User wirklich wollen. Dazu baut man Prototypen, meistens statische Click-Dummies. Mit NoCode kann man aber sogar einen Schritt weiter gehen, man kann eine echte App bauen und diese an Usern testen. Das gibt viele Messpunkte und genauere Resultate.

Dann gibt man diesen funktionierenden Prototypen an das Entwicklungsteam, und sie bauen dieselbe App nach, jedoch diesmal mit Code, skalierbar mit Deployment-Mechanismen und Dokumentation – eben das, was Entwickler gerne machen, also etwas bauen das funktioniert und skaliert. Das dauert aber lang und Anfangs ist noch nicht klar, ob es sich auszahlt diese Zeit zu investieren. Daher der NoCode-Ansatz.

Das Ganze hat damit begonnen, dass ich für den bisher größten Hackathon der Welt mit verantwortlich war. Urplötzlich war ich der Co-Organiser des #EUvsVirus Hackathon, welcher von der Europäischen Kommission ausging, um die COVID Krise zu bewältigen. Ohne NoCode hätten wir nicht 22.000 Anmeldungen und über 2.100 Abgaben mit Videos in kürzester Zeit verwalten und auswerten können. Als ich gesehen habe, welchen Wert NoCode für die Welt haben kann, für die 99% der Weltbevölkerung, welche nicht programmieren kann, habe ich mich dran gemacht, mein Wissen zu erweitern und dieses mit der Welt zu teilen.

Warum gibt es die No-Code-Bewegung überhaupt? Hat der Developer als Star der IT-Welt ausgedient? Kommt jetzt die Demokratisierung von Code?

Es ist so, dass 99 Prozent der Menschen auf der Welt nicht programmieren können, diese Menschen haben aber Ideen, die sie umsetzen wollen. Das führt dazu, dass viele Ideen nicht mal getestet werden können, weil sich kein Entwickler findet, welcher Zeit hat, für wenig bis keine Bezahlung die Ideen umzusetzen. Aktuell verdienen gute Entwickler 60 bis 120k brutto im Jahr und es macht einfach kaum Sinn, für weniger zu arbeiten, um kleinen Projekten zu helfen. Manche machen das, aber trotzdem kann das nicht der Masse helfen, ihre Ideen auszuprobieren.

Es ist so, als würden die meisten Menschen nicht schreiben können, somit können sie nur beschränkt die digitale Welt mitgestalten, einmal abgesehen von sozialen Netzwerken und Blog-Plattformen, wo sie normalen Text schreiben können, um Content zu produzieren. Aber sobald sie eine eigene Idee für ein digitales Business haben, stecken sie meist fest. Hier kommt NoCode und demokratisiert den Zugang.

Was passiert mit den Developern?

Diese sind immer noch die Heroes und werden es auch auf absehbare Zeit bleiben, weil NoCode und auch LowCode Limits haben, und dann braucht es wieder einen Developer, welcher ein Modul schreibt, um das Problem zu lösen. Das Neue daran ist jedoch, dass Developer anfangen müssen modular zu denken und nicht mehr in “ganzen Lösungen”. Diese Module ermöglichen es Menschen, ihre eigenen Apps zu bauen. So wie Lego-Bausteine. Jedoch gibt es noch viel zu tun, denn es gibt klare Limits, die NoCode noch nicht lösen kann und das ist auch absolut ok so.

Sogenannte Citizen Developers, also Menschen die nicht programmieren können, die jedoch Apps entwickeln wollen, machen jedoch die Vorarbeit, auf welcher die Developer dann aufbauen können sollen. Das ist die Schnittstelle, die wir mit den NoCode Tools schaffen müssen. Kein entweder NoCode oder Code, sondern zuerst NoCode mit flüssigem Übergang zu Code, wenn es nötig ist.

Woher kommt der Trend? Anfang der 2000er haben wir MySpace-Seiten ohne Code selbst gestaltet, zählt das auch dazu?

Der Trend kommt aus der Not heraus. Es gibt einfach nicht genug Developer und die Menschen suchen sich neue Wege. Das ganze hat eigentlich mit Microsoft Excel begonnen. Dort konnte jeder einfache Formeln eintragen und sogar Felder dynamisch ein- und ausblenden.

