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Mindset Technologies: Brandneues Wiener Startup will „Pulsuhr fürs Gehirn“ entwerfen

Datenbrille von Viewpointsystem aus Wien. © Viewpointsystem
Datenbrille von Viewpointsystem aus Wien. © Viewpointsystem

Wenn man ein Ding, einen Bildschirm oder eine Person anschaut, dann hat er, sie oder es unsere volle Aufmerksamkeit. Richtig? Falsch. Die Blickrichtung hat eigentlich relativ wenig mit unserer Aufmerksamkeit zu tun. Man kann den Monitor in der Arbeit ansehen, aber gedanklich noch im letzten Urlaub verharren, oder den Lehrer mit den Augen verfolgen, aber eigentlich dem Geflüster aus der hinteren Schulbank folgen.

Der Wiener Neurowissenschaftler Christian Kusmitsch und sein Geschäftspartner Aladar Tepelea wollen, basierend auf dieser Erkenntnis, ein gänzlich neues Startup im Neurotech-Bereich groß machen. Ihr Ansatz: Mit Hilfe von AR-Brillen will er die Aufmerksamkeit von Sportlern messen. Die junge Firma heißt Mindset Technologies und sucht derzeit ein Investment von mehr als 1,5 Millionen Euro. Als Partner werden etwa Viewpointsystem aus Wien (Trending Topics berichtete), die Sogang University Seoul und die eSports- Beratungsfirma 4k&Co aus Südkorea genannt. Kusmitsch erklärt im Interview, wie die Technologie und das Geschäftsmodell funktionieren sollen.

Trending Topics: Mindest Technologies ist ein brandneues Startup, dass eine „Puls-Uhr für das Gehirn“ bauen möchte. Was darf man sich denn unter diesem Pitch vorstellen?

Christian Kusmitsch: Das Mainstreaming, das wir zur Zeit im Bereich der Puls- bzw. Herzratenmessung erleben – vom EKG beim Arzt wanderte die Messung in eine Apple Watch – wird auch im Bereich kognitive Leistungsfähigkeit kommen. Davon sind wir überzeugt. Deswegen schaffen wir analog zum Pulsmesser des Herzens einen „Pulsmesser“ fürs Gehirn.

Wie wird die Aufmerksamkeit nicht-invasiv gemessen? Woher kommen die Daten, welche Hardware setzen Sie ein?

Wir beobachten den einzigen von außen sichtbaren Teil des Gehirns, die Augen. Allein schon deshalb ist es nicht-invasiv. Wir verwenden Kameras und AR/VR-Brillen, um Charakteristika des Lidschlags und der Pupillen zu messen und vorherzusagen. Außerdem messen wir nach Möglichkeit – auch über Kameras – Herzrate und Herzratenvariabilität bzw. auch Durchblutungsmuster im Gesicht. Das alles wegen des Real-Time-Anspruchs mit geeigneter AI.

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Am Markt gibt es bereits Eye-Tracking-Technologien, um etwa die Aufmerksamkeit eines Internetnutzers für Online-Werbung zu messen. Wodurch unterscheidet sich da Mindest Technologies?

Die Blickrichtung hat nur im Volksmund mit Aufmerksamkeit zu tun. Ich kann ganz gut meinen Blick auf etwas ruhen lassen und vom „Betrachteten“ genau nichts mitkriegen. Weil die Funktion der Aufmerksamkeit nicht dazu geschaltet war. Genauso gut kann man allerdings Aufmerksamkeit auf etwas richten, ohne den Blick zu wechseln. Wir schließen auf die kognitiven Funktionen, die hinter den beobachteten Mustern liegen. Das können wir, weil wir Daten und kognitive Psychologie sowie biologische Grundlagen verstehen.

Für eine Heatmap der Blickrichtung (Mafo) muss ich erstmal wenig verstehen: Dafür erklärt es nichts sondern beschreibt nur das Beobachtete in verständlicher Zusammenfassung. Mit Deskriptivstatistiken kann ich nichts vorhersagen.

