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Neuschnee aus der Wolkenkammer

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DIe Testanlage der Wolkenkammer in Obergurgl. © Neuschnee

Mit dem nahenden Winter hat die Königsdiziplin der Österreich bald wieder Hochsaison – das Skifahren. Selbst bei noch milden Herbsttemperaturen beginnen dabei viele Wintersportgebiete mit dem Liftbetrieb, denn über 60 Prozent der österreichischen Pisten sind mittlerweile künstlich beschneibar und garantieren Schneesicherheit an mindestens 100 Tagen im Jahr. Was Touristiker und Pistenflitzer freut, hat aber oft dramatische Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Das niederösterreichische Start-up Neuschnee will das ändern und möchte mit seiner Wolkenkammer nicht nur umweltfreundlichen, sondern auch luftig leichten Schnee auf unsere Pisten rieseln lassen zu lassen.

Eine herkömmliche Schneekanone stellt aus einem Kubikmeter Wasser gerade einmal zwei Kubikmeter Schnee her und verbraucht dabei je nach Temperatur zwischen einer und fünf Kilowattstunden Strom. Die über 20.000 Schneekanonen Österreichs verbrauchen pro Jahr und beschneiten Hektar etwa sechs Millionen Liter Wasser und insgesamt 260,000 Megawattstunden Strom – das entspricht dem Wasserverbrauch Wiens und dem Energieverbrauch Salzburgs!

Das Team von Neuschnee verspricht, mit ihrer Methode um 60 Prozent weniger Wasser und 50 Prozent weniger Energie zu verbrauchen und damit alles von rundkörnigem, schwerem Schnee bis zu flockig-frischem Neuschnee (nomen est omen) herstellen zu können. Das Unternehmen wurde 2014 als Spin-Off der Universität für Bodenkultur Wien und der Technischen Universität Wien gegründet und bereitet sich jetzt auf ihren dritten Winter im Pisteneinsatz vor.

Lernen von Mutter Natur

michael-bacher_neuschnee„Wir produzieren Schnee in der gleichen Art und Weise, wie unser Vorbild – die Natur,“ erklärt Michael Bacher, Gründer und Geschäftsführer von Neuschnee. „Als leidenschaftlicher Skitourengeher hatte ich immer schon eine starke Verbindung zu Wintersport in den Bergen und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni habe ich mich intensiv mit Schnee und Lawinen beschäftigt. So wurde die verrückte Idee geboren, Eiskristalle wachsen zu lassen – und die entwickeln wir jetzt mit Neuschnee weiter.“

Und das funktioniert so: Herkömmliche Schneekanonen zerstäuben schlicht Wasser und lassen die Tropfen gefrieren, bevor der Kunstschnee auf die Pisten katapultiert wird. Neuschnee hingegen lässt Kristalle wachsen. Dies passiert in einer zylindrisch geformten Wolkenkammer von sechs Meter Höhe, wo sich aus feinem Wassernebel zuerst winzige Eisplättchen formen – ganz wie in einer echten Wolke. Während diese zu Boden schweben, verbinden sie sich zu größeren Kristallen, ebenso wie Naturschnee. Damit das allerdings überhaupt möglich ist, muss mit sogenannten Nukleationskeimen erst nachgeholfen werden, denn unter natürlichen Bedingungen würden sich Eiskristalle erst bei Temperaturen von minus 38 Grad Celsius bilden.

eiskristalle_neuschnee

Die Temperatur entscheidet letztlich auch über die Beschaffenheit des Schnees: bei großer Kälte wachsen sternförmige Dendriten und der Schnee wird luftig und leicht; bei höheren Temperaturen bilden sich säulenförmig oder hexagonale Kristalle, und der Schnee wird eher nass und patzig. Richtig effizient ist die Herstellung von Schnee – sowohl in Schneekanonen als auch in der Schneewolke – aber momentan nur bei Minusgraden. In Zukunft sollen weiterentwickelte Nukleationskeime es hingegen ermöglichen, auch bei Plusgraden umweltfreundlich den perfekten Schnee zu produzieren.

Von Obergurgl in die weite Welt

Die erste Neuschnee-Anlage ist seit 2014 in Obergurgl im Tiroler Ötztal in Betrieb. Der Bayerische Rundfunk hat über dieses Projekt sogar eine halbstündige Dokumentation gedreht. „Noch sind wir im wissenschaftlichen Testbetrieb,“ erläutert Bacher, „aber wir sind sehr zuversichtlich, nach diesem Winter die ersten Anlagen kommerziell an weitere Skigebiete zu verkaufen.“

In den letzten neun Monaten hat Neuschnee zudem ein neues Marktsegment ins Visier genommen: Perfekter Schnee für Indoor-Räumlichkeiten, beispielsweise nordische Skihallen, Entertainment-Center oder Wellnessoasen. Das finnische Unternehmen SnowTec, verantwortlich für die Schneesicherheit bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi sowie winterliche Verhältnisse in Schneeerlebniswelten rund um die Erde, hat Neuschnee als Partner für zukünftige Projekte ausgewählt – aufgrund der Top-Qualität des erzeugten Schnees.

„Ausgehend von unserem Testgebiet wollen wir in den nächsten drei Jahren den österreichischen Markt für Skigebiete und den internationalen Markt für Lifestyle-Anwendungen von Schnee erfolgreich bearbeiten,“ zeigt sich Bacher zuversichtlich. „Wir beherrschen die Technologie bereits gut, nun müssen wir sie nur noch auf die Piste bringen.“

Für die nächste Abfahrt können wir also nur auf Neuschnee hoffen – von der einen oder der anderen Sorte.

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  • „Sechs Millionen Liter Wasser und insgesamt 260,000 Megawattstunden Strom – das entspricht dem Wasserverbrauch Wiens und dem Energieverbrauch Salzburgs.”

    Da kann was nicht stimmen, dann dürfte jeder Wiener nur drei Liter Wasser im Jahr verbrauchen.

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