Excel dient heute noch für viele Menschen als App Ersatz. Viele nutzen Excel als User Interface, welches via einem “What You See Is What You Get” Editor erlaubt, simple Apps zu bauen, die Dinge ausrechnen. Hierbei geht es nicht um schöne Apps,sondern um Daten und Zahlen – das hilft aber schon sehr vielen Menschen weiter. Excel wird heute noch als Todo-Liste oder als Urlaubsplaner missbraucht, aber wenn man nichts anderes hat ist es immer noch besser Excel so zu benutzen.

Wohin führt das in 2020?

Es führt dazu, dass Google Sheets als Datenbank für NoCode-Apps herangezogen wird. Das wiederum verlangt nach simplen Datenbank-Skills für Citizen Developers, damit sie ihre Google Sheets richtig strukturieren, um damit Apps mit Glide Apps oder AppSheet bauen zu können. Ich habe dazu auch ein YouTube -Video gemacht, welches zeigt, wie einfach es ist, eine Ausgaben -App zu bauen.

Gibt es bereits Firmen oder Startups, die komplett auf No Code setzen? oder ist das noch zu weit gedacht?

Ja gibt es. Da hätten wir Kollecto. Die App wurde mit mehreren NoCode Tools entwickelt, um Kunst an Kunstliebhaber zu verkaufen. Nach initalem Erfolg wurde die App mit bubble.io an einem Wochenende neu entwickelt. Tara Reed, die Gründerin, hat dazu einen TEDx Talk gehalten.

Dann gibt es da noch SPOTTO, eine App, die mit dem NoCode-Tool Adalo.com erstellt wurde. Diese App hat kürzlich sogar einen Exit hingelegt.

Ein weiteres FinTech Startup namens Qoins.io, welches Menschen, hilft ihre Schulden zurück zu zahlen, hat als NoCode-Startup begonnen und nach initialem Investment ein Tech-Team aufgebaut und Teile neu implementiert – was absolut Sinn macht und auch der Ansatz ist, den ich aktuell vertrete.

NoCode gibt einem Startup auf jeden Fall einen Speed-Boost und zwingt einen fast schon dazu, simple und iterative Prototypen zu machen anstatt, komplexe erste Versionen die dann am Kunden vorbei zielen.

Welche Rolle spielt AI bei dem Trend? Wenn man sich etwa GPT-3 ansieht, dann lässt das eine Zukunft zeichnen, in der man einer KI einfach ansagt, welchen Web-Dienst man gerade bräuchte, und die programmiert das dann selbstständig.

Das wäre super, oder? Aber so weit hergeholt ist das gar nicht. Aktuell kann GPT-3 tatsächlich simple Webseiten basierend auf Sprache erstellen.

Ich stelle mir eine Zukunft vor, wo es Marketplaces gibt, in denen man Texte kaufen kann (meistens Bulletpoint-Listen), welche man dann GPT-3 füttern kann, um genau die App zu bekommen die man haben will. Diese Texte kann man dann so modifizieren wie man möchte, um seine eigene individuelle App zu bekommen.

Der Trick ist es aber zu wissen, wie man Sätze konstruieren soll, damit GPT-3 diese nicht falsch versteht. Logisches Denken ist hier von Vorteil. So ein Ansatz kann in einem NoCode Tool dazu führen, dass die AI das grobe Konstrukt der App baut und der Mensch dann übernimmt und via Drag & Drop und Grafischen Interfaces dann die App finalisiert.

Es ist also vorstellbar, GPT-3 zu sagen: “Baue mir eine Website wie Airbnb” und man bekommt schon mal das Grobe fertiggestellt. Das spart bestimmt viel Zeit. Wichtig zu verstehen ist jedoch, dass GPT-3 keinen Zugang zur Business Logic von Airbnb hat, daher kann es auch nur die Website nachbauen und die visuellen Elemente, jedoch nicht die Logik.

GPT-3 oder 4 öffnet auch endlich die Türen für Chatbots. Das Modell hat 175 Milliarden Datenpunkte, mit Hilfe derer es Entscheidungen treffen kann. Es ist fast so gut (es fehlen nur noch 2%), dass es Artikel schreiben kann die von einem Menschen nicht mehr als maschinelle Artikel erkennbar sind. GPT-4 wird dann der Durchbruch sein, und Firmen undStartups, die dazu Zugang bekommen, haben definitiv einen “unfairen Vorteil”.

Für einen Einstieg in die No-Code-Welt – welche Plattformen und Tools empfiehlst du?

Ich empfehle Tools wie bubble.io, Adalo, GlideApps und AppSheet. AppSheet wurde kürzlich von Google gekauft, sicher kein Zufall.