Eines der ersten Anwendungsgebiete soll Gaming sein – warum gerade dort?

eSports ist ein mentaler Hochleistungssport: Tempo, Zeitdruck, Geschicklichkeit sind neben Ausdauer gefordert. Das ist wie Motorinnovationen aus der Formel 1 in den Mainstream bringen. Und, auch analog zur Formel 1: ein eSportler ist komplett digitalisierbar in seiner Leistung und das in einer laborähnlichen Bedingung (Licht, Standards in Spielen, Regeln, etc.)

eSports ist daher der ideale Ort, um zu starten. Denn dort machen Änderungen des Trainings und bessere Kenntnis des eigenen Zustands riesige Performance-Unterschiede aus. Damit erzeugen wir Nutzen. Übrigens, Polar, der Pionier auf dem Gebiet der Pulsuhren, hat auch mit Sportlern begonnen – vor 30 Jahren waren die Uhren gut, aber teuer.

Christian Kusmitsch mit Vertretern von 4K&Co aus Südkorea. © Mindset Technologies

Heute sind Pulsmessungstechnologien in unterschiedlichen Devices verbaut. Garmin hat sogar eine dezidierte Gamer-Uhr. Allerdings macht es nur dann Sinn, wenn man weitere Daten dazu nimmt. Physiologische Werte ohne genaue psychologische Werte dazu sind weder für Training noch Wettkampf sinnvoll. Das ist nur Show.

Auch beim Fußball soll das Tracking der Aufmerksamkeit eingesetzt werden – wie kann man sich das vorstellen?

Der Torwart, später auch die Feldspieler, bekommen eine Augmented-Reality-Brille aufgesetzt. Mit der können wir die Augen verfolgen, auch den Lidschlag und bald auch die Pupillengröße. Wir sehen, was der Goalie sieht und wohin er sieht, und das live und in Echtzeit. Dann können Standardsituation durchgespielt werden.

Alle psychophysiologischen Daten werden mit den Bilddaten einer externen Vogelperspektive-Kamera verschnitten. Für die Objektivierung von Ballbesitz, Pässen, gelaufenen Strecken, etc. verwenden wir die AI-Technik eines Partnerunternehmens. Bei uns macht das Training und die Messung ein Fussballexperte – zum Beispiel ein ehemaliger Torwarttrainer, ein in Österreich ein ehemaliger Bundesligatrainer -, damit die vertieften Beobachtungen gleich rückgemeldet werden können. Die weitere Analyse der Aufmerksamkeitsleistung erfolgt dann abseits vom Spielfeld. Dem Betreuerstab werden dann die Ergebnisse berichtet.

Wie ist das Geschäftsmodell von Mindset Technologies aufgesetzt?

Zu Beginn bieten wir Analytics-as-a-Service, d.h. wir haben noch eine entscheidende Komponente „Man-Brain-Power“ dabei. Das fertig entwickelte Produkt ist dann eine Plattform für profiliierte, validierte und verlässliche Marker von Aufmerksamkeit und Leistung. Darauf basiert unsere SaaS „mindset point“, die in unterschiedlichsten Verticals über geeignete Schnittstellen beobachtete, aber veredelte und vorhergesagte Werte an Fach-Applikationen übergibt. Diese Applikation sehen im Auto anders aus als beim eSportler, aber unser Fokus gilt ja dem Layer davor.

Herr Kusmitsch, Sie selbst sind Neurowissenschaftler. Wie kam die Entscheidung, nun ein Spin-off zu gründen?

Ich bin gelernter Neurowissenschaftler, aber auch über 20 Jahre erfahrener Management-Advisor in unterschiedlichen Gebieten. Wenn der Neurowissenschaftler alleine reichen würde, um ein Unternehmen zu gründen, hätten wir nun eine wahre Schwemme! Neurotech ist aber ein Trend, und heutzutage leben einige Forscher schon am Fuße des Elfenbeinturms und nicht mehr im dortigen Kaminzimmer in der obersten Etage. Ich sehe den Bedarf, ich sehe die Mittel und wir haben das richtige Team, um die Nuss zu knacken. Es wäre fahrlässig, da nichts zu unternehmen.

Hat das Startup schon Investoren für sich begeistern können? Welchen Finanzierungsbedarf gibt es?

Ich glaube, dass wir tatsächlich schon Investoren begeistert haben. Allein die Begeisterung wurde noch nicht in Finanzierung/Beteiligung verwandelt. Wir raisen momentan 1,8 Mio. Dollar in zwei Tranchen, um unser eSports-Produkt zu entwickeln.

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