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Kommentar

Staat und Startups: Never trust the hype!

Bundeskanzler Christian Kern bei seinem Auftritt vergangene Woche im Sektor 5. © Timar Ivo Batis
Bundeskanzler Christian Kern bei seinem Auftritt vergangene Woche im Sektor 5. © Timar Ivo Batis

Wir retten die Welt. Wir machen die Wirtschaft effizient. Wir sorgen für Arbeitsplätze, sichern den Standort, arbeiten 14 Stunden am Tag mit Technologien, die für 99 Prozent der Bevölkerung Hokuspokus sind. Kein Wunder, dass sich Politik, Medien und Konzerne wie die Heuschrecken auf die Startup-Szene stürzen. Wir besiegen die Prosperitätssorgen der westlichen Gesellschaft mit lässigen GIFs, funkelnden Ideen und immer mindestens einer Hand am Tischfußball. Wir treffen uns übers Wochenende in renovierten Fabrikhallen und basteln an neuem Hokuspokus, der essenzielle Probleme im Vorbeigehen löst. Plastikmüll im Ozean, Energierevolution, Delfinsterben. Wir sind der menschgewordene Optimismus, nach dem sich alle seit Ausbruch der Wirtschaftskrise so gesehnt haben. Die hochtalentierten Massen aus den Universitäten strömen in die CoWorking-Büros, um sich an der smarten Revolution zu beteiligen. Never trust the hype!

Zeit, dass sich was dreht

Und es rauscht ja auch mächtig im Gebälk: Der Talent Garden eröffnet eine Zweigstelle. weXelerate zieht nach und schafft den größten Hub in CEE in unserer kleinen Stadt. Neben Speedinvest II mit 90 Millionen Euro, schickt sich gerade das Business Angel-Netzwerk Startup300 an, den zweiten gewaltigen Geldtopf anzulegen; bis zu 60 Millionen Euro werden angepeilt. Neben den Privaten bildet die Politik die zweite Achse: Unlängst wurde das Startup-Paket der Bundesregierung verabschiedet. 185 Millionen Euro werden über die kommenden drei Jahre in das Ecosystem gepumpt. Laut Staatssekretär Harald Mahrer sollen so bis 2020 50.000 neue Gründungen initiiert werden. Heute folgte der nächste kleine Schritt: Die Rot-Weiß-Rot-Karte erhält einen Startup-Passus, der es ausländischen Gründern erleichtert in Österreich Fuß zu fassen.  

Hochtrabende Ziele und ernüchternde Zahlen

Fast parallel dazu legte die KMU Forschung Austria ein paar nackte Zahlen vor, die den Hype an die Zügel legen. Nur 1,5 bis drei Prozent pro Jahr, also rund 500 bis 1.000 Versuche ein Unternehmen aufzubauen, sind per definitionem Startups. Ja, sicher: Die Bestimmung, wer oder was nun ein Startup ist, gibt es in etwa so viele wie neunmalkluge Buzzwords in einem Pitch. Die KMU Forschung Austria meint, dass ein Unternehmen ein Startup ist, wenn es technologisch was Neues probiert, ein innovatives Geschäftsmodell verfolgt, noch keine zehn Jahre am Markt ist und schnell Geld und Mitarbeiter für sich gewinnen will. Je nachdem, wie Institute und Politik definieren, werkeln 2.000 bis 4.000 Startups in Österreich. Gut die Hälfte davon in Wien.Der Staat denkt und lenkt und will die Szene mit aller Gewalt düngen. Denn rund 1.500 junge Gründungen sollen in den Genuss staatlicher Hilfe von bis zu 125.000 Euro durch das Startup-Paket kommen. Fair enough in einer sozialdemokratisch geführten Koalition. Muss marktliberalen Köpfen nicht schmecken, aber irgendwoher muss das Geld für die exorbitanten Steuer- und Sozialversicherungszahlungen ja kommen.

Ziele langfristig planen

Sollten die angekündigten Pläne der Regierung vollzogen werden, müssen in den kommenden drei Jahren 45.000 Unternehmen gegründet werden. Zur Erinnerung: Das Mega-Projekt von WeXelerate nimmt 100 Jungunternehmen auf. Die fünf angekündigten Exzellenz-Cluster der Regierung sind gerade in der Konzeptionsphase. Bedienen wir den Konjunktiv: Um so viele Gründungen im definierten Startup-Bereich zu gewährleisten, bräuchte es dutzende Exzellenz-Cluster, Talent Gardens und der Donaukanal müsste von Nußdorf bis zum Praterspitz mit Hochhäusern gespickt sein, die sich dem Wachstum kleiner Technologie-Unternehmen verschrieben haben. Die Rechnung ginge auf, wenn alle neuen Frisöre, Kebap-Buden und Kosmetik-Studios auch unter Startups firmieren würden. Tun sie aber nicht.

IT-Kurse für Kindergärten und Verlustabschreibungen

Die nächsten wichtigen Schritte sind daher eher langfristiger Natur: Das Commitment des Staates, die Bildung ins 21. Jahrhundert zu hieven:Unternehmerisches Denken und Handeln als Schulfach, IT-Kurse in Kindergärten, Coding-FHs. Damit ist leider erst zu rechnen, wenn die Kinder der ersten Startup-Generation beginnen über ihre berufliche Zukunft nachzudenken. Bundeskanzler Christian Kern hat die Ergebnisse der ersten Initiativen in diesem Bereich irgendwo um das Jahr 2025 herum verortet.

Weiterer dringender Handlungsbedarf besteht bei den Abschreibungsmöglichkeiten für Investoren. Hansi Hansmann, engagiert in knapp 50 Startups, brachte in einem Interview mit uns Ende des vergangenen Jahres das Vorbild Großbritannien ins Spiel, wo man die Hälfte der Investitionen sofort, bei Verlusten das komplette Investment absetzen kann. So wäre der Weg etwas leichter, einen Bruchteil der 100 Milliarden Euro, die in Österreichs Stiftungen vor sich hin dümpeln, zu aktivieren.

Das wären die nächsten Bausteine, die dem Gründerland Österreich den Weg ebnen. Vielleicht nicht zu 15.000 Gründungen pro Jahr im technologischen Sektor, aber um sich auf der europäischen Entrepreneur-Landkarte ein Sternchen zu verdienen.

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