Als Developer will man vielleicht eine REST API mit Business Logik zusammenklicken. Dazu empfehle ich backendless.com. Wer das einmal gesehen hat, wird kaum mehr APIs selbst Programmieren wollen. Mark Piller, CEO von backendless.com ist ein Visionär, da sollte man dran bleiben. Ich hatte auch das Glück, ihn bei einem NoCode Vienna Meetup dabei zu haben (remote natürlich).

Kinder und Jugendliche begegnen No Code vor allem durch Games wie Roblox oder Minecraft. Ist das ein sinnvoller Einstieg?

Absolut. Vor Allem der Einstieg mit Tools wie Scratch ist perfekt, denn die ausgereiften NoCode-Tools verwenden dieselbe Metapher, Blöcke die man wie Lego zusammensetzen kann – siehe backendless.com. Roblox is auch sehr spannend. Dort muss man schon ein wenig programmieren, um wirklich etwas Sinnvolles bauen zu können. Aber das hat auch seine Vorteile, wenn Kinder das früh lernen.

Ich denke, dass NoCode unausweichlich ist. Unsere Kinder wachsen jetzt schon mit NoCode Tools auf und merken es kaum. Jetzt sollten sie nur noch die oben erwähnten Tools kennenlernen, und schon können sie ein Online-Business starten, ohne Programmieren zu können.

No Code klingt danach, als würde in ein paar Jahren niemand mehr programmieren müssen. Sollte man Programmieren überhaupt noch lernen? Werden Programmierer durch No Code abgeschafft?

Programmierer werden wir noch eine lange Zeit brauchen. Denn es gibt Ideen, die nicht mit “Blöcken” abbildbar sind. Noch nicht. Zum Beispiel komplexe Algorithmen oder noch nie dagewesene User-Interface-Elemente müssen immer noch von jemandem erfunden werden, damit diese dann von NoCode-Tools nachgebaut und als Blöcke angeboten werden können.

Die ultimative Vision ist, dass Citizen Developers (also nicht Programmierer) eine App beginnen können und dass Developer dann übernehmen können, wenn diese an Grenzen stoßen. Diese Brücke zwischen Citizen Developer und Developer sollte in beide Richtungen funktionieren. Wenn also ein Developer etwas programmiert hat, sollte das in der NoCode Umgebung sichtbar sein und umgekehrt. Das NoCode Tool, dass das schafft, hat gewonnen, denn dann können Manager und Developer direkter kollaborieren und das spart viel Zeit und Geld. Aber vor allem reduziert es die Frustration des Managements, dass alles so langsam geht.

Stell dir vor, Produktmanager können ihre eigene App bauen, ohne auf Development-Zyklen warten zu müssen. Sie können diese im Markt testen und mit Developern kollaborieren, um Elemente zu bauen, die mit NoCode noch nicht machbar sind. Developer gefällt diese Idee auch, denn sie kommen erst dann zum Zug, wenn es darum geht, etwas zu bauen, das skaliert oder wenn es um etwas Neues und Modernes geht, was es noch nicht gibt – somit die monotone Arbeit ersetzt.

Aber Achtung, Developer sollten immer im NoCode-Prozess eingebunden werden, um früh Feedback geben zu können.

Wie werden No Code-Plattformen programmiert? Haben Devs dafür spezielle Anforderungen? Was müssen sie können?

Dabei liegt das Augenmerk beim Produkt-Team, denn dieses muss technische Erfahrung mitbringen, um eben die Brücke zwischen Citizen Developer und Entwicklung schlagen zu können. Die NoCode-Plattform soll ja eine Abstraktion sein zwischen der visuellen Zusammensetzung von Logik und dem Code, der dann dabei herauskommt. Solche Tools werden ganz normal auch mit zB. Java, NodeJS und ganz viel JavaScript programmiert.

Es gibt sogar ein NoCode-Tool, das behauptet, ihr Tool mit NoCode zu bauen, was jedoch schwer zu glauben ist. Dabei handelt es sich um Bildr.com, sie sagen “We built Bildr, with Bildr 🤯”.

Wichtig ist bei NoCode Tools die Abstraktion richtig hinzubekommen. Sie muss viel erlauben und trotzdem simpel genug sein, dass Citizen Developer sie nutzen können. Keine Einfache Sache. Deshalb muss das Produkt Team hier richtig gut sein.

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